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Arte-Dokus zu Auschwitz : Das Grauen endet nie

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Die „Todeswand“ im Stammlager des Konzentrationslagers Auschwitz zwischen Block 10 und Block 11. Vor ihr wurden Tausende von Menschen ermordet. Bild: © Arved Von Zur Mühlen

Die Erinnerung an Auschwitz aber muss aktiv wachgehalten werden. Arte tut es mit einer Dokumentation, die noch einmal fragt, warum die Gaskammern nicht bombardiert wurden.

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          Fünfundsiebzig Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz rufen uns rund um den Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar eine ganze Reihe von Dokumentationen, darunter viele Erstausstrahlungen, noch einmal die Greuel der von den Nationalsozialisten obsessiv und fabrikmäßig betriebenen Vernichtung der europäischen Juden ins Gedächtnis. Das unfassbare Verbrechen, eines der größten der Menschheitsgeschichte, ist von Historikern inzwischen umfassend aufgearbeitet. Gänzlich neue Fakten können die Dokumentarfilme daher kaum beisteuern, aber ihre Aufgabe ist auch eine andere und nicht minder wichtige.

          Es gilt, die Erinnerung an das Geschehene wachzuhalten und gegen Leugnungen zu immunisieren, und das auch für eine Nachzeit, in der keine direkten Zeugen mehr leben. Schon heute hat die junge Generation laut einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2017 erschreckend wenig Kenntnis über die Zeit des Nationalsozialismus: Nur 59 Prozent der befragten deutschen Schüler wussten, dass Auschwitz-Birkenau ein Konzentrations- oder Vernichtungslager war, von den Vierzehn- bis Sechzehnjährigen waren es nur 47 Prozent. Und Unwissen ist gefährlich. Soeben schlug der Leiter der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen Alarm, weil er häufiger beobachtet hat, wie Schüler mit einstudierten revisionistischen Thesen Scheindebatten anzettelten und sogar die Zahl der Opfer in Frage stellten.

          Arte verknüpft nun zwei erschütternde, dokumentarfilmtechnisch tadellose Erstausstrahlungen, die neben Experteninterviews und Archivmaterial noch einmal auf Gespräche mit inzwischen hochbetagten Überlebenden zurückgreifen, zu einem – man muss warnen: schwer erträglichen – Auschwitz-Themenabend. Den Anfang macht der gewissermaßen von außen, durch die Augen der Alliierten, auf das Todeslager blickende Film des auf historische Stoffe spezialisierten britischen Autors und Filmemachers Mark Hayhurst. Spätestens seit den sogenannten „Auschwitz-Protokollen“ der im April 1944 entkommenen Häftlinge Rudolf Vrba und Alfred Wetzler waren die Alliierten über die Funktionsweise der Mordfabrik informiert. Hayhurst bricht die zwischen Ungläubigkeit und Abscheu schwankenden Reaktionen auf ein so greifbares wie unlösbares Dilemma herunter, auf die zumindest ansatzweise tatsächlich diskutierte Frage: Sollte Auschwitz bombardiert werden?

          Weil gezielte Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg noch nicht möglich waren, wäre mit einer flächigen Bombardierung des Lagers die Gefahr verbunden gewesen, viele Gefangene zu töten, die Gaskammern aber möglicherweise zu verfehlen. Unter Zuhilfenahme von glaubhaften Spielszenen zeichnet Hayhurst detailliert nach, wie der Report von Vrba und Wetzler entstand und unter größter Geheimhaltung durch die Kanäle des jüdischen Untergrunds an das War Refugee Board gelangte, eine vom amerikanischen Präsidenten Roosevelt 1944 eingerichtete Regierungsstelle für die Opfer der NS-Diktatur. Einige Vertreter jüdischer Organisationen verlangten von dessen Leiter die Bombardierung des Lagers, aber John Pehle, der wusste, wie ablehnend sich das amerikanische Kriegsministerium verhielt, reagierte vorsichtig. Er hat das 1978 als tragischen Fehler bezeichnet.

          Doch nicht nur das moralische Dilemma (Gefangene bombardieren), strategische Prioritäten (alle Bomber an die Front) und die Angst, der deutschen Propaganda in die Hände zu spielen, ließen Amerikaner und Engländer von den Bombardierungsplänen Abstand nehmen, erfährt man hier. Auch bei den Alliierten gab es antisemitische Stimmungen, die sich anhand ministerieller Schreiben belegen lassen. Besonders krass tritt dies zutage in der Begründung, mit welcher der Herausgeber des „Yank“-Magazins des amerikanischen Militärs im Herbst 1944 einen druckfertigen Artikel zu Auschwitz ablehnte: Das Stück, auf Informationen von Pehle beruhend, sei „zu judenfreundlich“.

          Nur irrtümlich fielen im September 1944 einige Bomben auf Auschwitz. Alle Interviewten bedauern den ausgebliebenen Großangriff. Besonders eindrücklich ist es, wenn die Überlebenden sagen, sie hätten sich eine Bombardierung gewünscht – zu welchem Preis auch immer. „Es war allen egal“, sagt die bekannte Holocaust-Forscherin Deborah Lipstadt resigniert. Auch in den Augen des Gelehrten, Rabbiners und Filmemachers Michael Berenbaum, der sich ausgiebig mit diesem Thema befasst hat, wäre die Bombardierung ein wichtiges moralisches Statement der Weltgemeinschaft gewesen. Dass sie die Judenverfolgung durch die Deutschen entscheidend gebremst hätte, glaubt er allerdings nicht.

          Immerhin hätte ein frühzeitiges Bombardement wohl viele der menschenverachtenden Experimente eines Arztes wie Carl Clauberg unterbunden. Auf Claubergs Forschungen und letztlich auch auf seine in Block 10 an Hunderten Mädchen und Frauen erprobten Sterilisationsmethoden – darauf zielt die Dokumentation von Sonya Winterberg und Sylvia Nagel ab – griff man später im Schering-Konzern (heute Bayer) bei der Entwicklung der (deutschen) Antibabypille zurück. Auch dieses Kapitel der Wissenschaftsgeschichte war bereits bekannt, aber auf solche Weise nahegebracht, kommt das Grauen noch einmal viel näher. Die Filme gehörten in den Schulunterricht.

          1944: Bomben auf Auschwitz läuft um 20.15 Uhr auf Arte. Um 21.50 Uhr folgt die Dokumentation Medizinversuche in Auschwitz. Clauberg und die Frauen von Block 10.

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