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Arte-Dokumentation : Was heißt heute „jüdisches Leben“ in Europa?

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Straßburger Gespräch: Alice Brauner und Yves Kugelmann unterwegs in „Klein-Jerusalem“ Bild: ZDF/AVE Publishing

Von Tanger nach Marseille und Straßburg, von dort über Frankfurt am Main nach Berlin und Warschau, Budapest und Venedig: In der zweiteiligen Reisereportage „Jüdisch in Europa“ von Alice Brauner und Yves Kugelmann liegt der Reiz im Detail.

          Wie lebt es sich in jüdischer „Community“ gegenwärtig in Europa? Wie zeigt sich „jüdischer Lifestyle“ in Alltag, Kultur und religiösem Leben? In der zweiteiligen Reisereportage „Jüdisch in Europa“ lassen sich diese und andere Fragen offensichtlich am besten beim Essen beantworten. Immer wieder liefern Bars und Restaurants in unterschiedlichen Ländern die Schauplätze; das Publikum ist bunt, die Gespräche an Tresen oder Tisch sind leger, nachdenklich oder gut gelaunt. Das Essen in der Gemeinschaft, der Genuss in der Runde, identitätsstiftende Nostalgie und Rezepte mit Experiment stehen dabei auch sinnbildlich für die bewegenden Themen.

          Die Rahmung bilden Reflexionen während der Fahrt. Politik, alte und neue Zuschreibungen, Sicherheitsbedenken und Freiheitsspielräume, Vergangenheit und Zukunft, Diaspora und Heimat, werden im Transit besprochen. Einiges hört und liest man seit einiger Zeit über Antiisraelismus und Antijudaismus und den statistisch belegten Anstieg von Gewalttaten mit antisemitischen Hintergrund. Beobachtungen abseits solcher Berichte zu machen und die Zuschauer auf eine Reise durch den facettenreichen Alltag jüdischen Lebens mitzunehmen, das ist das eigentliche Ziel des dokumentarischen Roadmovies „Jüdisch in Europa“. Die Berliner Filmproduzentin Alice Brauner, Tochter des verstorbenen Produzenten Artur Brauner, und der Schweizer Publizist Yves Kugelmann reisen nun mit neu gegründeter Freundschaft und steter Auseinandersetzungslust im Gepäck von Ort zu Ort.

          Das ist meistens kurzweilig, gelegentlich wirkt die Diskussionsfreudigkeit etwas aufgesetzt. Der Reiz der filmischen Angelegenheit liegt in den Details. Wer weiß schon, dass ausgerechnet Marseille, eine Stadt mit hoher Kriminalitätsrate, eine Art weltliches jüdisches Paradies zu sein scheint, sich im Elsass mancherorts die Läden mit koscheren Lebensmitteln nur so aneinander reihen oder in Warschau eine beliebte jüdische Schule existiert, in der sich alle Kinder gemeinsam zum Schabbat versammeln, auch die nichtjüdischen siebzig Prozent?

          Kreuz und Quer

          Die Reiseroute führt von Tanger in Marokko nach Marseille und Straßburg, von dort über Frankfurt am Main nach Berlin und Warschau, Budapest und Venedig. Die Reisemittel sind vielfältig, Schiff, Zug, Auto, Flugzeug. Das Reisen, so wird es durch die Regie von Christoph Weinert deutlich, soll ein Gespür für die Vertreibungen, oft erzwungenen, manchmal indes auch freiwilligen Wanderungsbewegungen vermitteln.

          Dazwischen versuchen Alice Brauner und Yves Kugelmann immer wieder Standortbestimmungen. So ergibt sich eine „Erkundungsreise“ mit flanierender Anschaulichkeit und gerade in unserer Zeit sehr notwendigem Differenzierungsgewinn. Es geht um liberale und orthodoxe Gemeinden, die Stellung der Frau in der Synagoge, den Rechtspopulismus, Heimatgefühle und Familien. Impressionistische Bilder, Straßenszenen und Interviews, etwa mit der kürzlich verstorbenen Ágnes Heller in Budapest und Michel Friedman in Frankfurt ergänzen den Leporello-Bilderbogen.

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