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Dokumentation auf Arte : Schwarze Löcher als amerikanisches Phänomen?

Sie können das Raum-Zeit-Kontinuum verändern: Die Astrophysikerin Janna Levin erklärt an der „star machine“, was Schwarze Löcher ausmacht. Bild: Arte/Doug Quade/WGBH

Der deutsch-französische Kulturkanal Arte bringt eine faszinierende Dokumentation über das Weltall. Doch sie hat einen gravierenden Haken.

          3 Min.

          Schwarze Löcher – das weiß jeder, der sich auch nur am Rande mit dem Themenspektrum des Weltalls beschäftigt hat – sind der Quotengarant der Astrophysik. Sie sind so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner aller Freunde des Universums. Wer sich nicht für Schwarze Löcher begeistern kann, der wird sich auch kaum für andere Aspekte des Kosmos interessieren. Für Arte wird diese Überlegung sicher eine Rolle für die Entscheidung gespielt haben, diesen kosmischen Extremphänomenen am heutigen Samstagabend fast zwei Stunden Sendezeit zu widmen. „Black Hole Apocalypse“ ist der Originaltitel der Anfang dieses Jahres erstmalig in den Vereinigten Staaten ausgestrahlten PBS-Nova-Produktion des Filmproduzenten Rushmore DeNooyer – Arte übersetzt diesen Titel etwas zurückhaltender als „Geheimnisvolle Schwarze Löcher“.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass Zurückhaltung indes kein Attribut ist, mit dem man der Dokumentation auch nur ansatzweise gerecht wird, versteht der Zuschauer schnell. Um nicht den geringsten Zweifel aufkommen zu lassen, wie atemberaubend, furchteinflößend und mysteriös das Thema daherkommt, beginnt der deutsch synchronisierte Import sofort mit hoher Geschwindigkeit. Musikalisch dramatisch untermalte Simulationen Schwarzer Löcher wechseln hektisch mit kurzen Einspielern und zusammengewürfelten Zitatfetzen von Experten: „Sie sind das Erstaunlichste im Universum“, „ein mathematisches Enigma“, „echt verrückt“, „nicht zu fassen“, „Objekte von apokalyptischer Zerstörungskraft“, „verschlingen alles, was sich ihnen in den Weg stellt“. Dazwischen erheischt man einen ersten Blick auf die Moderatorin und amerikanische Kosmologin Janna Levin, die den Zuschauer schon einmal darauf einstimmt, dass alles, was er über Raum, Zeit und Realität zu wissen glaube, im Folgenden in Frage gestellt werde. Wenn nach knapp zehn Minuten der amerikanische Fernseh-Astrophysiker Neil deGrasse Tyson die Wirkung eines Schwarzen Loches erläutert – „Man würde durch das Raum-Zeit-Gefüge wie Zahnpasta aus einer Tube gequetscht werden“ –, dann mag das intuitiv gar nicht so weit entfernt sein von dem Eindruck, den der Anfang der Dokumentation auf den von angerissenen Themen und Reizen völlig überwältigten Zuschauer ausübt.

          Wer diesen turbulenten Auftakt überstanden hat, kann dann aber doch noch sehr viel Interessantes jenseits des reinen Sensationshorizonts über Schwarze Löcher lernen. Janna Levin folgt als angenehm zurückgenommene Expertin dem historischen Werdegang dieses exotischen Phänomens schwarzer Löcher: von ihrer theoretischen Entdeckung als Raumzeit-Singularität in den Gleichungen der Relativitätstheorie Einsteins über ihre Identifikation mit Endstadien massereicher Sterne bis zur erstmaligen Beobachtung eines solchen stellaren Schwarzen Lochs im Röntgendoppelsternsystem Cygnus X-1.

          Das Röntgenobservatorium „Chandra“ dokumentierte im Mai 2007 die bislang energiereichste Supernova-Explosion.

          Die Erkenntnis, dass supermassereiche Schwarze Löcher im Zentrum von Galaxien anzutreffen sind, und die Frage, wie Schwarze Löcher mit der Zeit an Masse zunehmen können, werden genauso erläutert wie aktuelle Entwicklungen in der Beobachtungstechnologie. Das geplante James Webb Weltraumteleskop, das die Entstehung der ersten Galaxien aufklären soll, das Event Horizon Telescope (EHT), das erstmalig die unmittelbare Umgebung supermassereicher Schwarzer Löcher sichtbar machen wird, und die 2017 mit dem Nobelpreis geehrte neue Technologie der Gravitationswellenbeobachtung kommen so zur Sprache. Illustriert wird all dies mit eindrucksvollen Simulationen und anschaulichen Analogien. Levin schreckt dabei nicht einmal vor Reisen mit einem animierten Raumschiff zurück, über deren pädagogischen Nutzen man derweil streiten mag. Der Lebendigkeit des Formats sehr zuträglich sind unterdessen die ausführlichen Erklärungen von Wissenschaftlern, die an der Erforschung Schwarzer Löcher beteiligt sind und waren.

          Konzentration auf amerikanische Forschung

          Besonders erfreulich ist, dass es der Dokumentation gelingt, den in der Astrophysik anzutreffenden hohen Anteil von Wissenschaftlerinnen wiederzugeben, der sonst in öffentlichen Darstellungen oft unsichtbar bleibt: Unter den befragten Experten finden sich knapp zur Hälfte Frauen. Im Gegensatz dazu wird allerdings in inakzeptabler Weise die internationale Ausrichtung der astrophysikalischen Forschung ignoriert. Die bahnbrechenden Beiträge, die nicht zuletzt europäische Wissenschaftler in den vergangenen Jahrzehnten zum Verständnis Schwarzer Löcher geleistet haben, werden fast vollständig ausgeklammert.

          So werden beispielsweise die europäischen Standorte des EHT und die Gravitationswellenobservatorien in Deutschland und Italien und deren entscheidenden Arbeiten nicht einmal genannt. Die Entdeckung des supermassereichen Schwarzen Lochs im Zentrum unserer Galaxie wird der Amerikanerin Andrea Ghez am amerikanischen Keck-Observatorium zugeschrieben, ohne dass auch nur erwähnt würde, dass diese Entdeckung unabhängig Wissenschaftlern um den Deutschen Reinhard Genzel mit Hilfe von Teleskopen der European Southern Observatory (Eso) gelang. Vor diesem Hintergrund überrascht wenig, dass die interviewten Wissenschaftler ausschließlich amerikanische Institutionen repräsentieren.

          Dass Arte der Astrophysik und dieser Dokumentation einen prominenten Programmplatz zugesteht, ist sehr zu begrüßen. Dennoch: Aus europäischer Sicht hätte man sich über eine Darstellung Schwarzer Löcher gefreut, die mehr auf den Kosmos und weniger auf Amerika fokussiert ist.

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