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Arte-Doku über Ernährung : Fette Beute

  • -Aktualisiert am

Massives Übergewicht ist nicht immer und nicht nur eine Frage fehlender Fitness, es ist ein Geschäftsmodell. Bild: © Nilaya Productions

Eine französische Dokumentation widmet sich dem weltweiten Kampf gegen eine voll auf Zucker setzende Ernährungsindustrie. Wer danach noch auf Junk Food abfährt, hat nichts verstanden.

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          Da sitzen wir nun, staatlich verordnet, auf unseren Sofas, schauen fern und schnabulieren einen Schokohasen nach dem anderen weg, bis wir beim Zappen bei Arte landen, wo sich der inzwischen so vertraut klingende Begriff „globale Epidemie“ zur Abwechslung plötzlich auf „menschengemachte Tragödie“ und „kollektives Versagen“ reimt. Von Corona wussten Sylvie Gilman und Thierry de Lestrade bei ihrem Filmdreh über den bedrohlich anschwellenden Körperumfang der Weltbevölkerung noch nichts, aber es wäre nur ein Argument mehr für den Weckruf in Sachen Ernährung gewesen, gilt doch Diabetes als eine der Risiko-Vorerkrankungen, bei der ein schwerer Verlauf der Lungenkrankheit Covid-19 droht.

          Und der Typ-2-Diabetes, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oft ausgelöst durch hohes Übergewicht, ist auf dem Vormarsch: Im Jahr 2040, wenn – ohne einen radikalen Wandel der Gewohnheiten – mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung übergewichtig oder fettleibig sein wird, soll in Deutschland diese früher nur als Altersdiabetes bekannte, längst aber Kinder heimsuchende Erkrankung bis zu zwölf Millionen Menschen betreffen (heute sind es rund acht Millionen). Neu ist die große Andickung nicht. Auch die gesundheitlichen und sozialen Folgen sind längst bekannt. Dean Schillinger vom General Hospital in San Francisco, der seit Jahren in den von Unterschicht-Fettleibigkeit besonders betroffenen Vereinigten Staaten politisch und juristisch gegen die Lebensmittellobby kämpft, fasst es in die dramatischen Worte: „Wenn wir nichts tun, werden unsere Gesellschaften kollabieren.“ Umso verwunderlicher scheint es, wie wenig entschlossen gerade Industrienationen gegen die Fehlentwicklung einer immer unnatürlicher gewordenen Ernährung vorgehen. Über gutgemeinte Appelle oder zynische „Biggest Loser“-Sendungen kommen die wenigsten Länder hinaus.

          Differenzieren ist selten falsch, aber es kann auch – siehe Klimawandelskeptiker – eine Strategie der Vernebelung sein. Die Dokumentation von Arte France hingegen zeichnet aus, äußerst klar in ihrer Analyse und Schuldzuweisung zu sein. Gleich zu Beginn stellen die Filmemacher sowie viele der befragten Experten heraus, dass bei Adipositas das Verursacherprinzip zu gelten habe: Nur mit Zuckersteuer, Werbeverboten und Warntafeln lasse sich dieser „Tsunami“ noch aufhalten, nicht mit stigmatisierenden Diät- und Bewegungskampagnen für Übergewichtige, für die hier stellvertretend die von Michelle Obama im Jahr 2010 gestartete, von der Sängerin Beyoncé unterstützte „Let’s move“-Initiative steht. Bewegungsmangel (und nicht falsche Ernährung) als Hauptursache für die allgemeine Verfettung auszumachen, halten Gilman und Lestrade für ähnlich fatal wie das einige Jahrzehnte zurückliegende Einschießen von Wissenschaft, Politik und Industrie auf Fette (und nicht die in der Folge stark geförderten Kohlenhydrate) als eigentliche Dickmacher.

          Fette Menschen, heißt es hier mit guten Argumenten, würden „produziert“. Wer einmal, und oft von Kindheit an, auf die Ernährung mit verarbeiteten, zuckerhaltigen und ballaststoffarmen Fertigprodukten eingestellt sei – oft seien Softdrinks billiger als Wasser, sei ungesundes Designfood billiger als Gemüse –, könne dem Kreislauf kaum entkommen: Mit einem permanent hohen Insulinspiegel nähmen die Fettzellen zu viele Kalorien auf und speicherten sie, erklärt der Bostoner Kinderarzt David Ludwig. „Für die restlichen Körperfunktionen bleiben nicht genug Kalorien übrig.“ Die Folge sei fatalerweise: Hunger. Und damit eine Beschleunigung des Teufelskreises. Dicke Verbraucher sind so etwas wie eine perfekt herangezüchtete Goldeselherde weniger Großkonzerne, fette Beute im wahren Sinne. Nicht erwähnt wird, dass sich im Diät- und Fettentfernungssektor zudem noch eine ganze Schattenindustrie angelagert hat.

          Inzwischen aber haben sich weltweit Initiativen gegen die Volksdroge Nummer eins gebildet. Der Film stellt sie, das ist sein größtes Verdienst, vor, ohne die Gegenwehr der Industrie auszusparen: teure PR-Kampagnen, Prozesse, gekaufte Studien, offene Lügen und direkte Einschüchterungen. Die vielen emotionalen Anti-Zucker-Kampagnen in den Vereinigten Staaten sind beeindruckend, aber weit weniger erfolgreich als das harte Durchgreifen in Chile, wo Werbeverbote und Zucker-Salz-Fett-Warnhinweise auf den Produkten zu starken Rückgängen bei Süßgetränken und Junk Food führten. Peru und Mexiko zogen nach.

          Deutschland bekommt schlechte Noten, weil Bundesernährungsministerin Julia Klöckner auf freiwilliges Entgegenkommen der Industrie setzt. In Frankreich wurden Süßgetränke besteuert und ein Nutriscore eingeführt, aber Barry M. Popkin von der Hochschule für öffentliche Gesundheit Chapel Hill hält auch das für beinahe bedeutungslos: „Es braucht ein umfassenderes Programm gegen Junk Food und irreführendes Marketing, erst dann können wir in Frankreich wieder von gesundem Essen sprechen.“ Das Osternest wandert nach diesem Film in die Tiefen des Schranks.

          Dick, dicker, fettes Geld, heute, Dienstag, 14. April, um 20.15 Uhr bei Arte

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