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Kuba-Doku auf Arte : Rumba und Dollars

  • -Aktualisiert am

Die Tänzerin Yanisleiki Castillo bei der Rumba Bild: SWR/Jac-Uwe Otto

Mehr als Musik, Tanz und bunte Schaukeltaxis: Eine Arte-Dokumentation widmet sich Kubas Sorgen. Dabei gelingen tiefe Einblicke in den Alltag auf der sozialistischen Karibik-Insel.

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          Eine „neue Nostalgie“ hat Lourdes Picareta in Kuba ausgemacht - und befeuert selbige nach Kräften. So lädt dieser zugewandte, farbenfrohe, handgetrommelte Dokumentarfilm regelrecht dazu ein, der verwunschenen Insel des Sozialismus schnell noch einen Besuch abzustatten, bevor sie - nicht zuletzt durch die zurzeit scharenweise einfallenden Touristen - ihre Anmut verliert. Die Zeichen stehen auf Aufbruch, da sind sich alle Protagonisten des Films einig. Die Wirtschaft läuft längst im Takt der Marktwirtschaft, die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten werden immer enger, Donald Trump hin oder her. Die Frage aber lautet, ob nach der Ära Fidel Castro nun eine Zeit des glücklichen Wohlstands oder des sozialen Auseinanderfalls folgt. Nicht wenige Kubaner scheint es zu ängstigen, mit welcher Macht die kapitalistische Lebensweise in ihr Land vordringt. Das ist freilich nur möglich, weil ein ebenso großer Teil der Bevölkerung diese mit offenen Armen willkommen heißt.

          Für Picareta drückt sich kubanische Lebenslust hingegen ganz klassisch in Musik, Tanz und bunten Schaukeltaxis aus; auch der mit viel Tamtam destillierte Rum und die Kunst zur Improvisation gehören dazu. Ihre allesamt recht zufrieden scheinenden Gesprächspartner wiederum loben die Gerechtigkeit und die Sicherheit in Kuba, und zwar so oft, dass im Verbund mit den herrlichen Landschaftsaufnahmen der Eindruck entstehen könnte, man befinde sich in Thomas Morus‘ „Utopia“. Die selbst von politisch unverdächtigen Organisationen wie Amnesty International monierten massenhaften Verstöße des Regimes gegen die Meinungs-, Versammlungs- und Bewegungsfreiheit so gar nicht zu erwähnen, wirkt jedenfalls leicht befremdlich. Allerdings verheimlicht Picareta nicht, dass Kubas Sozialismus ökonomisch auf ganzer Linie gescheitert ist: Selbst hinter den bunten Fassaden der Hauptstadt regiert der Mangel. Die Gebäude sehen aus wie von Karies zerfressen. Nur wer viel Unternehmergeist besitzt oder Geschäfte mit den Touristen macht, lebt angenehm.

          Dem Film gelingen gute, tiefe Einblicke in den kubanischen Alltag. Da sind die jungen Architekten in Havanna, die für staatliche Hungerlöhne Fassaden restaurieren, nebenbei aber lukrative Jobs von Privatunternehmern, sogenannten Cuentapropistas, annehmen. Da ist die Polymita-Schnecken erforschende Biologin im Nationalpark Alexander von Humboldt, die befürchtet, die kubanische Identität werde dem Konsum geopfert. Da ist die gar nicht sonderlich alte Lehrerin in der Sierra Maestra, die voller Überzeugung die Werte der Revolution lehrt. Und da ist die Achtzehnjährige in einem abgelegenen Bergdorf, die von nordamerikanischen Casting-Shows schwärmt, während draußen steinzeitlich mit Ochsen gepflügt wird. Ob nun aber wehmütig oder hoffnungsfroh: Alle Interviewten wirken äußerst besonnen. Man traut ihnen zu, einen eigenen, klugen Weg in die Marktwirtschaft zu finden.

          Am interessantesten (wenn auch nicht ganz neu) ist die Geschichte von „El Paquete“, die zugleich vom Informationshunger und vom Erfindungsreichtum der Kubaner zeugt. Da ein drahtloser Internetzugang die große Ausnahme ist, hat ein findiger Jungunternehmer vor fünf Jahren das Internet per pedes erfunden: Woche für Woche werden Festplatten durchs Land verschickt, die neben Apps und Computerspielen aktuelle Fernseh- und Radiosendungen aus aller Welt enthalten. Für kleines Geld und ohne Copyright-Skrupel wird in speziellen Shops alles Gewünschte auf einen USB-Stick kopiert, man kann auch sagen: ins kollektive Bewusstsein eingespeist. Es wird spannend werden, zu sehen, ob die Kubaner der Weltanschauung, die diesen Telenovelas, Spielshows und Shootern zugrunde liegt, dauerhaft etwas entgegensetzen können oder wollen, und sei es nur Nostalgie.

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