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Arte kippt Doku nach Protest : Wie starb der Anwalt in Moskau?

Am 16. November verstarb Sergej Margnitzki (hier in einer Spielszene dargestellt von Evgeniy Lunchenko) in Moskauer Haft. Die Umstände sind umstritten. Bild: dpa

Im November 2009 kam der Wirtschaftsprüfer Sergej Magnitski in einem Moskauer Gefängnis unter dubiosen Umständen ums Leben. Arte wollte die Geschichte kritisch beleuchten. Doch der Film wurde abgesetzt.

          Am kommenden Dienstag, 3. Mai, ist der Internationale Tag der Pressefreiheit. Und zu diesem hatte der Kultursender Arte eine besondere Dokumentation im Programm, bis vor kurzem jedenfalls: In „Der Fall Magnitski“ schildert der Journalist Andrej Nekrassow die Geschichte des russischen Steueranwalts und Wirtschaftsprüfers, der am 16. November 2009 unter ungeklärten Umständen in einem Moskauer Gefängnis verstarb. Jetzt wurde der Film ad hoc aus dem Programm genommen. Er werde in Ruhe einer juristischen Prüfung unterzogen, heißt es auf Anfrage dieser Zeitung bei Arte. Protagonisten des Films und Angehörige von Sergej Magnitski haben gegen Nekrassows Darstellung vehement protestiert.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sergej Magnitski wurde 2008 inhaftiert, weil er in seiner Tätigkeit als Steuerprüfer einem großangelegten Betrug der Moskauer Polizei auf die Spur gekommen war – das zumindest behaupten Mitglieder seiner Familie und sein damaliger Arbeitgeber, der amerikanische Investmentbanker Bill Browder. Im Gefängnis sei Magnitski misshandelt worden und unter Qualen gestorben. Russische Behörden widersprechen dieser Darstellung bis heute. Magnitski sei wegen Steuerhinterziehung festgenommen worden und habe einen Herzinfarkt erlitten, sagte der russische Präsident Wladimir Putin. Der Fall Magnitski schädigte das Ansehen Russlands im Westen nachhaltig.

          Ist die bisherige Darstellung falsch?

          Andrej Nekrassow hat den Fall für seine Dokumentation neu aufgerollt. Er kommt zu dem Schluss, dass die im Westen gängige Darstellung von Magnitski als Opfer der russischen Justiz zweifelhaft sei: Die Geschäfte von Bill Browders Firma Hermitage Capital Management muteten überaus dubios an und ebenjener habe, so Nekrassow, die Öffentlichkeit, bewusst getäuscht. Auch dass Magnitski ermordet worden sei, stellt der Regisseur in Frage.

          Wurde er gefoltert? Szene aus „Der „Fall Magnitski“.

          Nach Angaben von Arte steht nun „Aussage gegen Aussage“: Auf der einen Seite habe man die aufwendige und investigative Recherche von Andrej Nekrassow, der sogar Moskauer Polizisten für Interviews gewinnen konnte. Widerspruch kommt hingegen von Bill Browder und Magnitskis Verwandten, die ihn in den Schmutz gezogen sehen und Nekrassow Nähe zur offiziellen Lesart aus dem Kreml unterstellen.

          Deshalb stehe man vor einem „langwierigen Prozess“, heißt es bei Arte, bei dem die Filminhalte und insbesondere die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu prüfen seien. Die Ausstrahlung des Films ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Wie Magnitskis Familie vorab von den Details des Films erfahren hat, kann man sich bei Arte nicht erklären. Denkbar sei, dass es Regisseur Nekrassow selbst war, der Auszüge versandte. Der wollte am vergangenen Mittwoch eigentlich in Brüssel eine selbst organisierte Vorschau ausrichten. Doch schon die wurde abgesagt.

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