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Dokumentationsfilm auf Arte : Wo Flüchtlinge zu Gefangenen werden

So groß wie eine Stadt, doch die Bewohner haben nur das Nötigste und hausen nicht freiwillig hier: das Flüchtlingslager Dabaab in Kenia. Bild: AFP

Ein Provisorium sollen sie sein, doch bestehen sie seit Jahrzehnten. Zu Hunderttausenden fristen Menschen hier ihr Dasein. Arte berichtet aus einem absurden Zwischenreich: „Neue Heimat Flüchtlingslager“.

          3 Min.

          Mehr als 65 Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht. Das ist, als hätte ganz Frankreich sich auf den Weg gemacht. Oder Großbritannien. Doch solche Vergleiche tragen nicht weit: Sie mögen ein grobes Gefühl für die Dimensionen der Flüchtlingskrise geben. Eine Vorstellung davon, was die neueste Zahl vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, dem UNHCR, bedeutet, vermitteln sie nicht. Um wirkliche Einsichten zu gewinnen, muss man wie die französische Filmemacherin Anne Poiret dorthin reisen, wo die Heimatlosen zu Zehn- und Hunderttausenden stranden: in die großen Flüchtlingslager am Rande der Nationalstaaten. Zum Beispiel nach Dabaab in Kenia.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Helfer nennen dieses Camp nur noch „das Monster“. Entstanden ist es nach dem Ausbruch des somalischen Bürgerkriegs, vor einem Vierteljahrhundert. Heute ist es das größte Flüchtlingslager der Welt. Rund 350000 Menschen warten hier, zur Untätigkeit verdammt, weil sie das Lager nicht verlassen und nicht arbeiten dürfen, versorgt, verwaltet und verwahrt von der UN und von Nichtregierungsorganisationen. Die Statistiker der Vereinten Nationen haben ausgerechnet, dass ein Geflüchteter, der Aufnahme in einem ihrer Lager gefunden hat, durchschnittlich siebzehn Jahre dort verbringt.

          Es ist das Leben in einem auf absurde Weise dauerhaft gewordenen Provisorium, das doch nur für die Überbrückung der größten Not gedacht war. Doch wohin mit den Menschen? Zurück wollen die wenigsten, weil es zu gefährlich ist. Integrieren will Kenia sie nicht, oder doch wenigstens längst nicht alle. Und auch Drittstaaten nehmen nur wenige auf. Die Helfer, allesamt Profis im stetig wachsenden Flüchtlings-Business, sind sich des Wahnsinns der Situation in Dabaab und andernorts durchaus bewusst.

          Das Gefängnis unter freiem Himmel

          Der junge Mann, der mit seiner Frau und dem kleinen Sohn aus Burundi nach Tansania in das Lager Nyarugusu geflüchtet ist, ahnt von alledem noch nichts. An seiner Seite führt Anne Poiret den Zuschauer hinein in das „UNHCR-Land“, das staatenähnliche Gebilde, dessen Bürger jeder „Bezugnehmer“ – so heißen die Lagerbewohner im Bürokratenjargon – gewissermaßen wird. Wobei Bürgerschaft in diesem Fall Abhängigkeit bedeutet.

          „Stellen Sie sich vor, Sie mussten gerade alles aufgeben. Bis vor kurzem hatten Sie ein Zuhause, eine Familie und einen Beruf“, lädt der aus dem Off gesprochene Text zur Identifikation ein mit demjenigen, der sich in Warteschlangen wiederfindet, zwischen blau gekleideten UN-Mitarbeitern, erst ein Plastikarmband, dann eine Art Passersatz, schließlich die standardisierten nötigsten Utensilien (Decke, Eimer, Seife und anderes) erhält und sich fragt, wie sein Kind in diesem Staub und Lärm einer Zeltstadt mit 100000 Einwohnen – denn das ist das Camp – schlafen soll und ob man sich hier nicht gefährliche Krankheiten holt. Wie man sich nach zehn Jahren geschützter, aber unfreier Existenz fühlt, geben zwei Somalier zu Protokoll, die lieber heimkehren wollen, als in Dabaab zu bleiben, diesem „Gefängnis unter freiem Himmel“, wie sie sagen. Am schlimmsten sei das Gefühl der Nutzlosigkeit. Nicht arbeiten, nicht für sich und seine Familie sorgen zu können.

          Straßenschilder gibt es, nur eine Orientierung und Perspektiven gibt es für die Flüchtlinge im jordanischen Lager Asrak nicht.
          Straßenschilder gibt es, nur eine Orientierung und Perspektiven gibt es für die Flüchtlinge im jordanischen Lager Asrak nicht. : Bild: © Quark Productions

          Näher als in diesen beiden Begegnungen kommt die Dokumentation „Neue Heimat Flüchtlingslager“ der Perspektive der Geflüchteten nicht. Schnell wechselt sie die Seiten und schaut wieder mit den Augen der Helfer auf ihre Lage, ob in Idomeni oder im jordanischen Asrak. Wir folgen einem ehemaligen südkoreanischen Militär, der als Architekt bei der Luftwaffe gearbeitet hat und nun für das UNHCR Notunterkünfte aus dem Boden stampft, zu seinem Einsatzort. Auf dem Weg zur Latrinenbaustelle erzählt er, wie sehr er das Abenteuer liebe. In Norwegen sind wir dabei, wenn das Flüchtlingshilfswerk neue Helfer ausbildet: Mitten im Wald spielen sie nach Art eines realistisch angelegten Rollenspiels die Errichtung eines neuen Camps durch, Verhandlungen mit korrupten Provinzpolitikern, das Ringen um Land für Zelte. Und im Genfer Hauptquartier der Riesenbehörde UNHCR mit ihren insgesamt neuntausend Mitarbeitern werden wir Zeuge, wie in spielerisch wirkenden Kleingruppen neue Möglichkeiten für die Flüchtlingsversorgung gesucht werden.

          Innovation heißt das ausgegebene Stichwort. Spenden-Apps mögen neue finanzielle Ressourcen heben. Aber helfen sie – ebenso wie mobile Geldautomaten, die per Irisdiagnose Bares an Flüchtlinge ausgeben, und von Ikea gespendete Solarbeleuchtung – grundsätzliche Probleme vor Ort zu lösen? Flüchtlingslager sind auch Experimentierfelder für private Investoren, die als Wohltäter auftreten. Sie sind aber vor allem, das betonen die interviewten Wissenschaftler von der Sciences Po und der Universität Oxford, ein Faustpfand für die Länder, in denen sie sich befinden. Im Lager sind Flüchtlinge sicht- und vorführbar. So lässt sich Druck auf Geldgeber ausüben. Es gibt viele politische Gründe, Lager einzurichten und Jahrzehnte bestehen zu lassen. Davon, was das für die Menschen in ihnen bedeutet, vermittelt auch Anne Poirets Film, so sehenswert und informativ er ist, nur eine vage Ahnung.

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