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Flüchtlingsstadt Zaatari : Endstation in der Wüste

  • -Aktualisiert am

Perspektiven zeigen: Fatima Ahmad Al-Dabaas (links) gibt im Flüchtlingslager Zaatari Fotokurse für Kinder und Jugendliche Bild: Arte

Zwischen improvisierter Schönheit und Perspektivlosigkeit: Eine Arte-Dokumentation zeigt, wie eine halbe Million Menschen im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari ihr Dasein fristet.

          Abends wird die Marktstraße in Zaatari, der viertgrößten Stadt Jordaniens, zum sozialen Treffpunkt. Auf den „Champs-Elysées“, weniger Prachtboulevard als geschäftig wuselnder Mittelpunkt der ausgedehnten Fläche, reihen sich dreitausend Geschäfte aneinander. Nach Sonnenuntergang trifft man sich zum Wasserpfeife-Rauchen und Heimatnachrichten-Schauen – und erzählt und erinnert sich. Im Fernsehen sind Städte zu sehen, in denen kein Haus unversehrt ist, bomben- und giftgasverseuchtes Terrain. Aleppo, Homs und weitere.

          Jenseits der syrischen Grenze, hier, wo sich die Geflüchteten in relativer Sicherheit befinden, ist innerhalb von knapp fünf Jahren aus einem UNHCR-Provisorium aus dem Nichts ein zwar interimistisch geplanter, aber nunmehr effizient verwalteter Dauerzustand geworden. Eine halbe Million Menschen sind in der Registrierungsstelle angekommen, die meisten weitergezogen. Inzwischen ist die aus dem Wüstenboden gestampfte Stadt ein nicht unerheblicher Wirtschaftsfaktor für das Aufnahmeland.

          So kann ein Erfolg zielgerichteter Flüchtlingspolitik aussehen, kann man meinen. Oder das Zeugnis des Gestaltungswillens Vertriebener. Eine Lesart, die die Dokumentation „Zaatari – Leben im Nirgendwo“ unterstreicht – mit jedem ästhetisch gewählten Bild und jedem Protagonisten, der sich, die Augen mit der Hand bedeckend, an ein vergangenes Leben erinnert. Vom Elend solcher Lager – dokumentarisch vielfach bezeugt – ist hier nichts zu sehen. Der Film versteht sich stattdessen als filmpoetische Hommage an die Widerstandskraft und die Fähigkeit selbst traumatisierter Eltern, durch Perspektivenfinden wider alle Zukunftslosigkeit ihren Kindern Stabilität und Sicherheit zu vermitteln.

          Stadt in der Wüste: Das Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien.

          Die viertgrößte Stadt Jordaniens erstreckt sich über fünf Quadratkilometer, vermutlich ist sie inzwischen wieder erheblich gewachsen. Ihre zwölf Sektoren sind als eigenständige Einheiten mit gewählten Bürgermeistern und Wasserbeauftragten unterschiedlich organisiert. Das Dezentrale ist Absicht, ergibt sich aber auch aus den einzelnen Zuständigkeiten der vierzig Hilfsorganisationen, die im Flüchtlingslager Zaatari in der Wüste Jordaniens tätig sind. Anders als in berüchtigten Lagern in Süditalien oder Griechenland, scheint man hier für aktuell 80000 Menschen ein funktionierendes Transitgemeinwesen mit menschenwürdigen Lebensbedingungen geschaffen zu haben. Der Film jedenfalls zeigt Bilder aus der Wüstenstadt mit ihren Containern als nahezu magischen Ort mit eigener, herber Schönheit. Bloß naiv idealisierende Bildstrategien allerdings verfolgt er mit seinem Scheherazade-Ansatz (erzählen, um zu überleben) nicht.

          Kritisch betrachtet, könnte „Zaatari“ mit seinen in Szene gesetzten Mutmachgeschichten nachgerade als Werbefilm für die sinnstiftende Arbeit von Hilfsorganisationen durchgehen. Fatima Ahmad Al-Dabaas hat mit Unterstützung der Helfer im Lager erst einen Fotokurs absolviert, nun unterrichtet sie Jungen und Mädchen im Fotografieren als Mittel des sprachnotgedrungenen Gefühlsausdrucks. Der Maler Mohammad Al-Jaukhadar bemalt mit seinem Team von Helfern die Wohncontainer mit verlorenen Wunschpanoramen. „Alles, was zerstört wurde, baue ich mit meinem Pinsel wieder auf.“ In eine Ansicht seiner zerstörten Heimatstadt Homs malt er sich selbst, flanierend mit seiner Freundin.

          Der Landwirt Bader Al-Shilibi hat mit seinem Sohn ein Dreißig-Quadratmeter-Grundstück in ein liebevoll gepflegtes Oasengärtchen verwandelt. Als wäre es die Illustration zum Bibelwort „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, züchtet er dort neben Kräutern Rosen und die weiße Blume, die sein achtzehnjähriger, vom Assad-Regime ermordeter Sohn gepflegt hat. So erzählt er es der Kamera von Thomas Keller (Regie Paschoal Samora, Buch Ana Claudia Streva und Lea-Marie Körner). Einer von mehreren unmittelbar anrührenden Momenten. Der gehbehinderte Ahmad Harb, ein reflektierter, lachlustiger Mann, inszeniert mit Jugendlichen schon sein zehntes Theaterstück. Auf dem Programm steht, sinnigerweise, Shakespeares „Der Sturm“, „weil es unsere Realität abbildet“.

          Schiffbrüchig sind sie alle gelandet in „Zaatari“. Jede Woche werden dort achtzig Kinder geboren. Eine jordanische Gynäkologin berichtet, dass mehr Frauen gern verhüten würden, bei ihren Männern aber auf Widerstände treffen. Es gehe, so sagt sie, den Männern um Verlustausgleich, um Zukunftshoffnung. In dreißig Schulen lernen die Heranwachsenden nach dem jordanischen Curriculum; eine Ausbildung oder ein Studium aber gibt es nicht. „Zaatari“ macht auch die Grenzen dieses humanitären Erfolgsmodells deutlich. Das bewahrt diese „schöne“ Flüchtlingsdoku vor dem Kippen ins positive Klischee.

          Zaatari – Leben im Nirgendwo läuft heute, Dienstag 24. Juli, um 23.35 auf Arte.

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