https://www.faz.net/-gqz-9nmy7

Arte-Doku über Liu Xiaobo : Ich habe keine Feinde

Verstarb im Juli 2017 in chinesischer Haft: Liu Xiaobo Bild: Hikari

Wieso Tiananmen nicht vergessen werden darf: In „Liu Xiaobo. Der Mann, der Peking die Stirn bot“ erinnert Arte an den großen Friedensnobelpreisträger.

          Liu Xiaobo, der 2017 in chinesischer Haft gestorbene Friedensnobelpreisträger, war auch eine der Schlüsselfiguren der Demonstrationen auf dem Tiananmen-Platz, die vor dreißig Jahren blutig niedergeschlagen wurden. In einer Dokumentation über ihn, die Arte heute im Rahmen eines Themenabends ausstrahlt, sieht man ihn, den jungen, schon damals sehr bekannten Literaturdozenten, die Studenten auf dem Platz durch ein Megafon zur Demokratisierung auch in den eigenen Reihen aufrufen: „Eine Organisation aufzubauen, die nicht demokratisch ist, führt zum Ersetzen einer Militärdiktatur durch eine Studentendiktatur. Das wäre kein Sieg für die demokratische Bewegung, sondern ihre größte Niederlage.“ Zwei Tage bevor die Panzer der Volksbefreiungsarmee ihren Weg zum Platz des Himmlischen Friedens freischossen, begann er mit einigen anderen einen Hungerstreik für den Verzicht auf Gewalt auf allen Seiten, der unter dem Motto stand: „Wir haben keine Feinde.“

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Demokratiebewegung und deren grausames Ende waren ein Wendepunkt in Liu Xiaobos Leben. „Die Veränderung seiner Persönlichkeit war nicht zu übersehen“, sagt in der Dokumentation der Pekinger Filmwissenschaftler Hao Jian. Zuvor war Liu in der chinesischen Intellektuellenszene der achtziger Jahre als junger Wilder bekannt geworden, der die gesamte zeitgenössische Literatur rundum als „Haufen Müll“ bezeichnete. Doch nun wurde aus diesem Hitzkopf ein Kämpfer für Versöhnung, Vernunft und friedliche Reform. Noch in seiner persönlichen Stellungnahme zu dem Prozess, in dem er nach der von ihm initiierten „Charta 08“ 2009 zu elf Jahren Gefängnis verurteilt wurde, wiederholte er seine Hungerstreikerklärung vom Tiananmen: „Ich habe keine Feinde.“

          Die Symbolik des leeren Stuhls

          Der Film des ehemaligen „Libération“-Korrespondenten Pierre Haski ist nicht rundum gelungen. Von dem ganz eigenen intellektuellen Weg und den Ansichten des großen Unbeugsamen bekommt man nur grobe Umrisse mit; aus den Interviews mit zahlreichen Weggefährten, die jetzt überwiegend im amerikanischen Exil leben, geht erstaunlich wenig hervor. Stattdessen schiebt sich an allen Drehorten immer wieder die Symbolik des leeren Stuhls, der für Lius erzwungene Abwesenheit bei der Nobelpreisverleihung 2010 steht, etwas aufdringlich in den Vordergrund. Aber auf beeindruckende Weise hört man in dieser Dokumentation Liu Xiaobo selbst darüber sprechen, vor welche moralische Entscheidung die Ereignisse von 1989 seiner Auffassung nach die Intellektuellen seiner Generation stellen.

          Im Mittelpunkt steht ein längeres Gespräch, das Haski 2008 kurz vor Lius Verhaftung mit ihm in einem Pekinger Café geführt hat. Während man durch die Fensterwand des Cafés auf den emsigen Pekinger Verkehr blickt, sagt er mit ruhiger Gelassenheit: „Ich glaube, ich habe die richtigen Entscheidungen getroffen.“ Die meisten Menschen, auch viele seiner Freunde, entschieden sich gegen ein Leben wie das seine, weil sie es als zu hart und gefährlich empfänden. Aber auch sie bezahlten dafür einen Preis: „Man ist zum Beispiel gezwungen zu lügen. Vor allem: Man kann sich auf keinen Fall um die Toten des 4. Juni kümmern.“ Ähnliche Formulierungen kehren immer wieder. Ein Höhepunkt des Films ist, als gegen Ende Lius im vergangenen Jahr nach Deutschland emigrierte Witwe Liu Xia in ihrer Berliner Wohnung ein Gedicht vorträgt, das sie für ihren Mann geschrieben hat und in dem die etwas rätselhafte Zeile auftaucht: „Du wirst immer im Tod leben.“

          Im heutigen China scheint Tiananmen 1989 nicht nur wegen der Zensur und Repression vergessen zu sein; vielen kommen die damaligen Ideale auch wie aus der Zeit gefallen vor, die mittlerweile von ganz anderen Narrativen bestimmt wird, vom „Aufstieg Chinas“ bis zum „Wettlauf um Künstliche Intelligenz“. Doch Liu Xiaobo ging es bei seinem beharrlichen Einsatz für einen demokratischen Rechtsstaat ebenso wie bei dem Bemühen, „den Toten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“, um etwas jenseits solcher Rahmungen: darum, in Übereinstimmung mit sich selbst zu leben, „ein authentischer und wahrhaftiger Mensch zu sein“, wie er es einmal formuliert. Es sieht so aus, als stünde er mit diesem anti-zynischen, auf Gewissen und Würde beharrenden Verlangen auch heute nicht allein. Noch vor ein paar Tagen klagte ein chinesischer Philosoph in seinem Blog, viele seiner Generationskollegen, denen er in Peking begegnet, hätten etwas Maskenhaftes; sie hätten das „Reine, Unegoistische ihrer Jugend“ in den achtziger Jahren aufgegeben. „Wir haben uns unsichtbar gemacht im chinesischen Lebensstrom“, meint er, ohne dass er die Demonstrationen direkt erwähnt.

          Liu Xiaobo. Der Mann, der Peking die Stirn bot, heute um 22 Uhr bei Arte

          Weitere Themen

          Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

          Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

          Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

          Topmeldungen

          Eurofighter-Absturz : Nur ein paar Meter vom Kindergarten entfernt

          Ein Schock für die Menschen in Nossentiner Hütte, ein Schock für die Luftwaffe: Was über den Absturz der Eurofighter bislang bekannt ist – und wie die Bevölkerung reagiert. Ein Besuch vor Ort.
          Interims-Führung: Manuela Schwesig, Thorsten Schäfer-Gümbel und Malu Dreyer (v.l.) am Montag im Willy-Brandt-Haus in Berlin

          Mitgliederentscheid : Das gefährliche Spiel der SPD

          Mit einem „Fest der innerparteilichen Demokratie“ will die SPD ihre neue Parteiführung bestimmen. Doch das birgt diverse Risiken – und könnte die neue Spitze schnell wieder in die Bredouille bringen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.