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Doku zu Konversionstherapien : Liebe dich selbst, hasse deine Sexualität

Gezeichnete Exorzismus-Szene aus dem Film „Wie krank ist Homo-Heilung?“. Bild: © Ego Productions

Mitten in der Debatte um ein Verbot von Konversionstherapien in Deutschland zeigt die Dokumentation „Wie krank ist Homo-Heilung?“ das ausgeklügelte System dieser Behandlungen – und ihre massiven Folgen.

          3 Min.

          Deb weiß gleich, dass etwas nicht stimmt, als sie von der Schule nach Hause kommt. Ihre Eltern sitzen im Wohnzimmer, im Dunkeln. Sie erwarten ihre Tochter. „Deb, bist du lesbisch?“ In dem Moment hat sie das Gefühl, dass sie es sowieso schon wissen. Also antwortet sie ehrlich: „Ja.“ Die leise Wut ihrer Eltern, eines evangelikalen Paars aus Arkansas, macht ihr Angst.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Später muss Deb sich einem Exorzismus unterziehen, sie wird ans Bett gefesselt, angeschrien. Der Dämon, der ihre Homosexualität verursacht, soll ihren Körper verlassen. Der einzige Grund, warum sie sich nach den Torturen der Exorzismen nicht umbrachte, war exzessives Trinken, erzählt Deb heute. Jean-Michel aus Frankreich hat insgesamt acht Exorzismen durchlebt, die teilweise gewaltsam ausgeführt wurden. Benôit wurde seit seinem fünfzehnten Lebensjahr in den Sommerferien in ein spezielles Lager geschickt, in dem er täglich dafür beten musste, nicht mehr schwul zu sein. Und die junge Polin Ewa musste neben Heilmessen und Umpollagern auch Elektroschocks ertragen.

          All diese Menschen kommen in der Dokumentation „Wie krank ist Homo-Heilung?“ von Bernard Nicolas zu Wort. Mitten in der Debatte um ein Verbot von Konversionstherapien in Deutschland zeigt der Film Betroffene, aus Deutschland, Frankreich, Polen, der Schweiz und den Vereinigten Staaten – alles Länder, die im internationalen Vergleich als fortschrittlich im Umgang mit Homosexualität gelten. Gesetze, die Konversionstherapien verbieten oder einschränken, gibt es bisher nirgendwo. Dabei durchleben die Opfer von Umpolversuchen oft jahrelange Leiden, die sie eindrücklich schildern: Der Hass gegen die eigene Sexualität. Die Zweifel. Die Depressionen. Der Wunsch zu sterben. „Ich hatte das Gefühl, in mir schlummert ein wildes Tier“, so beschreibt ein Betroffener seine Homosexualität.

          Wer ist verantwortlich für das Leid?

          Wer hat Schuld daran, dass Heranwachsenden im christlichen Umfeld jahrzehntelang so zugesetzt wurde? Dass noch heute Konversionstherapien angeboten werden? Nicht allein die selbsternannten Homo-Heiler sind verantwortlich. Der Film verweist auf ein kompliziertes Geflecht: Es besteht aus religiös-konservativen Eltern, aus intoleranten Gemeinden und Priestern, aus unglücklichen Jugendlichen – und aus global agierenden Organisationen, die ein internationales Netzwerk aufgebaut haben, um Homosexualität systematisch zu bekämpfen. Vor allem Letzteren stellte sich lange niemand in den Weg.

          Natürlich sind da auch klassische Täterfiguren. Die Filmemacher sprechen mit einem katholischen Arzt, der Homosexualität als „Störung“ begreift – und das auch nur, weil der „Bund der katholischen Ärzte“ mit der Bezeichnung „Krankheit“ zu viel Ärger hatte. Es wird ein Mann besucht, der früher mal schwul war, jetzt aber Frau und Kinder hat und Bücher darüber schreibt, dass man nicht schwul geboren wird, sondern durch äußere Umstände wie sexuellen Missbrauch in der Kindheit und eine abwesende Vaterfigur homosexuell wird – nichts, was man seiner Meinung nach nicht wegtherapieren könnte. Auch Alan Chambers war von 1993 bis 2013 der Präsident von Exodus, einer amerikanischen Organisation, die verspricht, Homosexuelle von ihrer „Krankheit“ zu heilen. Dabei ist Chambers selbst schwul. Weil seine Sexualität nicht zu seinem Glauben passte, entschied er sich gegen ein Leben als Homosexueller – und begann, auch andere zu bekehren. Chambers entschuldigte sich 2013 öffentlich für seine fehlgeleiteten Seminare und reist seither durch die Vereinigten Staaten, um seine früheren Opfer um Vergebung zu bitten. Exodus hat viel angerichtet. Eine frühere Mitarbeiterin Chambers’ erzählt, wie sie ausstieg, nachdem eine lesbische Frau sich unmittelbar nach einem Seminar bei ihr das Leben genommen hatte.

          In der Diskussion um ein Verbot von Konversionstherapien ist vor allem die Dimension der Vernetzung der einzelnen Organisationen untereinander interessant. Immerhin behaupten gerade in Deutschland viele Geistliche, diese Therapien gebe es höchstens vereinzelt. Die Evangelische Zentrale für Weltanschauungen schätzt die Zahl der Gemeinden, die heute noch Konversionstherapien unterstützen, als gering ein. Die wohl bekannteste Konversionsorganisation „Desert Stream. Living Waters“ entpuppt sich jedoch als eine Art Franchise-Modell: Sie expandierte in den siebziger Jahren zunächst in den Vereinigten Staaten, Anfang der Neunziger dann nach Europa, 2015 sogar nach China. Dafür sollen die Kirchen riesige Summen bezahlt haben. In Deutschland hat der Verein „Wüstenstrom“ das Konzept unter dem Namen „Aufbruch Leben“ adaptiert.

          Was der Film nicht leistet, ist eine Aufrechnung des Profits, den Organisationen wie „Wüstenstrom“ mit Konversionsseminaren machen. Auch stiftet die schiere Masse an Organisationen und Bewegungen, die eine Befreiung von Homosexualität versprechen, Verwirrung. So wird zunächst nicht ganz deutlich, dass Männer wie Alan Chambers oder Günter Baum, der Gründer von „Wüstenstrom“, ausgestiegen sind – und bereuen. Dies mag dem Versuch geschuldet sein, ihre Taten nicht zu beschönigen.

          In Deutschland kämpft Bastian Melcher, der selbst Konversionstherapien durchlaufen hat und der F.A.Z. davon berichtete, für ein Verbot dieser Behandlung. Im Film wird Melcher in den Bundestag begleitet. Er hat am Gesetzesvorschlag, den Gesundheitsminister Jens Spahn vorgelegt hat, mitgearbeitet. Doch der Entwurf reicht ihm nicht. Melcher strebt mehr Präventionsmaßnahmen und mehr Aufklärungskampagnen an. Die Schwierigkeit, eine Konversionstherapie zu verbieten, offenbart sich gerade in den Figuren der Heiler, die oft selbst schwul waren: Niemand, der erwachsen und homosexuell ist, wird gezwungen, diese Sexualität zu leben. Diese Entscheidung beruht allein auf seiner individuellen Freiheit. Doch die Bekehrer begünstigen in ihrem Streben nach Heterosexualität oder enthaltsamer Frömmigkeit nicht nur strukturelle Homophobie, sie verursachen auch unermessliches persönliches Leid. Ihre Opfer haben eines gemeinsam: Depressionen und eine erhöhte Suizidgefahr.

          Wie krank ist Homo-Heilung?, heute um 20.15 Uhr bei Arte.

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