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Brisante Dokumentation : Amazon frisst uns mit Haut und Haar

  • -Aktualisiert am

Könnte bald Vergangenheit sein: Kassiererinnen im Supermarkt Bild: © STP PRODUCTIONS

Überwachung, Knebelverträge, Erpressung: Die sehenswerte Arte-Dokumentation „Auslaufmodell Supermarkt?“ zeigt, wie erbarmungslos Konzerne den Lebensmittelhandel prägen.

          3 Min.

          Eine junge Chinesin scannt in einem Pekinger Supermarkt jedes einzelne Produkt, das sie in ihren Einkaufswagen legt. Sie will wissen, woher der Salat stammt, wo er angebaut wurde, ob er wirklich, wie das Label verspricht, Bioqualität hat. Ohne ihr Handy wäre die makellos gestylte Frau beim Einkaufen verloren.

          Die Szene spielt in der Arte-Do­kumentation „Auslaufmodell Supermarkt?“ (Regie Rémi Delescluse), die Einblicke in die Welt des sich rasant ­veränderten Lebensmittelgeschäfts ge­währt. Während hierzulande Kassierer- und Kassiererinnen noch die Regel sind, der Begriff Smart aus einer fernen Welt zu kommen scheint und man sperrige Einkaufswagen durch die Gänge von Rewe, ­Aldi, Lidl und Edeka bugsiert, erobert in China und in Amerika die Digitalisierung den Supermarkt.

          Hypervernetzte, wohlhabende Kunden

          JD.com, hinter Alibaba die Nummer zwei im chinesischen Onlineversandhandel, baut seine Macht im Reich der Mitte unaufhörlich aus. Die Zielgruppe für ihre Supermärkte „7 Fresh“: hypervernetzte, wohlhabende Kunden. Bereits heute liegt die Quote der Onlinebestellungen bei fünfzig Prozent. Geliefert wird über das autonom fahrende Elektrofahrzeug, das mehrere Kunden hintereinander ansteuern kann. Wer den Gang in den Supermarkt nicht scheut, jedoch wenig Lust hat, sein Steak zu Hause selbst rosa zu braten, lässt diese Aufgabe einfach den Kochservice vor Ort erledigen.

          In Amerika heißt der größte Player bekanntlich Amazon, jenes nimmersatte Unternehmen, das angetreten ist, seine Kunden mit sämtlichen wichtigen (und unwichtigen) Gütern zu versorgen sowie maximal zu durchleuchten. 2017 erschüttert Jeff Bezos die Lebensmittelbranche mit dem 13,7-Milliarden-Dollar-Kauf der Supermarktkette Whole Foods. Bereits ein Jahr früher hatte Amazon in Seattle den ersten mit einer Just-Walk-Out-Technologie ausgestatteten Laden eröffnet, der die Kunden mit dem Versprechen der Effizienz lockt. Denn der mit Sensoren versehene Einkaufswagen und die ­smarten Regale ersparen dem stets unter dem Gefühl des Gehetztseins leidenden modernen Menschen das Warten an der Kasse. Die Abbuchung des Preises für den Einkauf erledigt eine App.

          Amazon will alles über uns wissen

          Inzwischen existieren in Amerika 28 solcher Geschäfte, wobei Brittain Laid, ehemaliger Amazon-Strategieberater, davon ausgeht, dass der Internetriese bis 2030 ein Filialnetz von bis zu 3000 Supermärkten unterhalten wird. Den Preis aber, den der Konsument tatsächlich bezahlt, beziffert keine App. Stacy ­Mitchell, Marktforscherin des Institute for Local Self-Reliance, bringt es auf den Punkt: „Amazon will so viel wie möglich über uns wissen. Was wir essen und wie wir Lebensmittel einkaufen verrät eine Menge.“

          Geht es um den leichtfertigen Umgang mit den eigenen, teilweise intimen Daten, lautet eine der beliebtesten und naivsten Aussagen: „Ich habe nichts zu verbergen.“ Dass jeder Onlineeinkauf, jedes verschriebene Medikament, jede in den smarten Einkaufswagen gelegte Flasche Wein und Tüte Chips mit unzähligen anderen persönlichen Daten kombiniert wird, fällt dabei der Verdrängung anheim. Doch niemand kann heute sagen, welche irgendwo gespeicherten Informationen einem morgen Türen verschließen.

          Arte-Dokumentation : „Auslaufmodell Supermarkt?“

          Die schwächere erste Hälfte der Arte-Dokumentation konzentriert sich auf Frankreichs Handelskonzern Carrefour und dessen brutale, bisweilen erpresserische Praktiken gegenüber Franchise-Nehmern und Lieferanten, die zu immer schmerzhafteren Preiszugeständnissen gezwungen werden, weil ihre Produkte ansonsten schlicht aus dem Sortiment fliegen. Selbst der als unantastbar geltende Konzern Nestlé geht in die Knie, nachdem Carrefour und andere europäische Firmen 163 Nestlé-Produkte aus mehreren Tausend Läden verschwinden lassen. Ein ehemaliger Justiziar von Carrefour spricht von „zerstörerischen Auswirkungen“ auf das ganze System.

          In China lautet die JD.com-Parole derweil, möglichst unabhängig von lästigen Partnern zu agieren. Der Gigant baut deshalb beispielsweise Gemüse in nährstoffreicher Flüssigkeit an, ganz ohne Erde, da die traditionelle Landwirtschaft zu ineffizient und teuer ist. Die Anfangsinvestitionen in den von wenigen weißbekittelten Arbeitern überwachten Anbau sind zwar äußerst kostspielig, zahlen sich aber um ein Vielfaches aus.

          Im März hat Amazon seinen ersten kassenlosen und mit zahlreichen Kameras ausgestatteten Supermarkt unter dem Namen „Amazon Fresh“ in London eröffnet. Dass weitere Filialen europaweit folgen, ist nur eine Frage der Zeit. Außer Frage indes steht, dass Amazon seine Datensammelwut intensivieren wird, denn willige Kunden gibt es schließlich genug.

          Die Dokumentation Auslaufmodell Supermarkt? läuft am Dienstag, 20.15 Uhr, bei Arte.

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