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Arte-Doku über Staranwalt : Spielt Mr. Feinberg Gott?

  • -Aktualisiert am

Fingerzeig: Kenneth Feinberg in seinem Büro. Bild: © SWR/Bildersturm Film

Der Washingtoner Anwalt Ken Feinberg ist berühmt, bei manchen berüchtigt. Er handelt bei Katastrophen Entschädigungen für Opfer und Hinterbliebene aus. Die Dokumentation über das Rechtssystem, in dem er agiert, ist wenig tröstlich.

          3 Min.

          Wenn der Washingtoner Staranwalt Kenneth Feinberg Ablenkung sucht, schaut er Fernsehen und hört gleichzeitig Oper. Wagner zur Footballübertragung, Verdi zur tonlosen Nachrichtensendung. Im Auto läuft Met Opera Radio, während der Sonderbeauftragte des amerikanischen Justiz- und Finanzministeriums zu emotionalen Anhörungen in entlegene Gemeindesäle fährt, um sich Opfern und Hinterbliebenen zur Diskussion zu stellen.

          Berühmt, für Kritiker berüchtigt geworden ist Feinberg durch spektakuläre Entschädigungsfälle mit Tausenden Betroffenen: der 11. September 2001; die BP-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko; General Motors und VW-Diesel-Skandal; das Boston-Marathon-Attentat; das Attentat in der Sandy-Hook-Grundschule; das Kino-Attentat in Colorado. Aber auch durch die vorübergehende Deckelung von Topmanagergehältern nach der Banken- und Wirtschaftskrise 2008 für Finanzunternehmen, die vom staatlichen Rettungsschirm profitierten, ist der Anwalt bekannt.

          Showtime für Ken Feinberg

          In Karin Jurschicks Dokumentation „Spielen Sie Gott, Mr Feinberg?“ reist er auch in Sachen Altersversorgung durchs Land. Es geht um den Plan der Central-State-Rentenversicherung, die garantierten Betriebspensionen um sechzig Prozent zu kürzen. Genehmigt werden muss das Vorhaben im Kongress, die Vorlage erstellt Feinberg. In Detroit stellt er sich Arbeitern vor, deren ohnehin bescheidener Ruhestand in Gefahr ist. Wut, Ärger, Unverständnis, Berichte von blanker Not bei diesem „Townhall-Meeting“: Showtime für Ken Feinberg.

          Eine Stärke von Karin Jurschicks 2016 entstandenem Film – gegenwärtig vertritt Feinberg mutmaßliche Bayer/Monsanto-Geschädigte – ist sein ausgewogenes Bild- und Wortverhältnis, das Raum und Zeit zum Überdenken gibt. Jurschick setzt, ohne bewertenden Off-Kommentar, auf Feinbergs Selbstbeschreibung und deren Kontrastierung durch kontroverse Einzelfälle. Der Anwalt reflektiert seine Aufgabe innerhalb des amerikanischen Rechtssystems und der Gesellschaft, positioniert sich als Person und Funktion, unterscheidet beide und führt sie zusammen. Ohne Empathie gehe es nicht, aber sie dürfe nicht leitend sein. Leitend sei die Beweislage. Das Ziel bestimme sich als Ausgleich von juristischer Gerechtigkeit und Rechtssicherheit. Häufig finden Hinterbliebene diese Vorgehensweise kalt, beleidigend, gar schmähend. Aber Feinberg sieht sich nicht als Retter der Welt, sondern als Mittelsmann. Wem nütze es, die Pläne der Rentenfondsgesellschaft empört zurückzuweisen, wenn sie danach pleitegehe und die Betriebsrentner alles einbüßten? Salomon stand vor kaum geringeren Aufgaben.

          Feinberg, ein Mann mit einem offenbar stupenden Gedächtnis und beeindruckenden rhetorischen Bühnenqualitäten, hört zu, berät, prüft, stellt Buchhalterteams zusammen, beschäftigt ein Heer von Büroangestellten, aber manchen geht seine Unabhängigkeit nicht weit genug. Für einen Fünfhundert-Dollar-Stundensatz ist er bereit, den Teufel in den Details aufzuspüren.

          Feinberg traf der Zorn

          Den Teufel, der er für einige Opfer selbst ist, denn um durch seine Vergleiche Entschädigung zu bekommen, müssen Betroffene auf ihr Recht auf Einzelklage verzichten sowie den durch ihn festgesetzten Wert eines Menschenlebens in ihren Trauerprozess aufnehmen. Nach dem 11. September bekamen Familien von Feuerwehrleuten wesentlich weniger Geld aus dem Entschädigungsfonds als Familien von Bankenmitarbeitern. Entscheidend war der wirtschaftliche Schaden, der durch den Tod der Person voraussichtlich entstehen würde. Beschlossen hatte das der Kongress, aber Feinberg traf der Zorn. Auf dem Höhepunkt des öffentlichen Unmuts stellte er sich in einer Fernsehdiskussion empörten Hinterbliebenen. Immer wieder äußern sich Angehörige, die Feinbergs Bemühungen in Frage stellen. Zu fast jeder Rede gibt es eine Gegenrede. Dem Film gelingt so eine umfangreiche Beweisaufnahme. Angeklagt ist aber nicht Feinberg, auch er erscheint als Zeuge. Der Film verhandelt Probleme des Rechtssystems selbst. Das Urteil wird verschoben.

          „Spielen Sie Gott, Mr. Feinberg?“ ist kein tendenziöser Film, auch keine zynische Abrechnung, und hält die schwierige Balance zwischen Information und Einfühlung. Aber er spendet wenig Trost, es sei denn, man empfindet abstrakte Rechtssicherheit als solchen.

          Für Feinberg wirkt die Oper, das „Höchste der Zivilisation“, als Zuflucht und Immunisierung gegen Leid. Prägend habe er John F. Kennedy einerseits und die jüdischen Totenklage-Rituale andererseits erlebt. Die Titel-Frage nach der Gottgleichheit jedoch bleibt falsch gestellt. Weder ist dieser Sonderbeauftragte der Justiz allmächtig, noch klebt Gott Preisschilder an Menschenleben. Wie vollständig die Höhe der Gehaltsbezüge den Selbstwert eines Menschen bestimmt, habe er nicht bei seinen Katastropheneinsätzen, sondern bei seinem Bankenauftrag nach 2008 erlebt, sagt dieser Anwalt.

          Spielen Sie Gott, Mr. Feinberg?, heute, Donnerstag 18. Juli, um 22.50 Uhr bei Arte. Am 24. Juli um 22.45 Uhr im Ersten.

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