https://www.faz.net/-gqz-97bcg

Arte-Doku über Missbrauch : Das Kreuz mit der Reife

  • -Aktualisiert am

Der britische Historiker John Dickie recherchiert, wie die katholische Kirche früher mit Kindesmissbrauch in den eigenen Reihen umgangen ist. Bild: Arte/Filippo Genovese

Arte zeigt eine Dokumentation über den Kampf der katholischen Kirche gegen Kindesmissbrauch. Sie zeigt, wie zaghaft die Anstrengungen noch immer sind.

          Leid kann nicht gegeneinander abgewogen werden. Schon deshalb sollte man darauf achten, dass sich die öffentliche Empörungsbereitschaft nicht allein auf einen Bereich konzentriert. Die #MeToo-Debatte bestimmt zurzeit den Diskurs, es geht um Ausnutzung von Machtverhältnissen innerhalb der Medien und der Politik. Über das massive Pädophilie-Problem der Katholischen Kirche, das in den vergangenen beiden Jahrzehnten zwar wiederholt adressiert, aber keineswegs zufriedenstellend aufgearbeitet wurde, hörte man zuletzt wenig. Dabei sind die Opfer hier sogar Minderjährige.

          Papst Franziskus hat bei seinem Amtsantritt im Jahr 2013 eine Null-Toleranz-Haltung seiner Kirche im Hinblick auf Pädophilie angekündigt. Das nimmt der britische Journalist und Romanist John Dickie zum Anlass einer Zwischenbilanz, die verheerend ausfällt: Das Kartell des Schweigens existiere einfach weiter. Ganz unerwartet kommt diese Bestandsaufnahme nicht, haben doch inzwischen beide Opfervertreter unter Protest gegen die Kooperationsunwilligkeit der Kurie die 2014 eingerichtete Päpstliche Kommission für den Schutz von Minderjährigen verlassen.

          Von 2004 bis 2012 gegen 3420 Priester ermittelt

          Den Großteil des Films (Regie Jesus Garcés Lambert) nehmen Rekapitulationen gravierender Missbrauchsfälle ein, was in dieser Zusammenstellung und durch eigens vor Ort geführte Opfer-, Ermittler- und Expertengespräche einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Es wird ein Muster deutlich. So wurde der Lyoner Pater Bernard Preynat, dem mehr als siebzig ehemalige Pfadfinder Missbrauch vorwerfen, lange vom zuständigen Erzbischof gedeckt. Im Fall des einflussreichen italienischen Priesters und Schulrektors Don Mauro Inzoli, im Jahre 2016 wegen fünf noch nicht verjährter Missbrauchsvergehen verurteilt, zögerte Papst Franziskus persönlich die Entlassung aus dem Priesterstand hinaus. Pater Corradi warfen im Jahr 2009 sechzig Personen vor, sich als Lehrer in Verona regelmäßig an gehörlosen Schülern vergangen zu haben. Er wurde lediglich versetzt und verging sich fortan an gehörlosen Kindern in Argentinien, bis ihn die Polizei von Mendoza im Jahre 2016 endlich stoppte. Auch der Priester Joe Maurizio, in den Vereinigten Staaten des Kindesmissbrauchs verdächtigt, setzte sein verwerfliches Tun noch lange in Südamerika fort.

          Das sind Ausnahmen, aber keine Einzelfälle. Allein zwischen 2004 und 2012 ermittelte die Kurie weltweit gegen 3420 Priester wegen Kindesmissbrauchs (im Film ist falsch synchronisiert von 3240 die Rede). Bedrückend scheint das Ergebnis dieser internen Ermittlungen insbesondere dann, wenn man weiß, dass Bischöfe nur die eklatantesten Fälle an den Vatikan weitergereicht haben. Lediglich 848 der Beschuldigten wurden aus dem Priesteramt entlassen. Dass es das bis zur Opferschelte reichende Kleinreden des Missbrauchs-Problems noch immer gibt, beweist im Film der Bischof von Palestrina. Bei einem Jugendlichen von fünfzehn Jahren könne man doch gar nicht von Pädophilie sprechen, sagt er: „Womöglich war er bis zu einem gewissen Grad sogar einverstanden“.

          Bei der Kernfrage werden die Antworten dünn

          Bis heute verpflichtet die Kirche ihre Bischöfe nicht, Missbrauchsvorwürfe der Polizei zu melden. Und seit kurzem erst müssen Würdenträger mit Repressionen rechnen, wenn sie dringend Tatverdächtige nicht suspendieren. Wenig vertrauenerweckend wirkt es auch, dass die Katholische Kirche etwa in den Vereinigten Staaten viel Geld und Energie in den Kampf gegen Lockerungen der Verjährungsfristen für Kindesmissbrauch steckt statt in Beratungsstellen. Grundlos dürfte das nicht geschehen. Dass die Aufarbeitung so schleppend vorangehe, habe allerdings nicht nur mit der Angst vor dem Reputationsschaden und Entschädigungszahlungen zu tun. „Es sieht so aus“, formuliert Dickie, „als ob die Ursachen des Problems viel tiefer reichen, als wir alle ahnen.“ Die Kernfrage lautet: Gibt es einen Systemzusammenhang zwischen Pädophilie und der Institution Katholische Kirche?

          Ausgerechnet hier aber werden die Antwortversuche dünn. Lucetta Scaraffia vom „L’Osservatore Romano“ sieht den Grund für die Straffreiheit vieler Täter recht schlicht im Umstand, dass „die Kirche eine ausschließliche Männerwelt ist“. Die „La Croix“-Journalistin Isabelle de Gaulmyn mutmaßt, viele Priester kämen mit dem Stellvertreter-Gottes-Ansehen nicht klar, das zudem die „Opferlammhaltung der Gläubigen“ fördere. Das hat einen Beigeschmack von Opferkritik. Einzig der Psychologe Pater Gerard J. McGlone, der pädophile Geistliche therapiert hat, wagt sich an eine systemische These: Demnach blieben viele Priester aufgrund des Zölibats auf einer niedrigen „psycho-sexuellen Reifestufe“ stehen. Sie suchten sich dann Menschen auf derselben Stufe, andere Unerfahrene also. Es würde sich lohnen, über McGlones Unreife-Andeutung genauer nachzudenken, gerade dann, wenn einem am Fortbestand der Katholischen Kirche gelegen ist.

          Fraglos richtig ist die Aufforderung, mit der John Dickie, der sich leicht eitel gern selbst im Bild sieht, den Film beendet: „Für den Papst wird es Zeit, Geschichte zu schreiben und die Vertuschung zu beenden, die noch immer viele Fälle von Kindesmissbrauch umgibt.“

          Weitere Themen

          Neue Helden Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Spiderman - A New Universe“ : Neue Helden

          Schon wieder Spiderman? - Ja, aber anders. Es geht um die großen Themen, wie immer. Aber die Erzählweise hat sich geändert. Wie das geht und ob sich das auszahlt, hat Elena Witzeck analysiert.

          Topmeldungen

          Sie geht, aber erst später. Theresa May hat ihren Rückzug bis 2022 angekündigt.

          Liveblog zum Misstrauensvotum : Theresa May übersteht Abstimmung

          Misstrauensvotum gegen Premierministerin abgewendet +++ May will vor der nächsten Parlamentswahl abtreten +++ Buchmacher rechnen damit, dass May im Amt bleibt +++ Verfolgen Sie die Brexit-Entwicklungen im FAZ.NET-Liveblog.
          Bundeskanzlerin Angela Merkel beantwortet im Rahmen der Befragung der Bundesregierung die Fragen der Abgeordneten. Dabei gibt sie sich angrifflustiger denn je.

          Regierungsbefragung : Merkel an der Ballwurfmaschine

          Gut eine Stunde lang lässt sich die Kanzlerin im Bundestag befragen und liefert sich mit Linken und Rechten einen rhetorischen Schlagabtausch – so offensiv hat man Merkel selten erlebt. Neue Inhalte wurden dabei gleich mitgeliefert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.