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Blasphemie-Doku auf Arte : Pakistanische Islamisten kennen keine Gnade

  • -Aktualisiert am

Khadim Hussain Rizvi (2.v.r.) ist ein mächtiger pakistanischer Geistlicher, der die Blasphemie-Gesetze erhalten will. Bild: blakeway/Muhammad Sohail Rana

Als er sich mit Pakistans Gotteslästerungs-Paragraphen befasste, wurde es gefährlich für den Dokumentarfilmer Mohammed Naqvi. Jetzt zeigt Arte seine Recherchen erstmals auf Deutsch.

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          Darf man die Kamera draufhalten, wenn Islamisten ihre Theorien ausbreiten? Der New Yorker Dokumentarist Mohammed Ali Naqvi vertraut darauf, dass sie sich in ihren besten Momenten selbst entlarven. So lässt er einen Staatsanwalt erklären, dank des pakistanischen Blasphemie-Paragraphen bestehe nun „kein Grund mehr, jemanden zu ermorden“. Der Satz fasst die Doku „Blasphemie – Pakistans tödliches Gesetz“ gut zusammen. Er sagt alles darüber, wie der titelgebende Paragraph 295c des pakistanischen Strafgesetzbuchs, der die „Entweihung“ des Propheten Mohammed mit dem Tod ahndet, in der Praxis angewendet wird.

          Naqvis filmische Zurückhaltung erlaubt es auch, Khadim Hussain Rizvi in Aktion zu sehen. Der Führer der extremistischen Partei Tehrik-e-Labaik Pakistan (TLP) ist von Berufs wegen Prediger. Im Film spricht er trocken, bisweilen schelmisch über sein Vorgehen. Die von ihm gegründete TLP hat ihren Aufstieg, den der Film nachzeichnet, einzig dem Paragraphen 295c zu verdanken. „Ideeller Grenzschutz“, sprich: den Paragraphen zu verteidigen, ist ihr politisches Programm.

          Sensationell war vor allem die Lappalie

          Wozu der Paragraph 295c dient, zeigt das Schicksal der Christin Asia Noreen, die als „Asia Bibi“ weltbekannt geworden ist. Sie wurde 2010 als erste Frau zum Tode verurteilt, nachdem sie bei der Feldarbeit in einen Streit mit Musliminnen geraten war. Diese hatten behauptet, sie habe sich abfällig über den Propheten Mohammed geäußert. Mangels Beweisen wurde Asia Noreen im Oktober 2018 vom höchsten Gerichtshof freigesprochen, nachdem sie Jahre in Haft verbracht hatte. Nach dem Urteil wurden sie und ihre Familie mit dem Tod bedroht, sie erhielt schließlich in Kanada Asyl. Weil ihr Fall international bekannt wurde, wirft die TLP der Verfolgten Opportunismus vor. Diesen Vorhalt allerdings reicht die Dokumentation an Rizvis Partei zurück. Wollte der Prophet nicht, dass religiösen Minderheiten Schutz gewährt wird? In Pakistan kann davon keine Rede sein. Nur drei Prozent der Bevölkerung sind andersgläubig, aber vierzig Prozent der Blasphemie-Prozesse werden Anhängern des Christentums und anderer Religionen gemacht.

          Warum machte die TLP ausgerechnet Asia Noreen, eine Tagelöhnerin und fünffache Mutter, zur Zielscheibe? Ließ sie als blutige Puppe von Männerrudeln durch die Stadt tragen, während man ihr in Tiktok-Videos die Enthauptung wünschte? Weil sich mit ihrem Fall die Regierung besonders unter Druck setzen ließ. Im Ausland hingegen erschien an Asia Noreens Fall vor allem die Lappalie sensationell, dass sie bei der Feldarbeit in der Hitze aus einem Becher mit anderen trank und mit dieser „Verunreinigung“ den Zorn von Musliminnen auf sich zog, die sie anschließend der Beleidigung des Propheten beschuldigten. Asia Noreen hingegen sagte aus, die anderen Frauen hätten von ihr verlangt, zum Islam überzutreten.

          Ihre eigene Art der Berufung

          Andere Opfer des Blasphemie-Paragraphen, die der Film vorstellt, haben den Staat kritisiert, nicht den Propheten. Der Journalistik-Student Mashal Khan etwa hatte Worte Mohammeds sogar an seiner Zimmerwand stehen. Sein einziger Frevel war, dass er hohe Studiengebühren kritisierte. Bevor es zu einem Prozess kommen konnte, prügelte ihn ein Mob zu Tode. Gulalai Ismail trat mit ihrer NGO als Kritikerin des Patriarchats auf und bezichtigte einen ihrer Blasphemie-Beschuldiger der Verleumdung. Der Gerichtssaal wird zum Schlachtfeld einer aggressiven politischen Auseinandersetzung.

          Die Doku spielt sich trotzdem großteils auf den Straßen ab. Es geht ihr um das Nachspiel, das jedes Urteil hat. Meister des Nachspiels sind die Islamisten um Rizvi. Nachdem Asia Noreen vom Obersten Gerichtshof freigesprochen worden war, legten sie ihre Art der „Berufung“ ein, indem sie ganze Städte lahmlegten und großen wirtschaftlichen Schaden anrichteten. Die Regierung knickte ein und forderte die Richter auf, ihr Urteil zu überprüfen. Auf ähnliche Weise erzwang die TLP schon Rücktritte oder verklärte Mörder zu Märtyrern, wenn sich deren Opfer für Asia Noreen ausgesprochen hatten. Sie wurde aus diesem Grund sogar gegründet – um den Mörder des Gouverneurs Salman Taseer, der sich für die freigesprochene Asia Noreen eingesetzt hatte, vor einer Verurteilung zu bewahren. Die Islamisten der TLP kennen keine Gnade, auch nicht bei einem erfundenen Blasphemie-Vorwurf.

          Aus diesem Grund bezeichnet Regisseur Naqvi die Dokumentation als seinen gefährlichsten Film. „Blasphemische“ Fotos mussten der Vorstellungskraft überlassen werden. Auch dass ein Zeuge vorträgt, was Asia Noreen gesagt haben soll, musste im Film stumm geschaltet werden. Aber nicht bloß zum Schutz des Filmteams, sagt eine Redakteurin des ZDF, sondern auch zum Schutz des Mannes, der wiederholt, was Noreen zum Verhängnis werden sollte.

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