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Arte-Doku über Bautzen : „Menschen in meinem Alter leben nicht mehr hier“

Szenen aus dem Stadtleben: Der AfD-Bundestagsabgeordnete Karsten Hilse (links) im Interview mit David Vandeven von Ostsachsen TV Bild: © ZDF/taglicht media

Platz für eine laute, radikale Minderheit, der zu wenige entgegentreten: Ein halbes Jahr lang haben Dokumentarfilmer die Menschen in Bautzen begleitet: Jetzt zeigt Arte die Konflikte der Gegenwart am Beispiel der ostdeutschen Stadt.

          3 Min.

          Diese Serie ist ein Experiment. Arte hat sich in den tiefen Osten der Republik gewagt, in die Kleinstadt Bautzen in der Oberlausitz, in der Konflikte aufgebrochen sind, die man nahezu überall in Europa und vor allem im ländlichen Raum beobachten kann. Bautzen wurde bewusst gewählt, hat die Stadt doch seit 2016 ein denkbar schlechtes Image. Damals war – aus bis heute nicht geklärter Ursache – zunächst eine geplante Flüchtlingsunterkunft abgebrannt, und ein paar Monate später kam es auf dem Kornmarkt im Zentrum der Stadt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Neonazis und Asylbewerbern.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          In der Folge machten die Menschen die bittere Erfahrung, dass Reporter bisweilen schnell sind mit ihren Urteilen, vor allem auch schnell wieder weg. So sei ein einseitiges, ja ein Zerrbild der Stadt entstanden, kritisieren Einwohner unterschiedlichster Couleur. Der SPD-Oberbürgermeister erzählt fassungslos, wie er von Kollegen im Westen mit dem Satz „Na, fahren Sie jetzt wieder zurück ins braune Herz Deutschlands?“ verabschiedet wurde. „Die ,braune Ecke‘, das ,Nazi-Nest‘, das ist doch alles Quatsch“, sagt ein Berufsschullehrer. Sie wünschen sich, ein realistisches, unverzerrtes Bild ihrer Stadt in der Öffentlichkeit zu sehen.

          „Junge Leute fehlen“

          Ausgerechnet der auch von vielen Bautznern heftig kritisierte öffentlich-rechtliche Rundfunk hat diesen Wunsch nun, man darf sagen: übererfüllt. Das Arte-Fernsehteam blieb gleich ein halbes Jahr lang in dem 40.000-Einwohner-Ort, dem es wirtschaftlich gutgeht und in dem ein Drittel der Einwohner AfD wählt. Zwischen den Kommunalwahlen im Frühjahr 2019 und der Landtagswahl im September erkundeten die Reporter die sächsische Stadt, folgten unterschiedlichen Protagonisten in ihrem Alltag, waren bei Bürgerversammlungen, Theaterpremieren und im Wahlkampf dabei. Herausgekommen sind zehn Folgen à 30 Minuten, die sich Themen wie Heimat, Streit, Medien, Einheimischen und Fremden widmen und in denen wohl auch die Bautzner selbst ihre Stadt noch einmal mit anderen Augen sehen und die Lebenswirklichkeit ihrer unmittelbaren Nachbarn kennenlernen dürften.

          Denn eine Ursache der aufgebrochenen Konflikte ist ja nicht nur in Bautzen, dass viele Menschen trotz nächster Nähe kaum noch etwas voneinander wissen, dafür aber umso entschiedener übereinander urteilen. Im offenen Konflikt etwa zwischen Asylgegnern und -befürwortern, zwischen Anhängern von Grünen und AfD, Kosmopoliten und Heimattreuen, gibt es aber noch das alltägliche Leben, das bewältigt werden will. Da ist die alleinerziehende junge Frau, die ehrenamtlich im Flüchtlings-Café hilft und vom arabischen Essen schwärmt, während ihre Mutter ankündigt, AfD zu wählen, „damit die da oben mal Bescheid kriegen“. Da ist der Abiturient, den die Ereignisse in seiner Stadt politisiert haben, der Stadtführer, der sich nach der Wiedervereinigung eine neue Existenz aufgebaut hat, die Lokalreporter, die sich um Objektivität mühen, aber von jenen in Frage gestellt werden, die einem privaten Lokalsender vertrauen, der unkritisch jedem, auch Vertretern der vom Verfassungsschutz beobachteten „Identitären Bewegung“, ein Podium bietet.

          Zu all diesen Konflikten kommt in Bautzen wie überall in Ostdeutschland noch ein entscheidender hinzu: der radikale Bruch nach 1989 und die harte Zeit der Transformation, die den Begriff „Heimat“ hier bei praktisch allen Protagonisten zu etwas sehr Kostbarem werden lassen. „Junge Leute fehlen. Eine ganze Volleyballmannschaft mussten wir abgeben“, erzählt eine ältere Frau. „Alle, die was werden wollten, sind weggegangen, und sie kommen nicht zurück.“ Selbst die junge, aus dem Westen zugezogene grüne Aktivistin, die mit ihren ungeduldigen Weltverbesserungs-Tweets bisweilen selbst wohlwollende Teile der Stadt zur Weißglut bringt, resümiert: „Menschen in meinem Alter leben nicht mehr hier.“ Seit 1989 hat Bautzen ein Viertel seiner Einwohner verloren. So bleibt zu oft Platz für eine laute, radikale Minderheit, der zu wenige entgegentreten. Am allerwenigsten die andere, extrem polarisierende Figur Bautzens: Der Bauunternehmer und AfD-Großspender wirft das den Oberbürgermeister begleitende Arte-Team beim Bahnhofsrichtfest einfach vom Gelände, während ihm wohlgesinnte Medien zugelassen sind.

          Das alles zeigt die Serie ohne jeden Kommentar, und das ist zweifellos ihre große Stärke. Die Bilder und Aussagen stehen für sich, sie bedürfen weder einer Erklärung noch Einordnung, im Gegenteil: Sie zwingen fast dazu, sich einen eigenen Reim auf das Geschehen zu machen. Bautzen mag mit all seinen Problemen exemplarisch für viele Orte Ostdeutschlands stehen, einzigartig oder gar merkwürdig ist es deshalb keineswegs. Darauf weist am Ende ein in der Stadt arbeitender französischer Theaterpädagoge hin. Konflikte wie diese kenne er aus seiner Heimat schon seit zwanzig Jahren, sagt er. „Das ist keine ostdeutsche Besonderheit.“

          Bautzen, Folge 1 bis 5 läuft ab heute bis zum 2. Oktober jeweils 19.40 Uhr auf Arte. Die Folgen 6 bis 10 sind am 3. Oktober ab 14.35 Uhr zu sehen. Alle Folgen gibt es auch auf www.arte.tv.

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