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Dokumentation über den Tonfilm : Der Sound muss Gänsehaut erzeugen

  • -Aktualisiert am

Er weiß genau, wie Science-Fiction-Figuren klingen sollten: Ben Burtt mit Aufnahme-Equipment. Bild: Dogwoof Ltd.

Ein Bär im Wookiee-Pelz: In der Dokumentation „Making Waves“ rekapituliert Midge Costin die Geschichte des Tonfilms. Dabei zeigt sie, dass die Ohren im Kino manchmal wichtiger sind als die Augen.

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          Fans von Tony Scotts Blockbuster „Top Gun“ (1986) müssen jetzt stark sein: Wenn Tom Cruise in seiner F-14 über die Hügel Südkaliforniens donnert, sind nämlich nicht nur die Triebwerke des Kampfflugzeugs zu hören. Cece Hall, die Tonmeisterin des Films, hatte während der Produktion eine Woche lang Düsenjets aufgenommen, um am Ende festzustellen, dass sie ziemlich schwachbrüstig klangen. Dann fügte sie Tierlaute hinzu, etwa grollende Löwen und schreiende Affen. Erstaunlicherweise ließen erst diese Geräusche einen Abfangjäger wie einen Abfangjäger anmuten, denn sie hatten „etwas Schneidendes, Scharfes“.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Für Sounddesigner, das wird in Midge Costins materialreicher Dokumentation „Making Waves“ deutlich, scheinen Tiere eine Art Allzweckwaffe zu sein. Dem T-Rex in Steven Spielbergs „Jurassic Park“ (1993) könnte man zurufen: „Gut gebrüllt, Tiger, Alligator und Baby-Elefant.“ Der Synchronjauler von Han Solos bestem Freund Chewie ist dagegen ein einzelner Geselle, der aber lange gesucht werden musste. Ein Jahr bevor die Dreharbeiten zu „Star Wars“ (1977) begannen, machte Ben Burtt seinen Abschluss in „Film Production“ an der University of Southern California. George Lucas fragte ihn, ob er den Ton übernehmen wolle. Burtt sagte zu und sollte zunächst erörtern, wie ein Wookiee kommunizieren könnte. Also hielt er monatelang unterschiedlichen Tieren sein Mikro vor die Schnauze. Fündig wurde er bei einem jungen Bären, der das ideale Brummgeheule von sich gab, sobald man ihm ein Stück Brot reichte.

          Burtt, ein Pionier moderner Tontechnik, der Filmen wie „E.T.“ (1982) und „Wall-E“ (2008) seinen akustischen Stempel aufdrückte, war allerdings nur die zweite Wahl. Eigentlich hatte es Lucas auf Walter Murch abgesehen, der heute als Initiator der größten Sound-Revolution in der jüngeren Filmgeschichte gilt. Das Jahr der Umwälzung: 1979. Das Ereignis: „Apocalypse Now“. Murch wusste, dass auch Geräusche einen Platz im Drehbuch brauchen, weswegen er ein Skript für das Klang-Design schrieb. Zudem hatte Regisseur Francis Ford Coppola ein halbes Dutzend Soundtüftler von der Leine gelassen, wobei sich jeder von ihnen um etwas anderes kümmerte: Helikopter, Hintergrundstimmen, Atmosphäre, Waffen und das Boot. Der Tonschnitt dauerte anderthalb Jahre, die Mischung neun Monate. Richard Beggs, der zum Team gehörte, erinnert sich: „Die Arbeit an ‚Apocalypse Now‘ war, wie LSD einzuwerfen.“

          Ein Mann für alle Fälle: Bevor er zum Spezialisten für den Ton in Pixar-Filmen wurde, arbeitete Gary Rydstrom unter anderem bei „Terminator 2“ (1991), „Jurassic Park“ (1993) und „Titanic“ (1997) mit.
          Ein Mann für alle Fälle: Bevor er zum Spezialisten für den Ton in Pixar-Filmen wurde, arbeitete Gary Rydstrom unter anderem bei „Terminator 2“ (1991), „Jurassic Park“ (1993) und „Titanic“ (1997) mit. : Bild: Dogwoof Ltd.

          Der Film lief im sechsspurigen Surround-Format, das fortan den Goldstandard bilden sollte. Alle Entwicklungen, die auf diesen Punkt zustrebten, ihn hinter sich ließen und vorerst bei Pixar und dessen Sound-Fachmann Gary Rydstrom endeten, zeichnet Midge Costin genau nach. Die Zeit von Mitte der sechziger bis Anfang der achtziger Jahre, also jene Phase, die als „New Hollywood“ bekannt ist, war formalästhetisch besonders reich an Innovationen. Man schaue sich etwa die Flughafensequenz in Robert Altmans „Nashville“ (1975) an. Zu hören sind Turbinen, eine Marschkapelle, Gespräche und Klatschen. Jim Webb, der hier mehrere Spuren gleichzeitig aufnahm, zieht das Publikum über die Geräuschkulisse ins Geschehen. „Dieser Film zeigte meinen Ohren, was alles in einem Film mit Ton machbar ist“, sagt die Soundtechnikerin Lora Hirschberg. Die Handlung werde von Lauten vorangetrieben, was es vor Altman im amerikanischen Kino nicht gegeben habe. Steven Spielberg hebt hervor: „Ich war immer der Ansicht, unsere Ohren leiten unsere Augen zum Schauplatz einer Geschichte.“

          Unsere Ohren leiten aber auch ins Innere von Figuren. Das hat Coppola in „Der Pate“ (1972) illustriert: Bevor Michael Corleone zwei Männer in einem Restaurant umbringt, erklingt ein schrilles, von John Cage inspiriertes Getöse. „Was Sie da hören“, sagt Walter Murch, „sind Michaels Neuronen, die aufeinanderprallen, als er sich entscheidet, diese Leute zu töten.“ Dass sich dem Zuschauer bei der Szene die Nackenhaare aufstellen, verträgt sich bestens mit dem Jobverständnis der Tonmischerin Anna Behlmer: „Wenn du Gänsehaut kriegst, ist alles richtig.“

          Musik, Krach und Rumoren sollen nicht reflektiert, sondern erlebt werden. Sie richten sich an den Körper, nicht den Geist. Sie sind ein zentrales Element für das, was man mangels besserer Ausdrücke als „ästhetische Erfahrung“ bezeichnet. Midge Costin fragt laufend nach den Möglichkeiten, Kunst wahrzunehmen. Das funktioniert oft über Anekdoten. Eine davon betrifft Barbra Streisand. Falls Sie wissen möchten, warum wir ihr dankbar sein sollten, schalten Sie ein und hören Sie genau zu.

          Making Waves: The Art of Cinematic Sound läuft an diesem Freitag um 21.55 Uhr auf Arte.

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