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Doku „Inside Lehman Brothers“ : Anderen das Herz rausreißen und sich dann davonstehlen

  • -Aktualisiert am

Sie warben mit Slogans wie: „Wir sehen für uns gute Chancen in einem instabilen und stark fragmentierten Finanzdienstleistungsmarkt.“ Dann kam der Fall. Bild: Reuters

Die Arte-Doku „Inside Lehman Brothers“ blickt auf die Finanzkrise von 2008 zurück und zeigt: Die Gier ist wieder salonfähig. Die nächste Krise kann jederzeit kommen.

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          Um die Welt gingen im Herbst zuerst die Bilder der Angestellten, die Pappkartons mit persönlichen Sachen aus den Glastürmen trugen. Die Nachrichten hatten ihre Story: Der tiefe Fall der Banker, der „Masters of the Universe“ (Tom Wolfe), die die Gier in den Untergang getrieben hatte.

          Die schlechte Nachricht zuerst: Wer dachte, Banken und Politik beziehungsweise deren verlängerter Arm, die Aufseher, hätten aus der Finanzkrise, die im September 2008 mit der gigantischen Pleite der Lehman- Brothers-Bank begann, etwas gelernt, möge noch einmal nachdenken. Im Frühjahr 2017, so zeigt es die Dokumentation „Inside Lehman Brothers“ von Jeniffer Deschamps als „krönenden“ Abschluss ihrer profunden, etwas simplifizierenden Rekonstruktion der Vorgänge, unterschreibt der amerikanische Präsident Donald Trump eine Vorlage, die Obamas „Dodd-Frank-Act“ wiederaufhebt, mithin ein Dekret, das die Verbraucher vor den kreativen Machenschaften der Finanzdienstleister schützen sollte. „Indem wir kleine Banken von exzessiver Bürokratie befreien“, sagte Trump unter Beifall, „lassen wir das ökonomische Potential unserer Leute von der Leine.“ Anders gesagt: Die Gier der Finanzprodukterfinder und der Account Manager ist wieder salonfähig. „Von der Leine lassen“ – im Segment des aggressiven Marketings zeigt sich Trump sprachbewusst.

          Meine Brust bleibt breit

          Von „Rückkehr zum Zocker-Kapitalismus“ sprachen viele. Dazu gehört, dass aus dem Lehman-Umfeld bis heute niemand zur Verantwortung gezogen wurde. Der hier porträtierte Richard Fuld jr., Ex-Lehman-CEO, 2008 einer der „dynamischsten“ Player der Wall Street mit dem Ehrennamen „der Gorilla“, in dessen Zuständigkeit immer neue, unerfüllbare Planverkaufsziele für die provisionsabhängigen Kredithändler der Tochterfirma BNC fielen, gründete 2009 in New York eine Firma für Vermögensberatung, die warb: „Wir sehen für uns gute Chancen in einem instabilen und stark fragmentierten Finanzdienstleistungsmarkt.“ Will sagen: Meine Brust bleibt breit. Unangetastet wie der Megabonus, der den Abgang bei Lehman erträglich machte.

          In einer Videobotschaft an die Mitarbeiter – seine persönliche Unzugänglichkeit empfanden die Angestellten als legendär angsterregend – empfiehlt Fuld, anderen stets „das Herz rauszureißen und zu essen, bevor sie sterben“. „Wer immer dir im Weg steht, bring ihn um“: die Fuld-Losung als Halbjahresansprache. Systembedingte Hybris, auch das zeigt „Inside Lehman Brothers“, legitimiert ihre immanente Selbsterhaltung durch solche Figuren. Betrüger werden in dieser geschlossenen Weltsicht zu „aggressiven Tradern“. Gesetze sind Ansporn, Grauzonen zu finden. Wo es keine gibt, erscheinen illegale Buchungen und Kreditantragsfälschungen legitim.

          Das gelingt dieser filmischen Reportage aus dem inneren Wesenskern der Finanzwelt gut: zu zeigen, dass Moral und Amoralität keine tauglichen Kategorien sind, um die euphorisierende „The winner takes it all“-Geschäftsdynamik zu begleiten. Den Akteuren bleiben sie unverständlich und unverpflichtend, solange sie nicht in Einkommenskennziffern zu überführen sind. Wer in „bigger pictures“ denkt, ist raus – wie die „Whistleblower“, die ihre Vorgesetzten schon Jahre vor dem Bankrott des Finanzkonzerns über krasse Unstimmigkeiten informierten. Drei Frauen aus dem Umfeld der BNC-Kreditvermittlung, darunter eine Antragsprüferin, daneben ein Anwalt der Lehman-Rechtsabteilung in New York und Matthew Lee, einst Lehman-Vizepräsident in London, reden über Mobbing und Bedrohung, die heute noch ihr Leben begleiten. Gewisse Zuspitzungen – so geht eine der Frauen im Wald mit Waffe joggen – wirken etwas inszeniert.

          Glaubwürdiger ist der Bericht von Anton Valukas, Verfasser des offiziellen Lehman-Berichts, der Tragweite und Auswirkungen der Pleite (fast siebenhundert Milliarden Dollar Vermögenswerte waren betroffen) anschaulich schildert. Gelegentlich vereinfacht die Doku die Dinge auf effekthascherische Weise, wenn etwa Bilder der Anwesen des Ex-CEO mit Mittelstands-Obdachlosenzeltstädten, wie es sie auf dem Höhepunkt der Krise tatsächlich gab, kontrastiert werden.

          Inzwischen kehren die ersten Auslöser der weltweiten Wirtschafts- und Finanzturbulenzen, die „Subprime-Darlehen“ – also Hauskredite für Menschen, die sich kein Haus leisten können und ihre Kredite langfristig nicht zu bedienen in der Lage sind –, als „alternative“ oder „nicht konventionelle Darlehen“ auf den amerikanischen Hypothekenmarkt zurück. „Die Branche wächst rasant“. Kreditvermittler wittern Morgenluft – in Blasenhochzeiten konnte man als angelernte Kraft hunderttausend Dollar im Monat an Provision verdienen. Aufsichtsbehörde und Compliance-Durchsetzern, wo nicht ohnehin bankenfreundlich, fehlen die Zügel, die Trump den Instituten abgenommen hat. Außen vor bleibt hier, trotz der amerikanischen Perspektive, die krisenverschärfende Politik der amerikanischen Notenbank. Zu viel Komplexität ist nicht jedermanns Sache. Die mutigen Angestellten hüben, deren „Whistleblowing“ sie Haus und Hof gekostet hat; die unantastbaren Bosse drüben, deren Selbstbewusstsein sich auf die Erfüllung eines göttlichen Auftrages – Gott als oberster Finanzkapitalist – erstreckt: das ist eine populäre, aber nicht die ganze Wahrheit.

          Inside Lehman Brothers, heute um 20.15 Uhr bei Arte

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