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„Die Kim-Dynastie“ bei Arte : Gezüchteter Feind

Er glaubt wahrscheinlich, er habe den Durchblick: Kim Jong Un als Oberbefehlshaber seiner Armee. Bild: Arte/Hikari

Im Umgang mit Nordkorea wechselte die Strategie der Vereinigten Staaten mit jedem Präsidenten: Eine Arte-Doku zeigt, wer die Gefahr, die von Nordkorea ausgeht, noch größer machte.

          Die „Brücke ohne Wiederkehr“ (Doraol su eomneun dari) ist eine Fußgängerbrücke in der „gemeinsamen Sicherheitszone“ zwischen Nord- und Südkorea. Nach dem Ende des Koreakrieges, 1953, wurde sie allein von den ausgetauschten Kriegsgefangenen beschritten. Hatte man sie überschritten, führte kein Weg zurück. Im August 1976 wurden dort zwei amerikanische Soldaten von zwei Soldaten der nordkoreanischen Streitkräfte mit einer Axt getötet. Die Amerikaner wollten einen Baum fällen, von dem Nordkorea behauptete, er sei von Kim Il-sung selbst gepflanzt worden. Drei Tage später folgte die Operation „Paul Bunyan“ (nach dem sagenhaften Holzfäller): Der Baum wurde unter großem amerikanischen Militäraufgebot symbolisch gefällt.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch in der Dokumentation „Die Kim-Dynastie“ spielt die Brücke eine Rolle: Im Jahr 1994 steht der 42. Präsident der amerikanischen Staaten, Bill Clinton, auf dieser Brücke. Die Videoaufnahme zeigt, wie er die Hände seiner Soldaten schüttelt und dann schnurstracks zu den verdutzten Soldaten der nordkoreanischen Volksarmee geht. Er erklärt ihnen beim Handschlag: „Es ist zwecklos für sie, Atomwaffen zu entwickeln. Sollten sie diese einsetzen, wäre das ihr Ende.“ Schon 1994 ist der Konflikt zum Greifen nahe.

          Die Regisseure Anthony Dufour und Minju Song versuchen die Geschichte der nordkoreanischen Atomrüstung anhand jener drei Kims zu erzählen, die diese seit Ende des Zweiten Weltkrieges (in dem nordkoreanische Zwangsarbeiter sich in Japan ein Bild von der Zerstörung der Bombe machten und in der Heimat davon berichteten) unermüdlich vorangetrieben haben. Bebildert wird dies durch Archiv- und Propagandaaufnahmen sowie kurze Interviewausschnitte. Zu Beginn bemüht sich die Doku noch zu sehr, das dramatische Moment der aktuellen Entwicklungen in Ton und Bild widerzuspiegeln. Im Verlauf aber zeigt sie nüchtern, welchen Anteil Amerika am Machtzuwachs von Nordkorea hat.

          Hat Jimmy Carter die Welt gerettet?

          Nachdem Nordkorea 1994 das Abkommen mit der Internationalen Atomenergie-Behörde IAEO kündigt, werden in den Vereinigten Staaten Pläne ausgearbeitet, wie und wo man in Nordkorea am besten zuschlägt. Doch die Clinton-Administration zögert. Zu groß ist die Angst vor Verlusten in der südkoreanischen Bevölkerung und in den dort stationierten amerikanischen Streitkräften (USFK).

          Am Ende ist es Jimmy Carter, der 39. Präsident der vereinigten Staaten, der sich in Pjöngjang mit Kim Il-sung trifft und vermittelt. Hier kommt der ehemalige amerikanische Verteidigungsminister William Perry zu Wort. Er berichtet, wie er anschließend vielversprechende Verhandlungen in Genf leitete – und wie der 43. Präsident der Vereinigten Staaten, George W. Bush, nach seinem Wahlsieg im Jahr 2000 mit der Devise „Anything but Clinton“ all die hart erkämpften Fortschritte wieder zunichte machte und Nordkorea zur „Achse des Bösen“ zählte.

          Das traurige Fazit der Doku aber lautet: Mit Barack Obama, der sich um Gespräche bemühte, und mit dessen Nachfolger Donald Trump, wiederholt sich diese Geschichte. Südkoreas ehemaliger Minister für Wiedervereinigung, Lee Su-hyeok, erklärt resigniert, dass die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Nordkorea, die sich unter Donald Trump weiter verschärft haben, nichts brächten.

          Dass China seinen Vasallenstaat weiterhin mit Öl beliefere, sei ein offenes Geheimnis. Zudem würden die Nordkoreaner mit den Worten Wladimir Putins „eher Gras essen, als ihr Atomprogramm aufzugeben.“ Auch die Annäherungsversuche an den „Bruderstaat“, die Nordkorea im Zuge der geplanten Olympischen Winterspiele öffentlichkeitswirksam inszeniert, dienten nur dazu, von Südkorea Subventionen zu erheischen. Eine Wiedervereinigung, sagt Lee, komme für Nordkorea nur unter der uneingeschränkten Führung Pjöngjangs in Frage.

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