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„Der gute Bulle“ auf Arte : Seine Toten sind nie nur Privatsache

Zugriff! Schulz (Armin Rohde) und das SEK wollen eine Geiselnahme beenden. Bild: © ZDF/Nik Konietzny

In Lars Beckers Film „Friss oder stirb“ steht Armin Rohde als „Der gute Bulle“ vor dem Abgrund. Keine Frage, dass er den Fall übernimmt, in dem er nur verlieren kann. Solche souveränen Krimis wollen wir sehen.

          „Auf keinen Fall!“ Wenn der von Armin Rohde verkörperte „gute Bulle“ Fredo Schulz eins nicht will, dann die Soko leiten, die den Mord an einem verdeckten Drogenermittler aufdecken soll. Sein Chef lässt nicht locker: „Du warst Alkoholiker, jetzt bist du trocken“ – wo ist das Problem? Fredo, wuchtige Masse noch schlaftrunken im Stuhl, haut schnaufend ein paar dieser lakonisch bitteren und tragikomischen Sätze raus, wie sie für von Lars Becker geschriebene und inszenierte Filme typisch sind: „Ich hab Diazepam mit Wodka weggeknallt, ein Gramm Koks pro Tag und Speed als Wake-up-Call. Das wird nicht lustig, wenn ich in der Drogenszene ermittle. Da habe ich gleich wieder meinen Affen auf der Schulter.“ Selbstredend nimmt er den Job an. Und schleppt sich zwischen Razzien, Beschattung und Zugriff zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit „Der gute Bulle“ hat Lars Becker für seinen langjährigen Mitstreiter Armin Rohde die Gelegenheit zum einsamen Einsatz jenseits des „Nachtschicht“-Ensembles geschaffen – bei Tag. In seinem neuen Fall unter der titelgebenden Überlebensmaxime „Friss oder stirb“ wirft sich der gebrochene Kommissar – Fredo versank im Suff, nachdem er Frau und Kind bei einem Unglück verloren hatte, und findet keinen trockenen Grund unter den Füßen – in einen Schattenkampf gegen einen Maulwurf in den eigenen Reihen. Wer der Kollege ist, der mit dem von Murathan Muslu mit starker physischer Präsenz gespielten Dealer Hassan gemeinsame Sache macht, sehen wir gleich zu Beginn, als die beiden nach einem kumpelhaften Smalltalk übers Frauenbetrügen zur mörderischen Tat schreiten. Fredo dagegen findet erst kurz vor dem Showdown heraus, warum er immer einen Schritt zu spät kommt. Daraus bezieht dieser Polizeifilm seine Spannung.

          Und aus dem Umstand, dass ein neuer Spitzel auf Hassan angesetzt wird. Dakota (Almila Bagriacik), Mutter einer kleinen Tochter, sitzt wegen Drogendelikten und Körperverletzung im Knast, als Fredo und sein Juniorpartner Milan (Edin Hasanovic) ihr ein Angebot machen, das sie nicht ablehnen kann: Freiheit sofort und zweitausend Euro im Monat, wenn sie verwanzt den Großdealer ausspäht. Was Fredo nicht weiß: Auch hier läuft ein doppeltes Spiel. Denn Milan und Dakota verbindet eine Liebesgeschichte, die noch nicht zu Ende ist.

          Die Stringenz der Kriminalstory interessiert Lars Becker nicht sonderlich; auch auf atemberaubende Wendungen wartet man vergebens. Das Pfund, mit dem Becker in „Friss oder stirb“ wieder wuchert, ist, was man neudeutsch street credibility nennen könnte. Die Figuren fluchen, was das Zeug hält, sie reden nie wie gedruckt, ihr Leben und Sterben ist letztlich banal, nichts hat hier Glamour. Darin liegt menschliche Größe. Als Drehbuchautor schaut Becker den Leuten aufs Maul, er liebt den Slang, den verbalen Gangsta-Rap-Protz, das Schlager-Wortgeklingel im Hintergrund und beobachtet lustvoll, wie dem aufgepumpten Macho-Getue die Luft ausgeht. Es reicht, dass die zwecks Verwischen der Spuren als Putzkraft zum Tatort zitierte Ehefrau des kriminellen Polizisten seinem Kommandoton ein kaltes „Bitte“ entgegenätzt, um eheliche Minimalhöflichkeit einzufordern.

          Überhaupt die Frauen: Sie sind – mit Ausnahme der blass wirkenden Kommissarin Lola Karras (Nele Kiper) – in diesem aus männlicher Perspektive erzählten Krimi die treibenden Kräfte. Als Mutter, die alles durchschaut, als vor Eifersucht rasende Ehefrau, als unerreichbare Geliebte, als Betrauerte und als abgezockt auftretende Dealerin motivieren sie die Taten der mehr oder weniger maskulinen Antihelden - und kommen dabei unter die Räder. Helden gibt es keine, nur schwere Jungs und toughe Mädchen, allesamt gemischte Charaktere, ob urdeutsche Polizisten, solche mit sogenanntem Migrationshintergrund oder kriminelle Libanesen. Auf den Straßen, in denen der Kameramann Wedigo von Schultzendorff das Hin und Her der Großstadt, ihren Glanz und ihre Verwahrlosung einfängt, zählt allein, für welche Seite man sich entscheidet.

          Die Toten sind nie nur privat, die Linie zwischen „vertrauensbildenden Maßnahmen“, die es braucht, um im Milieu als Ermittler voranzukommen, und dem Absturz in den Abgrund des Verbrechens ist hauchdünn. Und wer auf dicksten Kumpel macht wie Axel (Sascha Alexander Gersak), hat vielleicht in Wahrheit längst ganz andere Freunde. Mit „Friss oder stirb“ übertrumpft Lars Becker nicht seine besten „Nachtschicht“-Episoden oder Glanzstücke wie seine „Unter Feinden“-Filme. Aber er entwickelt das Arbeitsumfeld von Fredo Schulz, als der Armin Rohde seine ganze Souveränität einbringt, so vielversprechend fort, dass man gerne weitere Filme mit diesem Kommissar sähe. Grund hinzuschmeißen hat er trotz des desaströsen Ausgangs seiner Ermittlungen wirklich nicht. Und der im Drehbuch von „Friss oder stirb“ etwas überstrapazierte Ratschlag „Kill your darlings“ sollte nicht für ihn gelten.

          Friss oder stirb, heute, Freitag 25. April, um 20.15 Uhr auf Arte.

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