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Arktis-Film im Ersten : Lebensfeindliches Milieu für Klimaforscher

  • -Aktualisiert am

Wer in der Arktis etwas über das Klima erfahren will, muss auch bohren: Wissenschaftler der Polarstern sammeln Daten über den Ozean, das Eis und die Atmosphäre. Bild: NDR/rbb/AWI/Esther Horvath

Überladen, überambitioniert, aber nicht übel: Die ARD-Produktion „Expedition Arktis. Ein Jahr. Ein Schiff. Im Eis“ nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise, die den Klimawandel in der Kälte zeigt.

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          Sobald es um Allzumenschliches geht, hilft nur noch Goethe: „Gespannte Erwartung wird selten befriedigt.“ Wer wollte da widersprechen? Sicher niemand, der sich erst dem Rummel um die ARD-Produktion „Expedition Arktis“ hingegeben und anschließend das fertige Ergebnis gesehen hat. Von neuen Maßstäben im „High-End-Doku-Bereich“ war die Rede, eine „spektakuläre Nahaufnahme“ aus der „menschenfeindlichsten Region der Welt“ wurde in Aussicht gestellt, ein Geleitwort von Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung, setzte den Ton des Pressehefts. Und wie ist sie nun, „die Dokumentation des internationalen Jahrhundertprojekts im Epizentrum des Klimawandels“? Überladen, überambitioniert – aber nicht übel.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Hätte das Erste die Promo-Lawine im Rahmen der Themenwoche „Wie wollen wir leben?“ behutsamer anrollen lassen, stünde der Film besser da, denn das Kaliber der Mission spricht für sich: Im September 2019 macht sich der Eisbrecher „Polarstern“ vom norwegischen Tromsø aus auf den Weg in die Arktis. An Bord sind Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen und Herkunft, die unter der Leitung des Alfred-Wegener-Instituts und mit einem Budget von hundertfünfzig Millionen Euro die Erderwärmung analysieren.

          Sie sammeln Daten über den Schnee, den Ozean, die Atmosphäre und das Leben bei minus vierzig Grad. Insgesamt nehmen rund dreihundert Forscher an dieser größten Arktisexpedition aller Zeiten teil. Manche reisen nach einigen Monaten ab, andere kommen hinzu. Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, hebt die Notwendigkeit des Projekts hervor: „Was wir heute dort nicht messen, können wir schon in wenigen Jahren nicht mehr nachholen.“ Kurz vor Einbruch der Polarnacht, in der sich die Sonne für fünf Monate verabschiedet, findet die Crew eine geeignete Eisscholle, an der ihr Schiff sicher festfrieren kann.

          Von nun an bildet es das Rückgrat einer Forschungsstadt, die in der Umgebung errichtet wird und durchs Meer driftet. Regisseur Philipp Grieß achtet darauf, all jene Sätze unterzubringen, die körperlich wie psychisch weniger belastbaren Menschen signalisieren, dass sie ein Land der Superlative und Gefahren betreten: „Kein Ort unseres Planeten ist unzugänglicher“, „Ist die Arktis noch zu retten?“, „Es ist Forschung am Limit“. Der Eisbärenwächter Hans Honold sagt: „Wer in der Arktis arbeitet, muss sich bewusst sein, dass es eine lebensfeindliche Umgebung ist.“ Biogeochemikerin Ellen Damm sieht das genauso: „Das ist ein absolut lebensfeindliches Milieu.“

          Fernsicht: der Eisbrecher „Polarstern“ in der Eiswüste nahe des Nordpols.
          Fernsicht: der Eisbrecher „Polarstern“ in der Eiswüste nahe des Nordpols. : Bild: rbb/AWI/Esther Horvath

          Zu Wort kommen auch der Kapitän, der Zweite Offizier, ein Meeresphysiker, eine Mechanikerin, ein Atmosphärenphysiker, ein Geoökologe, der Chefpilot, der Koch, eine Ozeanographin und jede Menge weitere Besatzungsmitglieder. Bei so vielen Talking Heads, am Ende sind es mehr als dreißig, richtet sich die Konzentration laufend auf ein neues Gesicht und Forschungsgebiet. So entsteht der Eindruck, es gehe darum, eine Checkliste lückenlos abzuarbeiten: anderthalb Stunden naturwissenschaftliche Nummernrevue.

          Die dazwischengeschalteten Aufnahmen – das gesamte Filmmaterial benötigt 1,4 Petabyte Speicherplatz, was der Kapazität von zweiundachtzigtausend DVDs entspricht – sind allerdings grandios: Ob zerklüftetes und aufgetürmtes Eis, oder einsame Figuren, die bei künstlichem Licht vor sich hinwerkeln und an John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982) erinnern, hier und da ein wenig Schauder steht dem Film ausgezeichnet.

          Dass sich die arktische Welt dramatisch verändert, weiß die Schneephysikerin Amy Macfarlane: „Ich denke, wir sind die letzte Generation, die mehrjähriges Eis sehen wird.“ John Cassano, der als Atmosphärenphysiker an Bord ist, ergänzt: „Die Arktis wird in vierzig Jahren eine ganz andere sein. Sie ist ein kritischer Teil unseres Planeten – und das müssen wir verstehen.“ Die Dokumentation richtet sich einerseits an das abenteuerlustige Kind im Zuschauer, das vom wissenschaftlichen Fortschritt angesichts gefährlicher Erlebnisse unbeeindruckt bleibt.

          Andererseits spricht sie das Über-Ich all jener Dauerkonsumenten an, die sich schon länger fragen, ob es eine gute Idee ist, jedes Jahr in den Kurzurlaub zu fliegen und Avocados aus Südamerika zu essen. Von März 2020 an schnurrt jedoch alles auf einen klar definierten Problemhorizont zusammen, den Crew und Zuschauer mit der ganzen Welt teilen: Corona. Plötzlich erscheinen die um das Schiff herumstromernden Eisbären und der sich leerende Gemüseraum gar nicht mehr so bedrohlich. Einige Besatzungsmitglieder sind in Gedanken nicht länger beim Klima, sondern bei der Familie in Quarantäne. Hier beginnt sie wirklich, die Forschung am Limit.

          Expedition Arktis. Ein Jahr. Ein Schiff. Im Eis läuft heute um 20.15 Uhr im Ersten.

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