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ARD-Zweiteiler „Alice“ : Alice Schwarzer gegen den Rest der Welt

  • -Aktualisiert am

Nina Gummich spielt die Titelrolle. Bild: Alexander Fischerkoesen

Die ARD hat ein zweiteiliges Biopic über Alice Schwarzer gedreht. Dass die Vorlage von ihr selbst stammt, merkt man. Nina Gummich in der Hauptrolle reißt es wieder raus.

          3 Min.

          Wie frau Aufmerksamkeit erzeugt, das weiß Deutschlands bekannteste Frauenrechtlerin Alice Schwarzer seit je. Dass sie den Passus „Viel Feind, viel Ehr“ zum Wappenspruch hat, mag stimmen oder ein Gerücht sein. Welcher Anteil der Streitbarkeit der „Medien­persönlichkeit“ Schwarzer und was der Gestimmtheit der Privatperson zuzurechnen ist, das wird in dem zweiteiligen Spielfilm „Alice“ von Nicole Weegmann (Regie) und Daniel Nocke und Silke Steiner (Buch) unter anderem verhandelt. „Alice“ ist die Gabe der ARD zu Alice Schwarzers achtzigstem Geburtstag. Ein zweiteiliges Biopic, mithin 180 Minuten Würdigung einer auch umstrittenen Lebensleistung und gleichzeitig ein Beitrag zur Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Wobei die Vorlage, in der die junge Alice Schwarzer vom politisch interessierten Au-pair-Mädchen in Paris zur Herausgeberin der feministischen Zeitschrift „Emma“ heranreift, von der Publizistin selbst stammt.

          Eine „Selbererlebensbeschreibung“

          Eine „Selberlebensbeschreibung“ (Jean Paul) bildet also die Grundlage des Films. Übermäßig Kritisches darf man also nicht erwarten, das ist als Geburtstagsgeschenk legitim, ein vollständiges Porträt ist es nicht. Allerdings fällt auch übermäßige Selbstbeweihräucherung erfreulicherweise aus. „Alice“ ist in erster Linie ein klassischer Bildungsroman, eine Intellektuellenbiographie, in der der Weg vom Gedanken zum Tätigsein führt, eine Heldinnenreise. Eine Wilhelmina Meister findet ihren Weg, die nicht gar so geheime Turmgesellschaft bilden Simone de Beauvoir (Sarah Chaumette) und Jean-Paul Sartre (Charlie Nelson) in Paris, wenn es um das feministische Bewusstsein geht, und Opa Ernst (Rainer Bock) und Oma Grete Schwarzer (Gabriele Schulze) in Wuppertal, in allen Belangen des Muts und Durchhaltevermögens. Los geht der Bildungsweg der jungen Alice (Nina Gummich) am Strand der Bretagne. Dort liest ein attraktiver Franzose, Bruno (Thomas Guené), „Das Kapital“, ein Gespräch auf Deutsch beginnt. Nur wegen Karl Marx, so der Philosophiestudent aus Paris, habe er die Sprache gelernt. Zu Musette-Klängen und lichten Sommerbildern (Kamera Alexander Fischerkoesen)) beginnt eine Romanze mit Verbeugung vor dem französischen Kino, eine musterhaft gleichberechtigte Beziehung, die zehn Jahre dauern wird. An deren Ende Brunos Leben auf der Strecke bleibt. Ein Denker, kein Tatmensch, der bis zum Schluss nicht von ihr lassen möchte.

          Alice Schwarzer bewirbt sich – erfolglos – an der Münchner Journalistenschule, arbeitet für die Tagespresse und beim Frankfurter Satiremagazin „Pardon“. Es treten auf die Herren Journalisten der Sechziger- und Siebzigerjahre, die Schwarzer nach und nach Mores lehrt und hinter sich lässt. Besonders eindrücklich Henri Nannen (Sven-Eric Bechtolf), den sie mit dem Titelbild zur Aktion „Wir haben abgetrieben“ regelrecht austrickst, und Rudolf Augstein (David Rott), der sie gern für den „Spiegel“ gewinnen möchte (die Redakteure sind dagegen). Der zweite Teil beginnt beim WDR, mit den Vorbereitungen zum TV-Streitgespräch zwischen Schwarzer und der Antifeministin Esther Vilar (Katharina Schüttler mit enervierend nöliger Attitude), deren Bestseller „Der dressierte Mann“ bei Frauenrechtlerinnen Schnappatmung auslöst (das Original des Streitgesprächs findet sich auf Youtube). Während im ersten Teil persönliche Erfahrungen überwiegen – so verblutet eine Freundin nach illegaler Abtreibung fast in Schwarzers Au-pair-Zimmer, während sie helfend, empört und schreibend dabeisitzt –, geht es im zweiten Teil mehr um den Import der Chuzpe französischer Journale wie dem „Nouvel Observateur“ und „Charlie Hebdo“ erst nach Berlin, schließlich nach Köln.

          Gelungene Montage dokumentarischer Filmsequenzen

          Der Kampf gegen den Paragraphen 218, der berühmte „Stern“-Titel, das Buch „Der kleine Unterschied“ folgen, mit der Berühmtheit wachsen Anfeindungen. „Die meistgehasste Frau Deutschlands“ (Romy Schneider) wird zur feministischen Marke, der monomanische Zug, die Verdienste, weniger die Irrungen spielen am Ende dieses Films, der mit dem Erscheinen der allerersten „Emma“-Ausgabe endet, die Hauptrolle.

          Gelungen ist die Montage dokumentarischer Filmsequenzen, die in oft wenigen Bildern und sparsam gestalteten Szenen viel zeithistorische Stimmung vermittelt (Schnitt Andrea Mertens und Claudia Wolscht). Straßenumfragen sind dabei, Aufnahmen deutscher und französischer Studentenproteste, Stellungnahmen zur Gleichstellung, Talkshowrunden mit ausschließlich männlicher Besetzung. Zum Schluss werden Frauen gefragt, was sie von der „Emma“ halten. Unerwartet interessant, wird gesagt. Eine gute Sache, findet eine Frau. Aber ob sie sich lange halten werde, sei doch sehr zweifelhaft. Die Zeitschrift hat sich gehalten, bis heute. Die Themen sind nicht erledigt.

          Nicht die Rede ist in diesem Film von den merkwürdigen bis realitätsverkennenden Ansichten, mit denen Alice Schwarzer in den letzten Jahren öffentlich präsent ist. Weder ihre falsch vorverurteilende Haltung im Prozess Kachelmann, ihr Verhalten im eigenen Steuerskandal, ihre islamophoben Einlassungen noch die Aufforderung an die Ukrainer, zu kapitulieren, spielen in „Alice“ eine Rolle. Ein Porträt sieht anders aus, hier beschränkt man sich auf Jugend und „Werdegang“. Nina Gummich spielt die „Emma“-Erfinderin in ihren jüngeren Jahren mit einer unverwüstlich wirkenden Mischung aus Power, Sturmfestigkeit, Humor und Charme. Eine ideale Alice Schwarzer sozusagen.

          Die beiden Teile von Alice stehen von heute an in der ARD-Mediathek, mit der Dokumentation Die Streitbare – Wer hat Angst vor Alice Schwarzer? laufen sie am 30. November von 20.15 Uhr an im Ersten.

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