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ARD-Zweiteiler : Macht, Geld und Schleiertanz

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Die Zigeunerin Saviya (Helen Woigk) tanzt in „Die Puppenspieler“ vor dem neuen Papst Alexander VI. Bild: ARD Degeto/Ziegler Film

Seifenoper vor Palastkulisse: Der zweiteilige Mittelalterfilm „Die Puppenspieler“ über die Kaufmannsfamilie Fugger und den Vatikan mutiert zum Kitsch. Zumindest ein Handlungsstrang deutet an, was möglich wäre.

          Das wäre ein Pfund, mit dem sich wuchern ließe: die europäische Vormoderne. Schließlich ist der hiesige Fernsehmarkt fast verzweifelt auf der Suche nach Stoffen, die man der Serienmacht aus Übersee entgegenstellen kann. Kaiserreiche, Königtümer, der Vatikan, dynastischer Glanz und listige Intrigen, Gipfel der Kunst und Kriege ohne Hass: Man könnte aus dem Vollen schöpfen, tief eintauchen in die Repräsentationskultur der frühen Neuzeit. Die Expertise ist da. Manche Produktion zum Lutherjahr war vielversprechend, aber die meisten Filmemacher halten energisch an einem Grundfehler fest: Sie erzählen nicht die elektrisierenden Geschichten, die Historiker seit Jahrzehnten zutage fördern, sondern immer wieder dieselbe schwülstige Romanze nach sentimentaler Bestsellervorlage. Nach dem ZDF-Reinfall „Maximilian“ nun auch in der ARD: Drei Stunden Seifenoper vor Palastkulisse, an deren Ende zwei Liebende in Zeitlupe in den Sonnenuntergang reiten. Frei Haus dazu nackte Haut, billige Klischees (die verführerische Zigeunerin) sowie – vereint in derselben Figur – kontrafaktischer Selbstbestimmungskitsch.

          Dabei bildet der Zweiteiler „Die Puppenspieler“ in der bildgewaltigen Regie von Rainer Kaufmann partiell sogar eine Ausnahme, weil zumindest ein Handlungsstrang andeutet, was möglich wäre. Das Ränkespiel bei der Papstwahl von 1492, aus welcher der Spanier Rodrigo Borgia als Papst Alexander VI. hervorging, ist großes Fernsehtheater, „House of Cards“ im Fegefeuer gewissermaßen. Das liegt nicht zuletzt an der furiosen Besetzung: Ulrich Matthes ist als gerissener Kardinal Borgia so begnadet wie Herbert Knaup als Strippenzieher Jakob Fugger, der mit Bestechung einen Papst installieren will, der die Türken aus Ungarn vertreibt (wo Fuggers Kupferminen liegen). Jan Messutat überzeugt als rasant aufsteigender, weich fallender Kardinal Sforza aus Mailand. Und Rainer Bock nimmt man den ausmanövrierten Kardinal della Rovere ab, der später bekanntlich Papst werden und sich an Cesare Borgia – dem hier von Edin Hasanovic leicht überdreht gegebenen Sohn Rodrigos – rächen sollte. All das erinnert eher an die amerikanische Serie „Die Borgias“ als an die klebrige ZDF-Variante „Borgia“. Noch überzeugender wäre es, wenn nicht alle Kardinäle fließend Deutsch sprächen.

          Leider landen wir jedoch schnell wieder auf dem abgewetzten Hosenboden des Kostüm-Melodrams nach Herzschmerzmuster, wie es nach Tanja Kinkels Romanvorlage auch das Drehbuch von Kathrin Richter und Jürgen Schlagenhof vorsieht. Als erzählerischer Kern fungiert eine (Quasi-)Vater-Sohn-Geschichte: Der junge Richard (Petr Kemper; als verträumter Jüngling dann: Samuel Schneider) wird von Jakob Fugger aufgenommen, nachdem er mitansehen musste, wie seine ehemals muslimische Mutter – Fuggers Bruder hatte sie, wie wir hören, freigekauft und geschwängert – vom Inquisitor Heinrich Institoris als Hexe verbrannt wurde. Philipp Moog spielt den „Hexenhammer“-Autor als geifernden, misogynen Verschwörungshysteriker – wie sonst? Von nun an glimmt in Richard die Glut des Zorns, und sein Ziehvater verspricht ihm: „Die, die für den Tod deiner Mutter verantwortlich sind, die sitzen in Rom. Eines Tages werden sie dafür bezahlen.“ Dass für Fugger Gold doch wichtiger ist als Rache, gehört sich wohl so für Frühkapitalisten.

          Wer sich nicht sicher war, dass jene Zigeunerin, die den fliehenden jungen Richard so liebevoll angelächelt hat, bald wiederauftaucht, der hat noch keinen Degeto-Film gesehen. Wie sie dem jungen Mann auf der gemeinsam mit Fugger unternommenen Reise nach Rom in den Schoß fällt, ist aber doch grenzwertig meschugge: Saviya (Helen Woigk) ist die einzige Überlebende eines Überfalls, wird von Richard gesundgepflegt und verfällt dem hübschen Galan in Windeseile. Der weist sie zwar zurück, aber ganz zufällig trifft er sie kurz darauf als exotische Nackttänzerin am Medici-Hof wieder, gefilmt übrigens vor dem zauberhaften Lustschlösschen im Königsgarten der Prager Burg. Auch Vater und Sohn Borgia zeigen sich angetan von der unglaubwürdig emanzipierten, ihre Erotik selbstbewusst einsetzenden Zigeunerin. Damit ist der Stuss noch nicht vorbei, denn diese über magische Intuition verfügende Figur soll die Kurie in eine schwere Krise stürzen, denn – auch das war abzusehen – Heinrich der Hexenjäger ist immer noch unterwegs.

          Wenn man es schafft, von dieser verschwitzten Haupthandlung abzusehen, lässt sich der Film rein geschmacklich durchaus goutieren wie ein Glas majestätischen Barolos, bietet er doch aparte Landschaftsaufnahmen im Breitwandformat, schöne Musik und atmosphärische Bilder aus Klöstern und Renaissancepalästen: Brokat-Ornat im Gegenlicht, das in mächtigen Streifen in die dunklen Höhlen der Macht hineinschneidet, dazu perfekt frisierte, prächtig gewandete Helden, die sich, sobald sie nicht weiterwissen, aufs Pferd schwingen und durch die Gegend reiten. Das ist vielleicht so gut, wie es werden kann im knüppeldeutschen Historienschinken.

          Die Puppenspieler läuft heute und am 29. Dezember, jeweils um 20.15 Uhr, im Ersten.

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