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Von Schirachs „Terror“ im TV : Darf dieser Mann ein Passagierflugzeug abschießen?

Eurofighter-Pilot Lars Koch (Florian David Fitz, vorne) muss sich für den Abschuss eines entführten Passagierflugzeuges verantworten. Sein Verteidiger (Lars Eidinger, l.), die Staatsanwältin (Martina Gedeck) und der Richter (Burghart Klaußner, r.) verhandeln, aber am Ende entscheiden die Zuschauer. Bild: Picture-Alliance

Ein Film, wie gemacht für den Unterricht in Staatsbürgerkunde: Die ARD lässt heute die Zuschauer zu Gericht sitzen über den Soldaten, der ein entführtes Flugzeug abgeschossen hat.

          3 Min.

          Die ARD zeigt heute Abend die Verfilmung des Theaterstücks „Terror“ des Strafrechtlers und Schriftstellers Ferdinand von Schirach. Darin geht es um den Prozess, der einem Major der Bundeswehr gemacht wird, weil er eine Passagiermaschine der Lufthansa abgeschossen hat. Entführt durch einen Terroristen aus dem Umkreis des IS, befand sie sich im Anflug auf die vollbesetzte Münchner Allianz-Arena. Der Jagdflieger steht wegen Mordes an 164 Personen unter Anklage. Er hat die Tat gestanden. Seine Verteidigung beruft sich auf übergesetzlichen Notstand.

          Der Fall ist erfunden, er könnte sich aber so zutragen. Im Jahr 2005 hatte der Deutsche Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das es dem Verteidigungsminister erlaubt hätte, den Befehl zum Abschuss eines solcherart zur Waffe umfunktionierten Flugzeugs zu geben. Ein Jahr danach hob das Bundesverfassungsgericht den entsprechenden Paragraphen wieder auf. Der Staat dürfe nicht Leben gegen Leben abwägen, das verletzte die Würde der Passagiere.

          Der Pilot des Kampfjets handelt im Bewusstsein, dass das geltende Recht irrt, an das sich im Stück die Verteidigungsministerin hält, die keinen Abschussbefehl erteilt. Das Verhältnis von 70.000 gegen 164 zwinge dazu abzuwägen. Die Staatsanwältin hält ihm Hybris vor, und dass sich keine Grenze ziehen lasse, ab wann ein Opfer von Individuen zugunsten einer größeren Zahl rechtens sei. Dem antwortet der Major, die Menschen in der Zivilmaschine wären beim Absturz ins Stadion ohnehin gestorben. Daraufhin verschiebt auch die Staatsanwältin ihr Argument: Menschen mit geringer Lebenserwartung - etwa Todkranke, auf deren Organe andere dringend warten - könnten nach Ansicht des Angeklagten vom Staat geopfert werden? Wenige Stunden seien nicht wenige Sekunden, versetzt der Pilot. Wiegt denn eine Menschenwürde, die noch fünf Minuten lang gilt, Tausende Tode auf? Was aber wiederum, wenn in diesen fünf Minuten der Terrorist im Flugzeug überwältigt worden wäre?

          Es ist ein Stück wie aus dem Unterricht in Staatsbürgerkunde. Man könnte ein ganzes Schuljahr aus seinen Motiven bestreiten. Kaum ein Aspekt des Dilemmas bleibt unerwähnt, keine beteiligte Figur argumentiert aus einem Guss, viele Fragen - etwa danach, ob es sich nicht um einen Fall von Landesverteidigung handelt - bleiben offen. Sichtbar wird, gerade durch die sachliche Herangehensweise der Regie sowie die äußerst taktvoll eingesetzte Kunst der Schauspieler, welche große Rolle Zwischentöne der Rhetorik im Rechtsverfahren spielen. Die Staatsanwältin fragt, ob der Pilot auch geschossen hätte, wäre seine Familie an Bord gewesen - der Verteidiger fragt nicht zurück, wie sie zum Abschuss stünde, wenn ihre im Stadion gewesen wäre. Zuschauer, die nicht hin und her gerissen sind, dürften in der Minderheit bleiben. Das Recht selbst und der Staat sind in Fällen wie diesem nicht aus einem Guss. Was wohl eine Verteidigungsministerin politisch zu erwarten hätte, die rechtskonform die Rettung eines ausverkauften Stadions verweigert? Womöglich dasselbe wie eine, die sich über die Verfassung hinwegsetzen würde.

          Aber es muss entschieden werden. Im Anschluss an das Fernsehspiel sollen es, wie vom Stück vorgesehen, in der Schuldfrage die Zuschauer tun. Dass der Pilot verurteilt werden muss, unterliegt nach geltendem Recht keinem Zweifel. Ob die Alternative nur Freispruch oder lebenslanger Freiheitsentzug lauten kann, hingegen schon. Dass die Schuld tragen muss, wer im Grenzfall glaubt, höheren Maßstäben als den rechtlichen folgen zu müssen, präjudiziert kein Strafmaß.

          So oder so: Nach „sechs, sieben, acht Minuten“, lässt uns die ARD durch Herrn Plasberg wissen, sei das aus E-Mails, sozialen Medien und Telefonvoten zusammengerechnete Urteil da. „Wir haben Zeit“, heißt es zweimal im Stück an Stellen, an denen ein Befragter sagt, er wisse nicht, was er antworten solle. Sechs, sieben, acht Minuten sind nicht lange für eine Unterredung unter Geschworenen oder Schöffen. Jede Theaterpause ist länger.

          Anders als es die damaligen Beschwerdeführer vor dem Bundesverfassungsgericht, Gerhart Baum und Burkhard Hirsch, meinten (F.A.S. vom 1. August), ist also nicht die Ausstrahlung des Stückes im Fernsehen als solche eine fragwürdige Sache. Die FDP-Politiker monierten, das Stück bringe sein Publikum, das in den Theatern meist mehrheitlich auf „nicht schuldig“ plädiert, gegen die Verfassung auf. Das ist nicht nur angesichts der Abstimmungszahlen - in Deutschland in gut 450 Vorstellungen 88 912 mal Freispruch, 59 939 mal „schuldig“ - sowie des Schlussplädoyers der Staatsanwältin eine verwegene Behauptung. Auch wer sich vor Augen hält, auf welchem niederschmetternden Diskussionsniveau das Fernsehen seit Jahren sein Publikum mit Fragen öffentlichen Interesses befasst, kann über die paternalistische Schlussfolgerung, die Leute lieber nicht mit Fragen zu befassen, die in Karlsruhe zweifelsfrei „geklärt“ worden seien, nur staunen.

          Fragwürdig ist hingegen, dass die Leute urteilen sollen, ohne lange nachgedacht und sich unterredet zu haben. Im Grunde könnte die ARD, wenn sie den Zusammenhang von Urteilsbildung und Nachdenken so locker sieht, die entsprechenden Telefonnummern für „schuldig“ und „unschuldig“ darum auch jetzt schon freischalten.

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