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„So auf Erden“ mit Edgar Selge : Führt ihn in Versuchung

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Im Zeichen des Kreuzes: Edgar Selge als entschlossener Pfarrer Bild: SWR/Eikon Südwest/Christiane Pausch

Ein Priester lernt sich kennen: In „So auf Erden“ gibt Edgar Selge den Hirten einer evangelikal geprägten Freikirche, der Abweichler als Aussätzige gelten.

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          Erlöse uns von dem Bösen: Jeden Morgen hält der Priester Johannes Klare (Edgar Selge) Zwiesprache mit Gott und bittet um den Schutzschild für den Tag. Glaube, Liebe, Hoffnung teilt er mit seiner Frau Lydia (Franziska Walser). Caritas und Agape sind sein Tagwerk – die tätige Barmherzigkeit und die guten Werke, das gottgefällige Eheleben, die Straßenmission in Stuttgart und der Dienst in der freikirchlichen Christengemeinde „Der Weg“, als deren Vorsteher er den Gläubigen ekstatische Predigten hält. Johannes Klare ist davon überzeugt, dass das Böse lauert, wo „Gnade gegen Gesetz und Freiheit gegen Gebot“ ausgespielt werden. Er ist ein christlicher Fundamentalist, und er ist, tägliches Ringen vorausgesetzt, mit sich anfangs im Reinen im SWR-Fernsehfilm „So auf Erden“.

          Johannes lebt zwar dort, wo der schwäbische Pietismus mit Innerlichkeitsbegeisterung und erotisiertem Freundschaftskult im 18. Jahrhundert neue Formen der sinnlichen Unmittelbarkeit zu Gott erfand und schwärmerisch praktizierte, aber seine evangelikal geprägte Freikirche ist kein Ausbund an Toleranz und Nächstenliebe. Abweichler gelten als Aussätzige. Gemeindemitglieder sehen sich als Elite der Gottgefälligen. Wie Volker Reiche (Peter Jordan), der den Bau des Gemeindehauses mit großzügigen Spenden unterstützt, damit seine Tochter ausnahmsweise schon als Kind getauft wird. Bernd Trampte (Thilo Prothmann), der Buchhalter des „Neuen Wegs“, greift mit schlechtem Gewissen in die Kasse, um die Therapien seiner schwerbehinderten Frau zu bezahlen.

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          Das sind Verfehlungen der Eitelkeit und der Schwäche, die das Drehbuch von Martin Rosefelt und Pia Marais (nach einer Idee von Claudia Schreiber) aus Sicht der Gemeinde für lässliche Sünden hält. Geld zählt nicht als Verführung, weil es dem Menschen nicht wesentlich ist. Unverzeihlich sind die „Irrungen“ des Eros. Buchstäblich auf der Straße finden Lydia und Johannes den drogenabhängigen Musiker Simon Rützel (Jannis Niewöhner). Das verlorene Schaf, vielleicht auch der verlorene Sohn für die kinderlose Lydia. Für Johannes die Versuchung des Bösen. Simon ist offen schwul, und er verführt den Priester nicht nur in Gedanken. „Alle ferngesteuert“ seien sie, wirft er der Gemeinde vor, „euer Jesus ist seit zweitausend Jahren tot“. Unter dem Kreuz in der Zimmerecke kommt es zur sexuellen Konfession. Als Lydia davon erfährt, schmeißt sie die schönen Ausgaben der Insel-Bücherei quer durch den Raum. Johannes zerknüllt äußerlich unbewegt ein Spitzendeckchen.

          Regisseur Till Endemann hat eine Vorliebe für überhöhte Szenen (Kamera Lars R. Liebold). Das Haus der Klares: Biedermeierantiquitäten und himmelblaue Wände, an denen die Abendmahlsdarstellung von Leonardo prangt. Hier ist alles Symbolik, auch der Glaubenskitsch wird nicht gescheut. Das Drehbuch arbeitet mit überdeutlichen Sätzen, Anspielungen und Zitaten, so, als sei christlicher Glaube Sache einer marginalisierten Subkultur und bedürfe energischer Nachhilfe. Dem Publikum der Öffentlich-Rechtlichen, so meint das unter theologischer Fachberatung entstandene Spielfilm-Traktat, muss man inzwischen selbst das Vaterunser erklären. Als Verdeutlichung des Toleranzgebots und des Primats des Gewissens im Neuen Testament aber macht „So auf Erden“ seine Sache gut – und weitet sein Anliegen dank der sensibel agierenden Selge und Walser vom Beschränkten ins Allgemeine. Johann ringt mit sich, vom Moment des dezent, aber deutlich gezeigten Männeraktes an ist seine Homosexualität klar. Eine misslungene Teufelsaustreibung später findet er auf Knien Trost zwischen Bäumen, Wurzeln und Blättern. Ausgerechnet Lydia predigt später über Vergebung und Offenheit. Dieser Film, gestrickt wie ein Bibelgleichnis oder ein religiöses Märchen mit Rollenspielern, erreicht sein Klassenziel. Er vermittelt bestimmte Kernbotschaften und ist, vor allem, das Drama eines Mannes, dessen Selbstfindung Verrat und Treulosigkeit bedeutet. Salbungsvoll geht die Sache nicht aus.

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