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TV-Film „Königin der Nacht“ : Landlust für Fortgeschrittene

  • -Aktualisiert am

Findet Gefallen an ihrem neuen Metier: Inga Scholz (Silke Bodenbender) mit einem Kunden. Bild: SWR

Eine Ökobäuerin wählt einen heiklen Nebenjob: Sie verdingt sich als Escort-Lady. Das tut dem Familienleben auf dem Bauernhof nicht eben gut.

          Auf Zusatzstoffe wird verzichtet in diesem Film. Die ohne Twists, Turns und intellektuelle Geschmacksverstärker auskommende, im Abgang leider fade realistische Handlung folgt einem Rezept aus Urgroßmutters Zeiten: Wer mit der Lust spielt, spielt mit dem Feuer. Die Autoren Katrin Bühlig und Burt Weinshanker haben für ihr tolldreistes Geschichtchen denn auch ein Setting gewählt, das sich schon im „Dekameron“ äußerster Beliebtheit erfreute, einen weltentrückten Bauernhof nämlich, auf dem gewirtschaftet wird wie zu Boccaccios Zeiten.

          So etwas heißt heute bekanntlich Ökolandbau, auch wenn sich das Drehbuch nicht darum schert, dass Biobauern im Allgemeinen besser dastehen als ihre Kollegen. Den Ökohof soll man hier wohl gleich daran erkennen, dass in der funzelbeleuchteten Bauernstube, die so sehr nach Bauernstube aussieht, als hätte jemand den Manufactum-Katalog durchbestellt, Brentano zitiert wird. Beim Abendbrot fallen Sätze wie: „Der menschliche Geist ist ein neugieriges Wesen, man muss ihn manchmal herausfordern.“ Es ist dann aber gar nicht der Geist, der herausgefordert wird.

          Als Escort-Lady findet sich die Bäuerin gut

          Dass der Selbstversorgertraum nicht aufgeht, obwohl sich Bauer Ludwig (Peter Schneider) die Hucke krummschuftet, ist allerdings zentral für die Erzählung, sonst hätte er wohl kaum gutgeheißen, dass seine Angetraute Inga, die sich ihrer erotischen Ausstrahlung zu Beginn kaum bewusst sein soll, als Escort-Lady etwas dazuverdient. Dass die Bäuerin bei dieser Nebentätigkeit aufblüht, zumal sie im Baden-Badener Kunden-Milieu wie eine Bombe einschlägt (bei „Königin der Nacht“ also bitte nicht an Mozart denken), ließ sich offenbar nur dadurch einigermaßen erklären, dass man die Temperatur im Ehebett stark herunterregelte: „Nicht böse sein, bin müde“, murmelt der Bauer, als sich von hinten eine Hand vortastet.

          Silke Bodenbender trägt diesen Film. Ob man sie in „Herbstmilch“-Kopftücher wickelt oder für den Nebenjob ausstaffiert - die nicht durch Einfallsreichtum glänzende Regie von Emily Atef tut beides alternierend -, immer macht sie ein kleines Ereignis daraus. Glaubhaft agiert auch Peter Schneider, freilich ist die Rolle der beleidigten Leberwurst keine allzu nuancierte. Die übrigen Schauspieler scheinen mit ihren statischen Rollen zu hadern. Die erotischen Szenen hat die Regisseurin mit einer Ausnahme ins Kopfkino verlegt. Aber die chiastisch überkreuzten Kontrastierungen der Escort-Sphäre, in der es doch recht gesittet zugeht, und dem Landlustleben, das schrammt schon ziemlich nah am Schmuddelkitsch vorbei. Man glaubt kaum, dass Emily Atef auch den eine Woche zuvor gezeigten, herausragenden Film „Wunschkinder“ gedreht hat.

          Alles Käse: Mit ihren Produkten vom Hof kommen Inga (Silke Bodenbender) und ihr Mann Ludwig (Peter Schneider) nicht über die Runden.

          Die Entwicklung ist vorhersehbar. Natürlich wird es immer schwieriger, den Nebenjob vor Kindern und Bekannten geheim zu halten, natürlich kommt der eine „Kunde“ (Hary Prinz), der mehr will und mehr bedeutet, und natürlich muss der in seinen Joppen immer hutzeliger wirkende Ludwig durch alle Seelenhöllen vom Minderwertigkeitskomplex über brennende Eifersucht bis zum Verrat hindurch. Jede Einstellung, die den ins Leere Starrenden, innerlich Kochenden zeigt, schreit: Das kann nicht gutgehen. Auch dass Inga irgendwann darunter leiden würde, dass andere ihr Intimleben ökonomischen Erwägungen unterwerfen, konnte man ahnen.

          Wie der Laden schließlich auseinanderfliegt, das hat dann aber doch eine überraschende Note, auch weil da eine Ernsthaftigkeit aufscheint, die sich der zu Beginn annoncierten „wahren Begebenheit“ verdanken mag - „Deine eklige Dreckslust“, schreit Ludwig, während die Katastrophe ihren Lauf nimmt -, die angesichts des recht idiotischen Plots allerdings fast fehl am Platz wirkt. Da wäre durchaus ein augenzwinkernder Schluss wie in den „Dekameron“-Erzählungen drin gewesen.

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