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ARD-Film „Tod einer Kadettin“ : Frau über Bord

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Lilly Borchert (Maria Dragus) ist voller Ehrgeiz, aber den Ansprüchen ihrer Ausbilder kann sie nicht genügen. Bild: NDR

Die ARD hat den Fall der Marinekadettin Jenny Böken verfilmt, die von dem Schulschiff Gorch Fock in den Tod stürzte. Bis heute gibt die Geschichte Rätsel auf. Regisseur Raymond Levy zeigt, warum.

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          In der Nacht vom 3. auf den 4. September 2008 geht die Sanitätsoffiziersanwärterin Jenny Böken während der Nachtwache über Bord und stirbt in der Nordsee. Ihre Leiche wird erst zwölf Tage später gefunden und in Kiel obduziert. Die Todesursache ist vermutlich Tod durch Ertrinken. Doch bis heute sind die genauen Umstände unklar. In der Lunge der jungen Frau fand sich erstaunlich wenig Wasser. Wegen ihres Gesundheitszustandes war sie mehrfach beim Arzt vorstellig geworden. Ihre Blutwerte waren auffällig und deuteten auf Diabetes im Anfangsstadium. Bei Kniebeugen sackte ihr Kreislauf weg. Sie hatte starke gynäkologische Schmerzen und Blutungen, vielleicht Endometriose, wie eine Ärztin mutmaßte, ohne an Bord die erforderlichen Untersuchungen machen zu können. Oft schlief sie plötzlich ein. Unerwartete Höhenangst machte ihr zu schaffen. Als unangenehme Streberin wurde sie von den meisten Kameraden geschnitten, bemühte sich selbst aber auch kaum um Kontakt. Ihre Vorgesetzten hatten sich entschlossen, sie durch die Ausbildung mit „durchzuschleppen“, wurde später gemutmaßt. Als moderne Marine wollte man es sich nicht leisten, Frauen heimzuschicken. Vielleicht schaute einfach niemand so genau hin bei der, die als Nervensäge galt. Auch der ARD-Radioreporter Jörg Hafkemeyer, der die Fahrt des Segelschulschiffs Gorch Fock, des ikonographischen Aushängeschilds der deutschen Marine, begleitete, kümmerte sich um allerlei Geschichten zu dem Schiffsjubiläum, das am Tag nach Jenny Bökens Verschwinden während der Wache feierlich begangen werden sollte, nicht um den Einzelfall. Die Kadettin stirbt eine Nacht vor ihrem neunzehnten Geburtstag. Es ist nicht der einzige Todesfall auf der Gorch Fock, aber ein besonders rätselhafter.

          Offizielle Stellungnahmen gab es für das Filmprojekt nicht

          Wie ist Jenny Böken umgekommen? Wer trägt die Verantwortung? War es ein Unfall, Suizid oder Mord? Haben Fahrlässigkeit und Desinteresse der Vorgesetzten mit ihrem Sterben zu tun? „Der Fall Gorch Fock – Die Geschichte der Jenny Böken“ heißt die Dokumentation, die Jenny Bökens Lebensgeschichte nachzeichnet und den jahrelangen Rechtsstreit der Eltern gegen die deutsche Marine rekonstruiert. Letztinstanzlich wird ein Entschädigungsanspruch vom Oberverwaltungsgericht Münster 2016 abgewiesen. Es sieht „keine besondere Lebensgefahr“ beim fraglichen Wachdienst, also auch keine Versäumnisse bei den zuständigen Stellen. Der Fall ist juristisch abgeschlossen. Die Marine gibt sich bedeckt. Raymond Ley, der für seine dokudramatischen Fernsehfilme schon vielfach ausgezeichnet wurde, erwähnt eine „restriktive Informationspolitik“ der Marineführung. Stellungnahmen gab es für das Filmprojekt nicht. Auch mit Kadetten zu sprechen wurde nicht gestattet.

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