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ARD ist wieder obenauf : War da was?

Erläutert seine „Mission“: der SWR-Intendant und künftige ARD-Vorsitzende Kai Gniffke. Bild: dpa

Die ARD will die Skandale im RBB und im NDR hinter sich lassen und nach vorn schauen. Er habe eine Mission, sagt der künftige ARD-Vorsitzende Gniffke. Und was für eine.

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          Folgt man der jüngsten Pressekonferenz der ARD, ist die Stimmung im Senderverbund bestens. Der WDR-Intendant und kommissarische ARD-Vorsitzende Tom Buhrow ist zwar schon von seinem Wesen her kein Miesepeter. Und auch sein Kollege Kai Gniffke vom SWR, der zum Jahreswechsel den ARD-Vorsitz übernimmt, ist so schnell durch nichts zu erschüttern. Ein wenig seltsam mutet ihre am Donnerstag nach der letzten Intendantensitzung demonstrierte Aufgeräumtheit aber schon an. Draußen vor der Tür liegt die Welt in Trümmern, im öffentlich-rechtlichen System scheint das Dasein doch recht erträglich.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Zum RBB-Skandal und den Vorgängen beim NDR haben Buhrow und Gniffke nicht viel zu sagen. Was man insofern erklären kann, als die ARD tatsächlich kein „Konzern“ ist, wie Buhrow sagt, und ein Sender nicht in die internen Belange eines anderen hineinschauen kann. Für eine gemeinsame Misstrauenserklärung aller Intendantinnen und Intendanten gegenüber der RBB-Senderspitze hatte es auf dem Höhepunkt des Skandals dann aber doch gereicht. Jetzt, so hat man den Eindruck, sollen die Dinge wieder ihren Gang gehen.

          Man ziehe aus den Vorgängen beim RBB sehr wohl ARD-weit Schlüsse, sagt Buhrow. Man arbeite an einheitlichen Compliance-Standards; die Regeln, die es in den einzelnen Häusern gebe, gleiche man gerade miteinander ab. Auf der nächsten Intendantensitzung im November sollen Ergebnisse vorliegen. Es gebe „weitestgehend gute Strukturen“. Das Misstrauen gegenüber der Geschäftsleitung des Rundfunks Berlin-Brandenburg gehöre der „Vergangenheit“ an, verrät Buhrow auf Nachfrage, es habe sich darauf bezogen, was der RBB an Transparenz intern in der ARD geschaffen habe. „Das ist jetzt für uns erledigt.“

          Dem kommissarischen ARD-Chef Buhrow ist freilich schon klar, dass angesichts der Skandale „grundsätzliche Fragen“ aufgeworfen werden. Die demokratische Gesellschaft dürfe sagen, was sie vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk erwartet und was sie nicht will. Auch die Finanzierung sei ein Streitpunkt, diese beiden Dinge müsse man „ehrlich“ zusammen sehen, sagt Buhrow.

          Doch im nächsten Atemzug ist dann schon wieder von „knapper werdenden Ressourcen“ die Rede und Belegschaften, die das hart treffe. Wie bitte? Knapp bei Kasse sind die Öffentlich-Rechtlichen nicht wirklich, sie haben mehr Geld denn je: 8,4 Milliarden Euro aus dem Rundfunkbeitrag plus mehr als eine Milliarde Zusatzeinnahmen. Die Intendanten, Programmdirektoren und Abteilungsleiter sind Spitzenverdiener im (quasi) öffentlichen Dienst. Die Sender können sich alles leisten. Sie können 58 Journalisten zum CDU-Parteitag schicken und auch noch – wie Kai Gniffke – stolz darauf sein.

          Chefrunde nach der letzten Intendantensitzung in Bremen: Tom Buhrow, ARD-Vorsitzender und WDR-Intendant, Christine Strobl, ARD-Programmdirektorin, Yvette Gerner, Intendantin von Radio Bremen, und Kai Gniffke, SWR-Intendant und zukünftiger ARD-Vorsitzender (von links).
          Chefrunde nach der letzten Intendantensitzung in Bremen: Tom Buhrow, ARD-Vorsitzender und WDR-Intendant, Christine Strobl, ARD-Programmdirektorin, Yvette Gerner, Intendantin von Radio Bremen, und Kai Gniffke, SWR-Intendant und zukünftiger ARD-Vorsitzender (von links). : Bild: dpa

          Dies alles in der Gewissheit, dass der Rundfunkbeitrag 2025 aus der inneren Logik dieses Systems heraus, dann doch wieder steigt, ganz gleich, wie es dem Rest der Welt geht. Verzicht ist hier nicht vorgesehen. Solange die Sender ihren „Finanzbedarf“ angeben und nur geprüft wird, ob dieser stimmig ist, kann es kein Weniger geben. Es sei denn, die Politik – das sind in diesem Fall die Landesregierungen – würde die Dimension in den Blick nehmen, die das öffentlich-rechtliche System inzwischen angenommen hat.

          Dass Tom Buhrow, wie er in der Pressekonferenz verrät, bei seiner Wiederwahl als Intendant auf eine Gehaltserhöhung verzichtet hat und seine Nebeneinkünfte aus Aufsichtsratsposten bei Tochtergesellschaften dem WDR zurücküberweist – ein fünfstelliger Betrag pro Jahr –, ehrt ihn persönlich. Am Thema an sich ändert das aber nichts.

          Von daher fällt einem schon der Knopf aus dem Ohr, wenn der SWR-Intendant Gniffke, der lange als Chef der Nachrichtenredaktion ARD-aktuell gewirkt hat, auf die freundlich gemeinte Abschlussfrage, worin denn er seine Mission sehe, sich in die Brust wirft und von Zeiten redet, in denen wir nicht wissen, ob die Menschen im Winter „die Bude warm kriegen“, Bauern nur noch Staub umpflügen, weil es so trocken ist, und Läden schließen müssen, weil sie keine Mitarbeiter finden. Darüber müsse man debattieren, das dürfe man nicht den Algorithmen von Tiktok oder denen aus den USA überlassen. „Das ist die Rolle der ARD, das ist meine Mission“, sagt Gniffke. Im von uns allen zwangsweise üppig finanzierten Elfenbeinturm, denken wir uns in diesem Augenblick, brennt noch Licht. Und warm ist es auch.

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