https://www.faz.net/-gqz-7mm6c

ARD verfilmt die Geschichte des NSU : Nachrichten aus der rechtsradikalen Unterwelt

Auch um sie wird es gehen: Beate Zschäpe, Angeklagte im NSU-Prozess Bild: dpa

Die ARD wagt etwas: Der Journalist Stefan Aust und die Produzentin Gabriela Sperl verfilmen die Geschichte der NSU-Terrorzelle als Trilogie - aus Perspektive des Umfelds der Täter, der Opfer und der Ermittler.

          Die Produzentin Gabriela Sperl und der Journalist Stefan Aust haben etwas Großes vor. Sie wollen die Geschichte der Mordserie erzählen, die das rechtsextreme Terrortrio des NSU begangen hat. Ein Fernsehfilm in drei Teilen soll es werden, ergänzt um eine Dokumentation. Laufen werden die Stücke im ersten Programm, beteiligt sind für die ARD der Bayerische Rundfunk, der Südwestrundfunk, der Westdeutsche Rundfunk und die ARD-Produktionstochter Degeto.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Ein Spielfilm über den rechtsextremen Terror – das klingt gewagt. Erscheint den Filmemachern aber möglich und nötig, um, wie Gabriela Sperl im Gespräch sagt, die Geschichte von ihren Anfängen bis zu dem zurzeit in München gegen das NSU-Mitglied Beate Zschäpe laufenden Gerichtsprozess aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.

          Erzählung aus drei verschiedenen Blickwinkeln

          Der erste Teil der Trilogie beginnt mit dem Milieu der Täter: mit sich in den neunziger Jahren in den neuen Bundesländern radikalisierenden Jugendlichen, mit den Neonazis. Bei diesem Film führt Christian Schwochow Regie, das Drehbuch schreibt Thomas Wendrich.

          Teil zwei des Projekts erzählt aus der Perspektive der Opfer – der Ermordeten und ihrer Hinterbliebenen, die durch die jahrelang fehlgeleiteten Ermittlungen der Polizei selbst zu Verdächtigen und zu Opfern des mit Blindheit geschlagenen, eine Panne nach der anderen produzierenden Sicherheitsapparats wurden. Für diesen Film zeichnen der Regisseur Züli Aladag und die Drehbuchautorin Laila Stieler verantwortlich.

          Im dritten Teil geht es um die Ermittler, die bis zum Schluss – als sich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in die Luft sprengten – im Dunkeln tappten. David Wnendt führt Regie, das Drehbuch schreibt Jan Braren. Für die abschließende Dokumentation ist Stefan Aust zuständig. Die Produzentin Gabriela Sperl betreut das Ganze gemeinsam mit der Wiedemann & Berg Film.

          „Vergleichbar mit der RAF“

          Stefan Aust beschäftigt sich seit langem mit der Geschichte der NSU-Terrorzelle, sitzt an einem Buch und zog den Profiler Alexander Horn zu Rate, der, einige Monate bevor der NSU im November 2011 aufflog, ziemlich genau erkannte, mit welcher Art von Tätern man es bei den zehn ungeklärten Morden an Opfern aus Einwandererfamilien, einer Polizistin und (mindestens) einem Bombenattentat zu tun hatte: zwei Tätern, rechtsextrem, fremdenfeindlich, auf Waffen fixiert.

          Bis dato hatten sich die Ermittler mit allem Möglichen beschäftigt, vermeintliche Spuren ins organisierte Verbrechen gesucht, an Rechtsextremismus aber dachte niemand. Der Verfassungsschutz hielt sich bedeckt, obwohl inzwischen bekannt war, dass es 28 V-Leute im Dunstkreis des NSU gab. „Das ist einer der interessantesten Fälle der jüngeren Gegenwart“, sagt Aust. „Ich halte ihn in seiner Dimension mit der Geschichte der RAF für vergleichbar. Er macht Bruchstellen in unserer Gesellschaft deutlich, über die man jahrelang hinweggesehen hat. Und er zeugt von einem seriellen Versagen der Sicherheitsdienste.“

          Um diese Bruchstellen geht es auch Gabriela Sperl. Dass zehn Jahre lang fremdenfeindliche Täter ungestört morden konnten, hält sie für einen Skandal, dessen Ausmaß vielen offenbar nicht bewusst sei. „Mit diesem auf den ersten Blick kaum zu überschauenden Projekt möchte ich die Menschen emotional so erreichen, dass sie beginnen, die Bedeutung dieses Geschehens wahrzunehmen und zu erkennen, dass unsere Gesellschaft einen dunklen, braunen Fleck hat, den viele, nicht nur die Politik, lieber verdecken möchten. Das muss sich ändern.“ Es gebe „einen rechtsradikalen Untergrund“, sagt Stefan Aust. Das Filmprojekt, dessen schauspielerische Besetzung und Sendetermin noch nicht feststehen, wird die Zuschauer auffordern, wenn nicht dazu zwingen, sich mit dieser „Unterwelt“ zu befassen.

          Weitere Themen

          „It Must Be Heaven“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „It Must Be Heaven“

          „It Must Be Heaven“ ist eine französisch-kanadische Komödie aus dem Jahr 2019 von Elia Suleiman. Der Film kämpft in Cannes um die Goldene Palme.

          „All my Loving“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „All my Loving“

          „All my Loving“ ist der neue Film von Edward Berger und zeigt drei Geschwister, die an einem Punkt angelangt sind, an dem sie schnell etwas verändern müssen, bevor die zweite Hälfte ihres Lebens beginnt.

          Du hast keine Chance, also nutze sie

          TV-Serie „Catch-22“ : Du hast keine Chance, also nutze sie

          Aus dem Antikriegsroman „Catch-22“ von Joseph Heller von 1961 macht George Clooney als Produzent eine großartige Serie. Sie zeigt, was passiert, wenn das Absurde zur Norm wird. In Amerika weiß jeder, was „Catch-22“ ist.

          Topmeldungen

          „Seit über 25 Jahren packen wir einmal im Jahr das gesamte Spielzeug für acht Wochen in den Keller“, berichtet Kita-Leiterin Elfriede Reissmüller, „und die Kinder werden aufgefordert, ihre Phantasie und Kreativität verstärkt einzusetzen.“

          Kita ohne Spielzeug : Weg mit den Bauklötzen!

          Eine Kita ohne Spielzeug – klingt widersinnig. Tatsächlich aber kann die fehlende Ablenkung Wunder wirken und wichtige Fähigkeiten für das spätere Leben ausbilden.
          Ende Oktober 2018 steht Damian Boeselager, einer der Gründer der proeuropäischen Partei Volt, in Amsterdam bei einer Kundgebung auf der Bühne

          Kleinpartei vor Europawahl : Viel ge-Volt

          Große Versprechen, großer Idealismus: Volt ist proeuropäisch und tritt in acht Ländern zur Europawahl an. Wer ist die Kleinpartei, die es erreichte, dass der „Wahl-O-Mat“ kurzzeitig offline ging?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.