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ARD und ZDF zum EU-Gipfel : Es müssten nur noch die Europäer begreifen

  • -Aktualisiert am

Bild: picture-alliance/ dpa

Von der Euro zum Euro: ARD und ZDF berichten aus Warschau und Brüssel. Die Frage ist nur, ob sie schon den Unterschied begriffen haben.

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          „Ein Hauch von Sommermärchen ist wieder spürbar.“ So begann die Heute-Sendung um 19:00 Uhr gestern Abend. Wahrscheinlich hat in Mainz zu diesem Zeitpunkt niemand bedacht, dass zum Sommermärchen eine Niederlage im Halbfinale gegen Italien gehört. Der Wunsch wurde erhört, wie wir heute Morgen wissen. „Das Spiel ist aus! aus! aus!“ Deutschland ist schon wieder nicht Europameister, so könnte man in Abwandlung des Reporters der WM von 1954, Herbert Zimmermann, formulieren. Nun wissen wir nicht, wie die Bundeskanzlerin in Brüssel auf dieses Ergebnis reagierte. „Das Spiel ist aus“ wird es nicht gewesen sein.

          Es hätte die Märkte erschüttert, weil unter Umständen niemand genau gewusst hätte, welches Spiel sie meinte: Das um den Euro oder das in der Euro. Fußball ist bekanntlich die schönste Nebensache der Welt, weshalb ihm das ZDF auch den ersten Sendeplatz einräumte. Noch vor dem Brüsseler Gipfel, der wieder einmal über die Zukunft Europas zu entscheiden droht. Aber die Euro findet nur alle vier Jahre statt, jeder kann mitreden und im Fußball ist Sieg oder Niederlage in Zahlen zu messen: 2:1. Das ist der Unterschied zwischen Trauer und Freude. Ob nun in Berlin oder in Rom. So überschaubar ist die Welt – und am nächsten Tag geht alles so weiter als wäre nichts geschehen.

          „Punktsieg für Merkel“

          Der Brüsseler Gipfel ist von einer anderen Qualität. Hier versteht niemand mehr etwas, der sich nicht den ganzen Tag damit beschäftigt. Das Fernsehen orientiert sich wie beim Fußball an der Dramaturgie der handelnden Akteure. Vorfahrende Autos. Auftritt Frau Merkel, danach der italienische Ministerpräsident Mario Monti und der französische Staatspräsident François Hollande. Die Fußball-Metapher ist zu verführerisch: „Deutschland gegen Italien und Spanien. Das ist die Ausgangslage für die EU-Gipfel.“ So wechselt das ZDF von der Euro zum Euro.

          Der Brüsseler Korrespondent hat beruhigende Botschaften aus „Delegationskreisen“: „Es wäre ja nicht wie beim Fußball Deutschland gegen Italien. Man versucht eine gemeinsame Lösung hinzubekommen.“ Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz tritt übrigens auch auf. Nach seinem Statement teilt uns der Berichterstatter mit: „Punktsieg für Merkel.“ Eine gemeinsame Haftung für europäische Schulden werde es nicht geben.

          Zwei Herzen in der Brust

          In der „Tagesschau“ um 20:00 Uhr die gleichen Bilder mit den gleichen Akteuren. Allerdings als Aufmacher, im Gegensatz zum ZDF. Die ARD sendet aber auch schon seit mehr als einer Stunde vom kommenden Halbfinale. Der Brüsseler ARD-Korrespondent ist sich „noch nicht einmal sicher, dass es zu großen Konflikten kommen wird.“ Schließlich wolle man verhindern, dass statt Monti Berlusconi wiederkommt. Schulz wird mit folgenden Worten in Richtung der Bundeskanzlerin zitiert: „Man kann nicht immer Nein sagen.“

          Um 21:30 Uhr steht es 2:0 für Italien. Die „Tagesthemen“ in der Halbzeit-Pause moderiert Ingo Zamperoni. „Bei dem schlagen auch zwei Herzen in der Brust“, so Reinhold Beckmann in seiner Überleitung von Warschau nach Hamburg. Aus Brüssel gibt es nichts Neues, außer eine interessante Anmerkung des ARD-Korrespondenten: „Auch in einer politischen Union kann gegen Deutschland entscheiden werden.“ Rolf-Dietrich Krause wirkte dabei überrascht. Gilt doch die Forderung nach einer „politischen Union“ als das Steckenpferd der Deutschen. Da waren solche Folgen wohl nicht vorgesehen.

          Im „Heute-Journal“ kurz vor Mitternacht hatte Deutschland in Warschau endgültig verloren – und Klaus Kleber tröstete den Zuschauer dafür mit der Mitteilung, dass in Brüssel die „Kanzlerin standhalte.“ Was man von der deutschen Abwehr nicht sagen konnte. Selten sei sie – die Kanzlerin - so unter Druck gewesen wie heute. In den Berichten der Auslandskorrespondenten zu diesem Gipfel hat man in China „Vertrauen zur Kanzlerin.“ In Spanien und Großbritannien wolle man dagegen das Geld der Deutschen. Was auch sonst? Der Unterton ist nicht zu überhören.

          Wer spielt in Brüssel? Frau Merkel gegen Monti?

          Die Dramaturgie des Fußballs entspricht der Logik der Berichterstattung über die Krise in Europa. Es treten Nationen gegeneinander an. Die Bürger sind in beiden Fällen nur die Zaungäste. Allerdings braucht niemand Fanmeilen für das Spiel aus Brüssel einzurichten. Martin Schulz hat dafür gestern auf dem Gipfel eine bemerkenswerte Rede über die Ausschaltung des europäischen Parlaments durch die Regierungschefs gehalten.

          Danach musste er gehen. Von dieser Rede war in keiner Sendung die Rede. Das Europäische Parlament hat schließlich in dieser Krise nichts zu entscheiden. Das Demokratiedefizit in Europa ist daher auch kein Thema. In Brüssel spielt halt immer noch wie in Warschau Deutschland gegen Italien. Frau Merkel gegen Monti. Ingo Zamperoni ist der Sohn eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter. Er gab am Ende der „Tagesthemen“ auf die Bemerkung Beckmanns eine Antwort. Er sei innerlich zerrissen und sagte anschließend auf Deutsch und Italienisch: „Es möge der Bessere gewinnen.“

          Das bezog sich auf den Fußball. In der europäischen Politik ist mit dieser Logik nichts zu gewinnen, aber alles zu verlieren. Sie ist wichtiger als die „schönste Nebensache der Welt“. Das müssten nur noch die Europäer begreifen. Nur wie? In ARD und ZDF haben sie es gestern nicht erfahren. Ansonsten wird es ihnen wohl auch sonst keiner erklären.
           

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