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ARD und ZDF bei der EM : Aber Weltmeister sind wir immer noch

Eingespieltes Team: Matthias Opdenhövel (links) und Mehmet Scholl kommentieren nicht nur bei der EM für die ARD. Bild: WDR/Sachs

Sollen wir jetzt sagen, jedem Ende wohnt ein Zauber inne? Nach diesem furchtbaren Halbfinale? Doch halten wir fest: ARD und ZDF gewinnen beim Fußball immer. Auch wenn die Nationalelf ausscheidet.

          Das Finale der Fußball-Europameisterschaft findet ohne unsere Nationalmannschaft statt. Aber trotz der denkbar unglücklichen Niederlage, die es ohne den Handelfmeter in der 47. Minute im Halbfinale gegen den Gastgeber wohl nicht gegeben hätte, wird ein Großteil des deutschen Reisekaders am Sonntag noch in Frankreich sein. Dabei geht es allerdings nicht um die Delegation des Deutschen Fußball-Bundes, sondern um eine andere Truppe: Mit fünfhundert Mann sind ARD und ZDF nach Frankreich gereist, um bis zum Ende der Europameisterschaft zu bleiben. Eine Belegschaft von einunddreißig Leuten ist im Privatjet in den vergangenen vier Wochen zwischen dem Trainingslager in Evian und den Stadien in ganz Frankreich hin und her geflogen, um die Spiele der Deutschen zu begleiten und rund um die Uhr zu senden. Im Fernsehstudio sind hochbezahlte Experten abendelang auf alle Fragen vorbereitet gewesen bis auf diese: Welche Summen sind hier eigentlich im Spiel? Wie viel Geld wird den Rundfunkbeitragszahlern für ein solches Fußballspektakel aus der Tasche gezogen? Und wer bestimmt, wie die Kostenrechnung ausfällt?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Auch wenn die Intendanten stets das Gegenteil beteuern: Transparenz steht nicht auf dem Trainingsplan der öffentlich-rechtlichen Sender. Dass ihre Leute im eigens angemieteten Privatflugzeug unterwegs sind, verriet der federführende Westdeutsche Rundfunk erst auf mehrfache Nachfrage und gab die Sache dann als preisgünstigste Lösung aus. Vierzehntausend Euro für einen Trip zum Spielort? So etwas läuft bei ARD und ZDF unter Portokosten. Für die Honorare von Mehmet Scholl oder Oliver Kahn gilt das sicherlich nicht, deshalb unterliegen sie auch der höchsten Geheimhaltungsstufe. Kämen sie heraus und müsste man nicht spekulieren, was irgendwelche Experten im öffentlichen Fernsehen verdienen. Eine Viertelmillion, achthunderttausend oder gar 1,6 Millionen Euro pro Jahr wurden mit Blick auf die ARD aufgerufen. Da dürften sich selbst hartgesottene Fußballfans wundern.

          „Niedrige einstellige Millionenbeträge“

          Denn übertrieben erscheinen die Spekulationen nicht. „Jährlich niedrige einstellige Millionenbeträge“, teilte der Landesrechnungshof Rheinland-Pfalz bei einer Landtagsanhörung mit, hätten die ARD-Anstalten in den Jahren 2007 bis 2010 „aufgrund von Mitwirkendenvereinbarungen an ehemalige Spitzensportler und Experten aus dem journalistischen Bereich für Komoderation, Interviews und Reportagen“ gezahlt. Die Zahl der Experten hat seither nicht abgenommen, und die Preise sind noch gestiegen. Mit geschätzten 134 Millionen Euro pro Jahr bezahlt das Erste mehr denn je für die Senderechte an der Fußball-Bundesliga, die Sportetats von ARD und ZDF belaufen sich auf mehr als achthundert Millionen Euro per anno, das meiste davon wird für den Fußball aufgewendet. Das ZDF ist, wie das „Manager Magazin“ berichtete, mit schätzungsweise 45 Millionen Euro jährlich bei der Bundesliga dabei. Mindestens fünfzig Millionen Euro, hieß es schon früher, zahlt das ZDF im Jahr für die Rechte an der Champions League.

          Auf der Suche nach Gesprächspartnern: Katrin Müller-Hohenstein ist auch bei der EM in Sachen Fußball für das ZDF unterwegs.

          Die Summen sind schwindelerregend. Und die Begründungen, die Intendanten und Sportchefs finden, um ihre Geheimhaltung zu rechtfertigen, sind es auch. Die Verträge verhinderten, dass man Tacheles rede, heißt es, und außerdem gerate man im Fall der Offenlegung im Wettbewerb mit privaten Sendern ins Hintertreffen. Richtig ist das Gegenteil: Die öffentlich-rechtlichen Sender sind die wahren Preistreiber im Sportrechtemarkt. Die Anbieter wissen, dass ARD und ZDF unbedingt dabei sein wollen und Preise zahlen, die sich für Private nicht rechnen. Und für die Verträge, die zum Stillschweigen zwingen, gilt: Sie sollten von öffentlich-rechtlichen Sendern gar nicht abgeschlossen werden.

          Doch sie werden es, und es ist nicht absehbar, dass sich daran in näherer Zukunft etwas ändert. ARD und ZDF legen ihren Auftrag zur Grundversorgung mit Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung, auf dem die unbedingte Rundfunkbeitragspflicht für jedermann gründet, nämlich denkbar weit aus. Fußball zählt in den Augen der Senderverantwortlichen in jedem Fall zu dieser Grundversorgung. Damit verbunden ist ein Rechtfertigungs-Zirkelschluss. Er lautet: Weil der Fußball so wichtig ist, brauchen wir ihn unbedingt und müssen im Zweifel Mondpreise zahlen. Die Beitragszahler wollen den Sport schließlich sehen. Umgekehrt soll gelten: Weil alle den Beitrag zahlen und dabei acht bis achteinhalb Milliarden Euro pro Jahr zusammenkommen, muss der große Fußball drin sein, inklusive WM, EM und Bundesliga. Wofür zahlen die Beitragspflichtigen denn sonst? Alles klar?

          Der einfache Schluss wäre: Den teuren Fußball brauchen ARD und ZDF in diesem Umfang nicht, und wenn sie ihn nicht haben, brauchen wir auch nicht so viel Rundfunkbeitrag zu zahlen. Doch das würde das System in Frage stellen, das von den Verfassungsgerichten abgesegnet, von den Aufsichtsgremien abgenickt und von der Politik gestützt wird. Ein Umdenken, eine Konzentration des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf seine Kernaufgaben erscheint nicht möglich. Und da wäre niemand, der ARD und ZDF die Gelbe oder Rote Karte zeigt. Sie können immer weiterspielen. Sie werden nie verlieren, auch wenn die Bundesländer, die für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zuständig sind, angesichts einer im Jahr 2021 drohenden, exorbitanten Erhöhung des Rundfunkbeitrags pro forma eine Arbeitsgruppe eingerichtet haben, die sich mit der Struktur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks befassen soll. ARD und ZDF bleiben Weltmeister im Geldausgeben. Den Titel macht ihnen niemand streitig.

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