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ARD und Ägypten : Insel der Seligen

Kai Griffke , Chefredateur von „ARD aktuell”, kann keinen Fehler bei der Berichterstattung sehen Bild: dpa

Mubaraks Rede? Brauchen wir nicht, sagt die ARD. Sie glaubt, zur Krise in Ägypten alles gesagt zu haben und ist mit sich zufrieden. Aber ihre Vergleiche hinken gewaltig.

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          Die ARD ist gut. Sie hat sich in Sachen Berichterstattung zur Krise in Ägypten nichts vorzuwerfen. Das findet der Chefredakteur von ARD aktuell, Kai Gniffke, und das findet die ARD-Vorsitzende Monika Piel. Sie rückte gestern bei einer Pressekonferenz mit einer neuen Begründung heraus, warum die Rede des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak in der vergangenen Woche im Ersten eine eher nachgeordnete Rolle spielte. Mubarak sei „ein nicht frei gewählter Staatsmann“, dem man nicht einfach so Raum geben könne. Es gelte, die Dinge einzuordnen und sich nicht manipulieren zu lassen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Das wäre so, als wenn wir jetzt jede Rede von Fidel Castro live zeigen würden“, hatte zuvor der Nachrichtenchef Gniffke entgegnet, nachdem in dieser Zeitung kritisiert worden war, dass Mubaraks Auftritt am 1. Februar im ersten - wie im zweiten Programm - eine eher untergeordnete - sollten wir sagen „eingeordnete“? - Rolle spielte (siehe: ARD und ZDF scheitern an Ägypten: Wir sind nicht dabei gewesen). Soll damit etwa angekündigt werden, dass die ARD Castros letzte große Rede auch historisch falsch einschätzen wird? Was für ein Versprechen. „Wir waren und sind mit unserer Berichterstattung zu Ägypten sehr zufrieden“, sagte die ARD-Vorsitzende Monika Piel und zählte, im Verein mit dem Programmdirektor des Ersten, Volker Herres, die schiere Masse der Sendungen auf, die sich mit Ägypten befasst haben. Da geht es dann um die Nachrichten und um „Brennpunkte“, den „Presseclub“, Anne Will und Frank Plasberg, den Hörfunk, den Ereigniskanal Phoenix und das Digitalprogramm Eins Extra. Alles richtig, alles da, aber deshalb ist - wenn in der Mitte des Hauptabendprogramms eine Lücke klafft - noch längst nicht alles wunderbar.

          Vermeintliche Überlegenheit

          Eher wunderlich ist derweil, in welcher Weise der Nachrichtenchef Gniffke die Freunde der „Tagesschau“ und der „Tagesthemen“ in seinen Kopf kriechen lässt. Wie er begründet, was seine Redaktion für berichtenswert hält und was nicht, nennt der Onlinedienst „Meedia” schlicht „blasiert“, Gniffkes Tagebuch sei ein „Alibi-Blog“. Blasiert und alibimäßig mag das erscheinen, weil der Nachrichtenmann die eigenen Entscheidungen nicht nur sehr, sehr häufig für richtig hält (und zum Jahreswechsel mit den Einschaltquoten protzte), sondern es so darstellt, als sei anderes sowohl unter professionellen wie unter ethischen Gesichtspunkten für das Hochamt des Nachrichtenjournalismus gar nicht zu vertreten. So wusste er zu begründen, warum die „Tagesschau“ nicht über eine Entführung und ewig und drei Tage lang nicht über den Fall Kachelmann, jetzt aber kurz und knapp über den ersten öffentlichen Auftritt der von den Folgen einer Operation gezeichneten Moderatorin Monica Lierhaus berichtete.

          Darin muss man nichts Falsches finden, wäre da nicht der Ton vermeintlicher moralischer Überlegenheit. Und Gniffkes kritische Methode lässt sich auch noch verbessern. So verwies er am 3. Februar, dem Tag, an dem an dieser Stelle die Ägypten-Berichterstattung von ARD und ZDF kritisiert wurde (siehe: ARD und ZDF scheitern an Ägypten: Wir sind nicht dabei gewesen), auf das Titelbild dieser Zeitung. Das zeigte was? Den Zyklon über Australien. Ertappt, könnte man sagen - ihr macht es selbst nicht besser, von wegen Ägypten! Könnte man - aber nur, wenn man nicht auf die Titelbilder am 26. und 29. Januar und am 1. und 2. Februar gesehen hatte, von der F.A.S. und den folgenden Ausgaben dieser Zeitung zu schweigen und auch davon, dass Mubaraks Rede am 3. Februar dokumentiert wurde. Auf die vollständige Liste wollen wir verzichten, im Aufzählen sind sie bei der ARD einfach besser.

          Für dreiundzwanzig Prozent der Bundesbürger, lässt sich die ARD in einer frischen Umfrage von TNS Infratest bescheinigen, sei das Erste das wichtigste Programm. Besonders schön und wichtig sei, sagt der Programmdirektor Herres, dass das Erste bei der „Inselfrage“ so gut abschneide. Will heißen: Welches Programm würden Sie mit auf eine einsame Insel nehmen? Am Strand kann man auf die ägyptische Wüste natürlich verzichten.

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