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ARD-Themenabend zur Spiegel-Affäre : Wie der Minister lernte, die Bombe zu lieben

Rudolf Augstein (links) und Conrad Ahlers nach der Aufhebung des Haftbefehls. Bild: dpa

In der Verfilmung der „Spiegel-Affäre“ zeigt die ARD, wie ein Politiker ein Magazin bedrängte. Warum er das tat, erklärt eine nachfolgende Dokumentation. Sie macht den Wahnsinn des Kalten Krieges gegenwärtig.

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          Als die Macher des Films „Die Spiegel-Affäre“ ans Werk gingen, hofften sie, die Geschichte aus dem Oktober 1962 mit dem Hier und Heute zu verbinden. Das war das Ansinnen der Produzentin Gabriela Sperl und ihres Beraters, des früheren „Spiegel“-Chefredakteurs Stefan Aust, des Drehbuchautors Johannes Betz und des Regisseurs Roland Suso Richter.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die NSA-Affäre hatten sie im Hinterkopf, die Rolle der Presse und den Zugriff des Staates. Nun aber wirkt ihr Film in einer weiteren Hinsicht aktuell: Der Kalte Krieg, der 1962 mit der Kuba-Krise einen Höhepunkt erreichte, scheint nicht mehr bloß Geschichte, seit Wladimir Putin die Ukraine bedrängt. Die Gefahr aus dem Osten ist greifbar, die Gräben zwischen Russland, Europa und den Vereinigten Staaten sind tief wie seit Jahrzehnten nicht.

          „Adenauer, Inland, Januar bis Oktober 1961“

          Die Welt von Stefan Austs Dokumentation „Bedingt abwehrbereit“, die den Hintergrund des zuvor laufenden Films „Die Spiegel-Affäre“ auffächert, ist wieder etwas näher gerückt: Die Ära der Abschreckungsdoktrin, in der sich zwei hochgerüstete Machtblöcke gegenüberstanden, jede mit atomare Waffenkapazitäten ausgestattet, die Europa in eine verseuchte Wüste hätten verwandeln können. Hundert Kilometer pro Tag, dachten die Strategen des Warschauer Pakts, würden sie mit ihren Panzertruppen vorstoßen, in einer Woche wären sie am Rhein. Damit rechnete auch die Nato, mit zehn bis fünfzehn Millionen Toten in Europa und noch mehr Opfern in den Vereinigten Staaten.

          Sebastian Rudolph (M.) als Rudolf Augstein im Film „Die Spiegel-Affäre“, der Teile eines ARD-Themenabends ist.

          Das Manöver „Fallex 62“ spielte den Horror durch, und genau davon handelte minutiös der Artikel „Bedingt abwehrbereit“ des stellvertretenden „Spiegel“-Chefredakteurs Conrad Ahlers, den er niemals hätten schreiben können, wäre er mit den Manöver-Akten nichts bis ins Detail vertraut gewesen. Und hätte die Staatsanwaltschaft diese bei der Razzia in der „Spiegel“-Redaktion am 26. Oktober 1962 gefunden oder Ahlers’ Manuskript, in dem er seine Quellen verzeichnet hatte, wäre der Magazingründer Rudolf Augstein vielleicht für mehr als 103 Tage ins Gefängnis gewandert.

          Doch die Staatsanwaltschaft fand beim „Spiegel“ keine Fallex-Akten, und sie fand auch nicht das Manuskript von Ahlers mit den Quellenverweisen. Das nämlich hatte der „Spiegel“-Archivar Robert Spiering noch während der Durchsuchung geistesgegenwärtig in einem Ordner verschwinden lassen, auf dem „Adenauer, Inland, Januar bis Oktober 1961“ stand. Genau so schildert es der Spielfilm. Ein Exposé zu Ahlers’ Artikel taten die Staatsanwälte bei der Razzia auf, aber das reichte nicht, um Augstein und seinen leitenden Redakteuren „Landesverrat“ nachzuweisen.

          Der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß und Bundeskanzler Konrad Adenauer bei der Anhörung zur Spiegel-Affäre im Bundestag.

          „Hätte man die geheimen Dokumente im Safe (von Augstein) oder das Original mit Quellenangaben gefunden, wäre der Tatbestand des Landesverrats gegeben gewesen“, heißt es am Ende des Films. Wobei dann immer noch die Frage gewesen wäre - die nach der Razzia diskutiert wurde -, ob es sich hierbei nicht um „illegale Geheimnisse“ des Staates und der „Spiegel“ auch in juristischer Hinsicht in jedem Fall einwandfrei handelte. Augstein und sein Truppe jedoch mussten eine ganze Zeitlang fürchten, für länger hinter schwedischen Gardinen zu landen.

          Die Dokumentation von Stefan Aust macht noch einmal plausibel, was den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß umtrieb, der die „Spiegel“-Affäre heraufbeschwor und die Bundeswehr mit Atomwaffen ausrüsten wollte. Diese hatten zwar die Amerikaner, doch war spätestens seit dem Bau der Mauer im August 1961 die Frage, welchen Preis die Vereinigten Staaten für die Verteidigung der Bundesrepublik zu zahlen bereit wären.

          Die konventionelle Schlagkraft der Nato und der Bundeswehr nahm sich im Vergleich zum Warschauer Pakt mickrig aus, und so verliebte sich Strauß in den Gedanken, atomare Gefechtsfeldwaffen anzuschaffen. Das machte ihn den Augen Augsteins untragbar (der darf niemals Bundeskanzler werden). Und das nimmt sich, wie in Austs Dokumentation ein glänzend aufgelegter Helmut Schmidt sagt, spätestens aus heutiger Sicht als „permanente Kalkulation mit dem Wahnsinn“ aus. Die aber trotzdem, wie es auch bei Aust heißt, wie durch ein Wunder den Frieden sicherte.

          Es hätte nur einmal eine kleine Panne geschehen müssen in den Atomsilos, die heute hüben wie drüben der einstigen innerdeutschen Grenze irgendwo im Wald verrotten, und das Kalkül mit dem Wahnsinn wäre in denselben gemündet.

          Allein Francis Fulton Smith als Strauß in dem Spielfilm zu sehen, lohnt heute Abend das Einschalten des Ersten. Und die nachfolgende Dokumentation tut es nicht minder.

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