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ARD suspendiert Degeto-Chef : Es geht ums Ganze

Der suspendierte Degeto-Geschäftsführer Hans-Wolfgang Jurgan Bild: dpa

Die Degeto-Gesellschafter haben Geschäftsführer Hans-Wolfgang Jurgan suspendiert. Die Filmproduktionsfirma steht so nicht nur ohne Liquidität, sondern auch ohne Führung da.

          3 Min.

          Es war abzusehen: Die Gesellschafter der Degeto, der zentralen Filmproduktionsfirma der ARD, haben den Geschäftsführer Hans-Wolfgang Jurgan mit sofortiger Wirkung von seinem Posten abberufen, also suspendiert. Die Prüfung der Geschäftsabläufe durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und die Revisionsabteilung des WDR habe „gravierende organisatorische Mängel“ ergeben, die in Jurgans Verantwortung lägen. Zudem sei er seiner Berichts- und Informationpflicht gegenüber dem Aufsichtsrat nicht nachgekommen. Das notwendige Vertrauensverhältnis sei nicht mehr gegeben, „arbeitsrechtliche Prüfungen“ seien beauftragt, will heißen: Es wird geprüft, ob und wie Jurgan nicht nur seines Postens enthoben, sondern entlassen werden kann. Deshalb bleiben die Wirtschaftsprüfer am Drücker, der Bericht, den sie jetzt den ARD-Intendanten vorgelegt haben, ist nur eine Zwischenetappe.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          So zieht die ARD aus der Krise, welche die gesamte deutsche Produktionslandschaft belastet, personelle Konsequenzen. Gelöst hat sie diese aber noch nicht. Es geht darum, dass die Degeto ihr Budget auf zweieinhalb Jahre komplett verplant hat. Bis 2014 wurden - offenbar freihändig - Aufträge vergeben. Mehr als vierhundert Millionen Euro kann die Degeto jährlich im Auftrag der ARD einsetzen, 2009 waren es genau 426 Millionen Euro. Rund 250 Millionen Euro gehen direkt in die Filmproduktion. Schon damals wurde der Etat überzogen. Für die kommenden beiden Jahre sind keine Mittel frei, so dass die ARD einen Notfallhaushalt von 24 Millionen Euro nachschießen musste. Die in Frankfurt ansässige Degeto finanziert fast alle großen Produktionen der ARD mit, sie bespielt den Freitagssendeplatz mit Spielfilmen und kauft in großem Stil Senderechte für Filme und Serien ein, Gesellschafter sind die ARD-Sender oder deren Werbetöchter.

          Bis auf weiteres soll Bettina Reitz die Degeto allein führen

          Um das Ausmaß der Degeto-Pleite zu eruieren, hatte die ARD eine Taskforce unter Leitung des HR-Intendanten Helmut Reitze gebildet. Dabei ging es um die Geschäftsführung Jurgans und des im März verstorbenen Ko-Geschäftsführers Jörn Klamroth. Dessen Nachfolge hatte im Mai die Fernsehspielchefin des Bayerischen Rundfunks, Bettina Reitz, angetreten. Mit ihr verband sich die Hoffnung, dass die Degeto, die für massentaugliche Programme steht, in eine Qualitätsoffensive gehe. Da Bettina Reitz aber schon wieder auf dem Absprung ist - sie soll Fernsehdirektorin beim BR werden, der Intendant Ulrich Wilhelm will sie dem Rundfunkrat am 8. Dezember vorschlagen -, steht die Degeto nicht nur ohne Liquidität, sondern bald ohne Führung da.

          Hinter den Kulissen wird mächtig um Einfluss gekämpft. Besonders der WDR rückt in den Vordergrund - mit der Information, dass man dort schon 2010 auf den Engpass bei der Degeto verwiesen habe. Zudem wird kanalisiert, dass die WDR-Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff an die Spitze der Degeto rücken könnte. Doch sind andere ARD-Sender nicht davon begeistert, der größten und reichsten Sendeanstalt federführenden Einfluss auf die Degeto zu gewähren. Zumal der NDR fühlt sich in der Filmzentrale notorisch unterrepräsentiert. Bis auf weiteres, ist zu erfahren, soll Bettina Reitz die Degeto allein führen. Sie hat einen Fünfjahresvertrag, doch ist damit zu rechnen, dass sie diesen nicht erfüllen muss, sobald der Ruf aus München erfolgt. Die Intendanten der ARD haben dazu bei ihrer gestrigen Sitzung in Bremen noch keinen Beschluss gefasst, sie warten Bettina Reitz’ Rolle rückwärts ab. Es wird darüber nachgedacht, ihr einen kaufmännischen Leiter an die Seite zu geben, also jemanden, der für eine Kostenkontrolle steht, wie es sie bei der Degeto bislang erstaunlicherweise nicht gab.

          Arbeitsgruppe zur Überprüfung der Strukturen

          Der Mitteldeutsche Rundfunk hat seinen Zugriff auf die Degeto indes verloren. Die neue Senderchefin Karola Wille hatte bei ihrer ersten Pressekonferenz die Hoffnung geäußert, ihrem Vorgänger Udo Reiter auch als „Filmintendantin“ der ARD zu folgen, sprich: Aufsichtsratsvorsitzende der Degeto zu werden. Das war ihr nicht vergönnt. Auch in den Reihen der ARD kommt man nämlich aus dem Staunen über den Zustand des MDR nicht heraus: Der gekündigte Unterhaltungschef Udo Foht veranlasste über Jahre dubiose Geldtransfers, Verträge wurden nachträglich geschlossen, Angebote über sechsstellige Summen sind nicht zu finden, fünfzehn Fälle möglicherweise strafbaren Verhaltens hat eine interne Prüfgruppe aufgelistet. Und nun kam auch noch heraus, dass der Sender 390 Millionen Euro in Wertpapieren angelegt hat, deren Risikopotential unklar ist.

          Der MDR hat also genug mit sich selbst zu tun. Und so nimmt es nicht wunder, dass der Vorsitz des Degeto-Aufsichtsrats nicht an Karola Wille, sondern an die Intendantin Dagmar Reim vom Rundfunk Berlin Brandenburg ging. Sie hat gleich eine neue Arbeitsgruppe eingesetzt, „die die Strukturen der Degeto überprüfen soll“. Bei der Filmzentrale in Frankfurt geht es also nicht nur um die Geschäftsführung Hans-Wolfgang Jurgans, sondern ums Ganze.

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