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„Zorn – Kalter Rauch“ : Nicht Fisch, nicht Fleisch

  • -Aktualisiert am

Was heißt hier nicht ganz frisch? Claudius Zorn (Stephan Luca) und Schröder (Axel Ranisch) suchen die konfrontative Nähe. Bild: MDR/Gordon Muehle

Hier geht zusammen, was nicht zusammen passt: In der fünften Folge der ARD-Krimireihe „Zorn“ kommt sich jeder mit jedem ins Gehege. Das kann man schön absurd oder absurd schön finden, aber taugt es als Krimi?

          Scherzfrage: Was haben ein blutiges künstliches Hüftgelenk auf einer Statue, ein von einem Elefanten totgetrampelter Tierpfleger, ein irre gewordenes One-Hit-Wonder der „Neuen Deutschen Welle“, ein Hafen, in dem es keine Schiffe gibt, aber Container voller Ölradiatoren; Fischregen in der Innenstadt von Halle, ein sadistischer Schrottplatzbetreiber, eine verschmorte Wachschutzbeauftragte, ein Kurzschluss, der die Stadt lahmlegt, die russische Mafia, Geschäfte mit Crystal Meth, eine hochschwangere Freundin, zwei wüst recherchierende Kommissare und eine coole Staatsanwältin miteinander gemein?

          Gar nichts. Genau deshalb kommt das alles und kommen sie alle in der fünften Folge der mit viel Herzblut gespielten Krimireihe „Zorn“ („Kalter Rauch“) einander so gründlich ins Gehege wie geplant. Der Titel erschließt sich im Übrigen ebenso wenig aus der Handlung, wie die Sinnhaftigkeit der ganzen Unternehmung Ziel zu sein scheint. Ist „Zorn“ nun Dada oder Gaga? Handelt es sich um eine Krimiparodie, eine mit kaltem Blick gefilmte Rache für Leute, denen das mord- und totschlaglastige Fernsehprogramm zum Hals heraushängt? Ist das ein philosophisch fundierter Überkrimi, welcher der dem Fernsehfilm immanenten Wiederherstellung der Ordnung ein anarchistisches Schnippchen schlägt?

          Meerestierniederschlag: Nicht so tödlich wie in „Sharknado“

          Ein Film über Film, der Gut oder Schlecht ins Rutschen bringt wie das Drehbuch zu Beginn die Passanten in der Hallenser Stadtmitte, als das Trottoir nach dem Meerestierniederschlag (glücklicherweise nicht so tödlich wie in „Sharknado“), aus heiterem Himmel sich in eine einzige glitschige Fischkadaveroberfläche verwandelt? Trittsicher sucht „Zorn“ nach dem Buch von Stephan Ludwig nach allen Kalauern und Fettnäpfchen, kruden Verbindungen und gewollten Erklärungsmustern, die vorstellbar sind.

          Sichtlich ist „Kalter Rauch“ von Leuten gemacht, die ihr Handwerk verstehen und mit Spaß bei der Sache sind. Andreas Herzog (Regie) und Ralf Noack (Kamera) setzen die Folge aus zahlreichen ansehnlichen Szenen zusammen, die einzeln mehr sind als das Ganze. Devid Striesow, der hier Greg Z., den vergessenen, verwirrten Ex-Popstar der Achtziger spielt, der unter Verdacht steht, seine Frau und Managerin Donata ermordet zu haben – von ihr scheint das einsame Hüftgelenk zu stammen –, hat außer „Jajaja“, „Neinneinnein“ und „Ich bin nicht schuld“ kaum Text zu gestalten, trägt dafür aber einen schreienden lila geringelten Flauschmohairpulli und eine fiese Achtzigerfrisur.

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          Stephan Luca als notorisch schlecht arbeitender Kommissar Zorn verwirrt die baldige Ankunft des Nachwuchses. Seine Freundin Malina (Katharina Nesytowa) ist nichts Besseres eingefallen, als dem Kleinen den Namen „Horst“ zu geben. Aber – Achtung, Anspielung – „Horst“ heißt auch das Sturmtief, in dessen Ausläufern sich der schuppige Niederschlag über Halle befand. Axel Ranisch, der als Regisseur zuletzt mit dem „Tatort“ „Babbeldasch“ baden ging, darf als Kommissar Schröder das Publikum an das ungebremst Gute im Ermittler glauben lassen. Alice Dwyer gibt die Staatsanwältin Frieda Borck, die irgendwie damit zurechtkommen muss, eine Gurkentruppe anzuführen. Sylvester Groth packt als mordender Schrottplatzunternehmer Völx die Instrumente aus.

          Man kann die Serie „Zorn“ schön absurd finden oder auch nur absurd. An erfrischende Genreüberschreitung denken oder an einen großen Vogel, den sich alle Beteiligten mit offenbar großer Freude leisten. Für Freunde der „Neuen Deutschen Welle“ jedoch ist „Kalter Rauch“ fast Pflicht. So sorgfältig, wie Devid Striesow hier für sein Uralt-Video auf Ziggy Stardust geschminkt wurde; so fein, wie der Ex-Hit „Schwarzes Loch im All“ von G-Dur nach A-Dur wechselt; so bedächtig, wie Striesow alias Gregor Zettel alias Greg Z seinen Walkman mit sich herumträgt, um „Fehlfarben“ oder „Grauzone“ zu hören – da kommen wohl zwangsläufig nostalgische Gefühle auf.

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