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Doku über Corona-Altersheim : Wer ist schuld an den Toten in Wolfsburg?

Als das Heim für Besucher geschlossen wurde, hörte Elfriede Reduhn auf zu essen. Dank der besonderen Zuwendung von Pflegerin Viktorija hat sie überlebt. Bild: WDR/Sonja Küttner-Neumann/Arnd

Hinter der verwitterten Fassade: Eine ARD-Reportage beleuchtet die Umstände der Ausnahmesituation im Hanns-Lilje-Heim ab März, als mehr als hundert Menschen an Corona erkrankten.

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          Das Hanns-Lilje-Heim in Wolfsburg ist vermutlich das Gebäude in Deutschland, in dem das Coronavirus bisher am schlimmsten gewütet hat. Nachdem am 18. März dieses Jahres die erste Erkrankung in der diakonischen Einrichtung festgestellt wurde, starben dort insgesamt 47 Personen. Die „Bild“-Zeitung bezeichnete das nach dem früheren hannoverschen Landesbischof benannte Haus für Demenzkranke deshalb als „Horror-Heim“.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Das Gebäude eignet sich hervorragend für derlei Beschreibungen: steingraue Schießscharten-Architektur wie im Gefängnis, die in Kombination mit einem wolkenverhangenen Himmel beklemmende Bilder ergibt. Die ARD-Reportage von Arnd Henze und Sonja Kättner-Neumann schaut jedoch hinter die verwitterte Fassade des Hanns-Lilje-Heims. Die Perspektiven des Personals, der Erkrankten und der Angehörigen unterscheiden sich, gleichen sich lediglich in der Verzweiflung, die im März jeder spürte. Ein Pfleger erzählt, wie er damals ständig das Telefon in der Hand hatte, um mit den Angehörigen zu sprechen, während er zugleich versuchen musste, den Sterbenden in ihren letzten Stunden beizustehen.

          Trommeln und randalieren

          Insgesamt 112 der 160 Bewohner erkrankten an dem Virus, obendrein mehr als vierzig Pflegekräfte. Infizierte und Nichtinfizierte mussten strikt voneinander getrennt werden, was sich allerdings schwierig gestaltete. Demenzkranke entwickeln einen starken Laufdrang. „Die waren nach zwei Minuten wieder draußen“, erzählt ein Pfleger, während gerade eine Bewohnerin durch das Kamerabild irrt. Das Einschließen der Demenzkranken führte dazu, dass die verzweifelten Bewohner gegen die Türen trommelten und randalierten. Schließlich wurden die Nichtinfizierten in mehr als siebzig Fällen auf Grundlage einer Gerichtsentscheidung sediert.

          Die Ausstattung des Heims mit Schutzkleidung und Masken war zum damaligen Zeitpunkt völlig unzureichend, ebenso die Testkapazitäten in Wolfsburg. Oberbürgermeister Klaus Mohrs erzählt, wie die Stadt um Material kämpfte, die Zusage erhielt – und kurz darauf wieder eine Absage. Im Hanns-Lilje-Heim durften derweil die Familien nicht zu ihren Angehörigen und konnten auf deren Behandlung kaum Einfluss nehmen. Die Ärzte stimmten sich teils selbst mit vorsorgeberechtigten Angehörigen nicht ab. Die Tochter eines verstorbenen Bewohners erzählt, dass ihr Vater für einen Tag ins Wolfsburger Klinikum verlegt wurde, dann habe man ihn wieder zurückgeschickt. Ohne Sauerstoff, dafür mit etwas Morphium und der Maßgabe, bloß nicht wieder ins Krankenhaus zurückzukehren.

          War das schon eine Triage, um die Krankenhausbetten für jüngere, aussichtsreichere Patienten frei zu halten? Die Stadt Wolfsburg verneint. Es bleiben jedoch Fragen. Einer von drei Ärzte, die sich damals noch in das Heim getraut haben, spricht vor der Kamera sehr offen: Eine Beatmung wäre für die Bewohner des Heimes lediglich eine palliative Maßnahme gewesen. Überhaupt müsse man sich ein solches Heim als „point of no return“ vorstellen. Einer Corona-Infektion trete man deshalb allenfalls „mit Bordmitteln“ entgegen. Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Christiane Woopen, widerspricht. Auch demente Menschen hätten ein Recht auf Behandlung bis hin zur Intensivtherapie. Das Vorgehen in Wolfsburg sei „sicherlich nicht richtig“ gewesen, allenfalls unter den damaligen Umständen entschuldbar. „Wen sollte ich fragen?“, entgegnet der Arzt. „Es war keiner da.“

          Wer ist also schuld an den Toten in Wolfsburg? Der ARD-Film wirft diese Frage auf, doch die Antwort verflüssigt sich im Angesicht der Ausnahmesituation. Hinter den grauen Mauern des Hanns-Lilje-Heims haben vermutlich viele ihr Bestes gegeben, ohne das Sterben dadurch verhindern zu können. Gerade deshalb kommt der Film, der leider erst zu später Stunde ausgestrahlt wird, angesichts rasch steigender Infektionszahlen zur rechten Zeit. Der Kampf gegen Covid-19 lässt sich nicht in den Altenheimen gewinnen. Die Verantwortung für die Schwächsten ruht auf den Schultern aller, nicht nur auf denen des Pflegepersonals.

          Ich weiß nicht mal, wie er starb läuft an diesem Montag um 23.35 Uhr im Ersten.

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