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ARD-Reportage über Inklusion : Wie jeder zu seinem Recht kommt

  • -Aktualisiert am

Miteinander lernen: Amelie (rechts) gefällt das gut. Szene aus „Das Märchen von der Inklusion“ Bild: Radio Bremen

Aufklären oder Mut machen? Eine Reportage im Ersten erzählt das „Märchen von der Inklusion“ und macht in der Frage, warum sich das Konzept nicht durchgesetzt hat, schnell Schuldige aus.

          Amelie ist aufgeweckt und eloquent, besucht in Bremen dieselbe Schule wie alle, liebt das Tanzen und hat mannigfache Berufswünsche. Fotografin, Tierwirtin oder Schauspielerin möchte die Vierzehnjährige werden. Ob sie das erreichen wird, steht in den Sternen. Noch ist Amelie bestens integriert, dank engagierter Eltern, überzeugter Lehrer mit Visionen vom sozialen Experimentierfeld Schule und einer Bremer Schulpolitik, die man bislang nicht gerade für einen Brüller hielt (Stichwort Pisa). Amelie hat das Down-Syndrom, aber vergleichsweise milde Einschränkungen. Teilhabe an der Gesellschaft ist für sie selbstverständlich – noch. Wäre ihr Leben repräsentativ für die Aufgaben und Herausforderungen der Inklusion, dann stünde es womöglich bestens in den Schulen hierzulande.

          Binnendifferenzierung – das aktuelle Zauberwort der Bildungspolitik, das ein individuelles Lernprogramm für jeden einzelnen Schüler im Klassenverband vorsieht – wäre nur von der allgemeingesellschaftlichen Akzeptanz von Beeinträchtigungen und Besonderheiten abhängig. Und vom Geld. Und vom Personal. Ob hochbegabt oder verhaltenseigenwillig, leistungsstark oder praktisch unbeschulbar, jede und jeder käme für sich und alle zusammen zu ihrem und seinem inklusiven Recht. In Amelies Klasse jedenfalls schwärmen Lehrerin wie Schüler ausnahmslos vom Miteinander.

          Manche wollen unter sich bleiben

          Man braucht solche Geschichten, um den Mut nicht zu verlieren, das jedenfalls ist die Tendenz der Reportage „Das Märchen von der Inklusion“. Denn, das ist kein Geheimnis, hierzulande tun sich die Schulen schwer mit der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention von 2009. Aus vielen Gründen. Für diesen Film allerdings gibt es nur einen: das konservative, nachgerade restaurative Festhalten der unverdient Privilegierten am Status quo des dreigliedrigen Schulsystems. Gleichmacherei als alternativloser Fortschritt. Dem Neuen verweigern sich insbesondere die südlichen Bundesländer, heißt es. Womit das Feindbild dieses Werbeblocks für die Bremer Schulpolitik von Hanna Möllers für Radio Bremen klar umrissen wäre. In seiner sozialromantisch gefärbten Darstellung bilden vor allem das Festhalten am Gymnasium und am Frontalunterricht die Hindernisse bei der Umsetzung der UN-Konvention. So beschreibt es auch der Aktivist Raul Krauthausen, Gründer des Vereins „Sozialhelden“: „Das selektiert sich dann ganz gerne unter sich und bleibt auch unter sich“, ohne „Welt da draußen“.

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          Willkommen zurück im leicht angestaubten (Schul-)Klassenkampf der siebziger Jahre. Nun heißt es minimal abweichend: Jedem sein eigenes Curriculum. Die pädagogischen Institute, Schulbuchverlage, Fortbildungseinrichtungen für Lehrer und Schulpsychologen können sich freuen. Ein gigantischer Markt tut sich auf. Die Reportage bemüht sich denn auch nach Kräften, differenzierteren Einlassungen von Lehrern am Rande des Nervenzusammenbruchs und Eltern mit anderen Wünschen für ihr Kind oder Arbeitgebervertretern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Bildungspolitiker der Länder werden erst gar nicht gefragt, als einziger Politiker taucht Hubertus Heil, SPD, zuständig für Arbeits- und Sozialpolitik, auf. Neben dem Schulwesen beschäftigt sich die Reportage mit dem in der Tat unzulänglichen Zugang zum ersten Arbeitsmarkt für Behinderte. Lukas, wegen Sauerstoffmangels bei der Geburt geistig eingeschränkt, möchte Lokführer werden. Stattdessen reinigt er für weniger als hundert Euro im Monat Polizeiwagen. Die Bezahlung ist erschreckend niedrig, aber ist der Fall ein Skandal?

          Kurzschlüsse gaukeln Evidenz vor. Beispielsweise wird der Anstieg der Schulabschlüsse Beeinträchtigter in Bremen von 22 Prozent vor 2009 auf nun fast 45 Prozent als Beweis dafür angeführt, dass Menschen mit Sonderförderungsbedarf auf der Regelschule mehr lernen. Mit Verlaub: Genauso gut könnte man hinter diesen Zahlen auch einen bildungspolitisch motivierten Beweis oder schlichte Noteninflation vermuten. Nike, ebenfalls mit Down-Syndrom, hat nicht so viel Glück gehabt wie Amelie. Nachdem sie an der staatlichen Schule keine Freunde fand, so erzählt es ihre Mutter, besucht sie nun zufrieden eine private Förderschule. Inklusionsprimus Bremen hat die öffentlichen Sonderschulen bis auf ganz wenige, etwa für Blinde, abgeschafft und den verlangten Umbau der Schullandschaft vollzogen. Inklusionsumsetzung gelungen, einerseits. Die Kehrseite: Wer auf den allgemeinen Grundschulen und Gesamtschulen noch immer nicht zurechtkommt, dem bleibt paradoxerweise nur noch die Privatschule.

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