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ARD-Reportage : Dreizehn Jahre in Afghanistan

Wer aus dem Westen kommt und in Afghanistan von A nach B will, nimmt den Hubschrauber – mit Bordschützen. Bild: SWR/Martin Stollberg

Es ist ein Fass ohne erkennbaren Boden: Die Bundeswehr geht, die Taliban rücken wieder nach, der Terror scheint präsenter denn je. Das Erste zeigt eine Reportage über einen verlorenen Krieg, der mehr hinterlässt als die Spuren einer Materialschlacht.

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          Schluss, Aus, Ende, Zapfenstreich: Die Soldaten aus Speyer räumen ihren Außenposten im Norden Afghanistans. Die Bundeswehr zieht ab, mit Mann und Maus und sehr viel Gepäck. „Alles muss raus“, und das nicht nur sauber, sondern rein. „Es soll ein makelloser Rückzug werden“, hören wir, und dass die größte Schlacht, welche die Bundeswehr gerade am Hindukusch schlägt, eine Materialschlacht ist. Was nicht verpackt und in den Transportflieger geschoben wird, geht an afghanische Händler, die jeden Dienstag im Camp Schnäppchen jagen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der das sagt und die dazugehörigen Bilder zeigt, ist Ashwin Raman, ein Veteran der Auslandsberichterstattung. Er ist in den vergangenen Jahren immer wieder nach Afghanistan (und in etliche andere Krisenländer) gereist und schilderte die Entwicklung dort, von der man den Eindruck hat, dass sie vielen bei uns nur noch lästig ist. Nichts wie weg und weg mit Schaden, lautet das Motto, wobei der Schaden den Afghanen bleibt - der Zivilbevölkerung, die in den Gebieten, aus denen sich die westlichen Alliierten zurückziehen, sofort wieder dem Terror der Taliban ausgesetzt sind; der Armee, die schlecht ausgerüstet und unzureichend darauf vorbereitet ist, den Kampf fortzuführen, und all jenen, die auf die Bundeswehr und westliche Hilfe gesetzt oder für die Armee gearbeitet haben. Sie befinden sich in Lebensgefahr, wie wir am Beispiel eines jungen Übersetzers sehen, der sich zwar glücklich schätzen darf, mit in die Bundesrepublik ausreisen zu können. Für seine Familie aber gilt das nicht, auch nicht für seine Mutter, die ebenfalls im Camp arbeitet.

          Blöder Spruch von Margot Käßmann

          Dreitausend Zivilisten, heißt es im Film, sind im vergangenen Jahr in Afghanistan gewaltsam zu Tode gekommen und 4600 Mitglieder der afghanischen Sicherheitskräfte. Doch interessiert das bei uns überhaupt noch jemanden?

          Ashwin Raman leuchtet alle Aspekte aus, die es bei einer solchen Reportage zu beachten gilt. Er spricht mit einem Mann vom Geheimdienst, mit einem Ingenieur, mit einem Straßenhändler und mit dem Deutschen Christoph Klawitter, der seit zwölf Jahren in Afghanistan lebt und arbeitet. In Nuancen mögen sich ihre Geschichten unterscheiden, im Tenor gleichen sie einander: Der blöde Spruch von Margot Käßmann „Nichts ist gut in Afghanistan“ wird der Situation nicht ansatzweise gerecht, doch gibt es auch keinen großen Anlass zur Hoffnung, weil - die Alliierten zu früh abziehen und weil sie zu spät auf die Idee gekommen sind, möglichst viele Afghanen direkt zu unterstützen und einzuspannen, nicht nur in der Armee. Welch chaotischen Haufen diese darstellt, sieht Raman, als er deutsche Ausbilder („Mentoren“) begleitet. „Im Augenblick läuft es nicht einmal eckig“, sagt einer von ihnen. Will heißen: Die Truppe, die den Taliban entgegentreten soll, ist in einem desolaten Zustand, es ist ein „Kommst du heut’ nicht, kommst du morgen auch nicht“ - sechzigtausend Soldaten müssten pro Jahr ersetzt werden.

          Angesichts von drei Milliarden Dollar für zivile Aufbauhilfe allein aus Deutschland „müssten wir eigentlich auf Seidenteppich mit Goldrand Auto fahren“, sagt der Afghanistan-Kenner Klawitter. Doch sind die Straßen mieser denn je, die Bevölkerung vor allem auf dem Land ist bitterarm. Wer nicht muss, fährt nicht mehr in den Süden des Landes, etwa nach Gardez, wo Raman einen alten Bekannten und die letzten verbliebenen amerikanischen Kampftruppen besucht. 418 Gefallene nennt die Gedenktafel in Camp Leatherneck, jetzt wird alles dichtgemacht. Die Taliban werden die Gegend überrennen.

          55 Tote habe die Bundeswehr zu beklagen, sagt Ashwin Raman. Sie seien nicht umsonst gestorben, heiße es von Politikern, welche die Soldaten herschickten. Es spreche viel dafür, dass ihr Abzug zu früh kommt und dass - gemessen an den Versprechungen von Frieden und Sicherheit - dies ein verlorener Krieg sei, „bis auf weiteres“. Ashwin Ramans Film heißt nicht umsonst „Das 13. Jahr. Der verlorene Krieg in Afghanistan“.

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