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„Lotte am Bauhaus“ im Ersten : Sehr artig und sehr hübsch

Auf diese Art lässt sich in einer und einer dreiviertel Stunde eine Menge unterbringen: Der Bogen spannt sich vom Jahr 1921 über den Umzug des Bauhauses nach Dessau bis zu dessen Schließung 1933; ein Ausblick auf die Emigration namhafter (und erfundener) Bauhäusler steht am Ende des Films. Die Kunstschule wird als Bund weltoffener Freigeister gezeichnet. Nur ein Nebensatz, in dem es heißt, dass sich in der Zeit der NS-Diktatur durchaus einige mit dem Regime arrangiert hätten, und eine Nebenfigur in Gestalt eines rechtsnationalen Kommilitonen, der bald freiwillig geht, brechen diese Darstellung.

Walter Gropius - halb Prediger, halb Erkläronkel

Im Zentrum der von Regisseur Gregor Schnitzler inszenierten Geschichte steht sowieso eine Liebesgeschichte. Die Schreinerstochter Lotte, deren Vater sie mit dem Nachfolger im eigenen Betrieb verheiraten will, die aber lieber Künstlerin wäre und leidenschaftlich gerne zeichnet, gerät auf den Straßen Weimars in eine politische Demonstration. Bevor die Schlägerei mit der Polizei losgeht, zieht ein fescher junger Mann sie beherzt in einen Hinterhof. Es ist Paul Seligmann (Noah Saavedra): ein Student am Bauhaus. Er nimmt sie mit in die von Konservativen misstrauisch beäugte Kunstschule, deren Studenten – wie wir eingangs gesehen haben – nackt durch den Wald rennen und sich mit bunten Pigmenten bewerfen. Farbrausch-Festival-Besucher von heute sind da wesentlich schamhafter.

Stichwortgeber: Jörg Hartmann spielt Walter Gropius.

Rasch lernt Lotte echte Bauhäusler kennen: Walter Gropius, als der Jörg Hartmann vor allem die Aufgabe hat – halb Prediger, halb Erkläronkel – zeitgeschichtliche Hintergründe zu referieren; den Farbpriester Johannes Itten (Christoph Letkowski), Josef Albers und seine Partnerin Anni Fleischmann (Ulrich Brandhoff und Marie Hacke) und Friedl Dicker. In deren Rolle zeigt Nina Gummich weniger eine Künstlerin als eine Frau jenseits der üblichen Geschlechternormen, das aber voller Spielfreude und Überzeugungskraft.

Wie schwer es war, sich trotz größter Begabung als Frau durchzusetzen, potentielle Auftraggeber, die nur mit Männern reden, der Zusammenbruch ehelicher und künstlerischer Gleichberechtigung, sobald aus einem Paar eine Familie wird, dazu wesentliche Bauhaus-Projekte und die Bedrohung durch rechte Gewalt, die Paul als Juden besonders trifft: Auf Fernsehfilmformat heruntergebrochen, erzählt „Lotte am Bauhaus“ viel von dem, was jenseits des jugendlichen Überschwangs das Leben und Arbeiten der Erneuerer bestimmte. Aber es bleibt eine Geschichte aus der Retorte, daran können auch die überzeugenden Hauptdarsteller, die glänzende Ausstattung und eine die berühmte Bauhaus-Ästhetik suchende Bildgestaltung (Kamera Christian Stangassinger) nichts ändern. Die dramaturgischen Wendungen sind vorhersehbar, Geigen und Klavier tun ihr Übriges. Alle Erfordernisse des Prime-Time-Fernsehens erfüllend, zeigt „Lotte am Bauhaus“ die Eigenschaften, die Paul an Lottes frühen Zeichnungen belächelt: Der Film ist ein akademisches Werk, „sehr artig“.

Warum nur? Warum wurde hier keine echte Biographie verfilmt und stattdessen die Verdrängung der vielen aus dem Gedächtnis verschwundenen Bauhauskünstlerinnen wiederholt – zugunsten einer Figur, die es nie gab, aber nach den Vorstellungen unserer Zeit hätte geben können? Warum wurde nicht der Lebensweg Friedl Dickers, der 1944 in Auschwitz endete, ins Zentrum gerückt? Entstanden wäre wohl weniger leicht konsumierbare Abendunterhaltung. Aber auch ein Film, der sich gelohnt hätte. So bleibt die Empfehlung, sich unbedingt die begleitende Dokumentation anzuschauen: „Bauhausfrauen“ von Susanne Radelhof läuft gleich im Anschluss an „Lotte im Bauhaus“.

Lotte am Bauhaus, heute, MIttwoch 13. Februar, um 20.15 Uhr im Ersten, Bauhausfrauen im Anschluss daran um 22 Uhr.

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