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„Letzte Ausfahrt Sauerland“ : Das Zauberland hat keinen Trauerrand

  • -Aktualisiert am

Horst Kierspe (Heiner Lauterbach) verbrennt Zeugnisse seiner Vergangenheit. Bild: ARD Degeto/Frank Dicks

Auf einen Joint mit Opa Horst: „Letzte Ausfahrt Sauerland“ zeigt einen Mann auf der Suche nach dem Happy End. Dabei schreckt der Film nicht vor dramaturgischen Kalauern zurück.

          2 Min.

          Ein Film, der mit Richard Hawleys melancholisch hingezupftem „I Sleep Alone“ beginnt, kann gar nicht ganz schlecht sein. Und er ist es auch nicht, obgleich schon die erste Szene den großen schwarzen Vogel, der sich da musikalisch in die Lüfte erhebt – „Sleeping below the darkest thoughts of man“ – gnadenlos herunterballert. Dabei schießt der unrasierte Heiner Lauterbach, der den knurrigen und natürlich allerhöchstliebenswürdigen Feld-Wald-und-Wiesen-Kauz Horst Kierspe spielt, eigentlich nur in die Luft, um als Eins-a-Menschenfeind das lächerlich behelmte Mountainbike-Geschmeiß aus seinem Wäldchen am Möhnesee zu vertreiben.

          Schon kommt ein zweiter unrasierter Aussteiger angewumpert, das gutmütige Onkelchen Johann (Friedrich von Thun), und tüddelt auf den Polternden ein. Die Muppet-Opas im Sauerland. Da klatscht uns die Enkel-Stimme aus dem Off unverhofft den Plot hin: „Was, wenn das alles anders gekommen wäre, damals vor dreißig Jahren? Ausgerechnet an seinem Geburtstag die eigene Frau zu verlieren.“ Nach dem tragischen Unfall flüchtete Horst in den Alkohol. Die kleine Tochter wuchs bei den Großeltern auf, ein Trauma bis heute. Und so, wie sich der Eigenbrötler noch während des Vorspanns die Seele aus dem Leib hustet, weiß man: Es ist höchste Zeit, reinen Tisch zu machen.

          Tränendrüsenwringender Umweg in die Vergangenheit

          Es geht also um die letzte Reise, die mit einem Umweg in die Vergangenheit beginnt, den eigenen Fehlern auf der Spur, aber auch den letzten Momenten, in denen man sorglos glücklich war. Echte Melancholie ist nach dem Klischee-Einstieg aber kaum noch möglich, nur ihr Degeto-Pendant, das jeden wirklichen Schmerz mit knuffigem Humor und hemmungslosem Kitsch abmildert: eine seniorentellermäßig pürierte Version von Alexander Paynes Roadmovie „About Schmidt“ sozusagen. Regisseur Nikolai Müllerschöns Sauerland aber hat keinen Trauerrand, im Gegenteil: Es glüht uns neunzig Minuten lang sonnengeküsst entgegen, überbelichtet und gelb-rot-verschoben wie jene alten Farbfotos, die später eine gewisse Rolle spielen, nämlich dreißig Jahre lang in einer Keksdose begraben waren und jetzt, versöhnt mit dem Fatum, bedeutungsschwer ausgebuddelt werden.

          Auch sonst wirkt das Drehbuch von Mathias Lösel und Markus B. Altmeyer geradezu grobschlächtig. Alle, wirklich alle dramaturgischen Kalauer sind eingebaut: Die sonnenbebrillten Opis und der schnell zum Verbündeten werdende Enkel Elyas (Emilio Sakraya Moutaoukkil) kapern ausgerechnet einen Leichenwagen und schlafen nachts, schon einmal Probe liegend, im mitentführten Sarg. Mit Urne unter dem Arm sucht Horst ein Bordell auf und beichtet der „Soll ich dir mal mein Döschen zeigen“-Professionellen sein Leben. Die Polizei guckt ständig dumm aus der Wäsche. Den siebzehnjährigen Enkel lehrt der Großvater mit Hilfe von Marihuana, Bier und führerscheinlosem Autofahren, was Freiheit bedeutet, nämlich Selbstbestimmung. Da will der Bub gleich gar nicht mehr zum „Vorstellungsgespräch für sein Stipendium“, dem laut seiner Mutter „wichtigsten Termin in seinem Leben“ (für zwei Auslandssemester in Singapur). Das ist in beide Richtungen – als Problem wie als Lösung – dermaßen plump und unglaubwürdig, dass man lieber auf die weiterhin schöne Musik hört, auch wenn Müllerschön selbst hier noch einen Sauerland-Kalauer einzubauen weiß mit Rio Reisers „Zauberland ist abgebrannt“.

          Wie schade die Gefälligkeit der Handlung ist, zeigt sich, wenn zwischen den Rührseligkeiten kurz wahrhaft berührende Momente aufscheinen. Einmal etwa schießt der sonst so Abgeklärte, von Todesangst gepackt, eine Vogelscheuche in Stücke, nur um dem Enkel zu zeigen, wie sinnlos dessen „Du musst dich deinem Gegner stellen“-Sentenzen sind. Dass ein Film von Müllerschön („Der Rote Baron“) nicht die Behutsamkeit der ganz ähnlich gelagerten Tragikomödien Rainer Kaufmanns oder gar die Radikalität von Andreas Dresens „Halt auf freier Strecke“ haben würde, war abzusehen. Aber es hätte dem Film gut angestanden, wenigstens die Kompositionsweise von Dresens Auseinandersetzung mit der Horrordiagnose „Tumor, unheilbar“ zu übernehmen, nämlich auf ein Skript zu verzichten und die Schauspieler die Dialoge improvisieren zu lassen. Dann hätte mehr als kurzweilige Unterhaltung mit altklugen Moraleinsprengseln und etwas Tränendrüsenwringen herauskommen können.

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