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„Klassentreffen“ im Ersten : Was aus uns geworden ist

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Sind nicht mehr so jung wieder zusammengekommen: Harald (Christian Kahrmann), Ali Nasser (Kida Khodr Ramadan) und Sven (Fabian Hinrichs) Bild: WDR

„Klassentreffen“, Jan Georg Schüttes dritter Streich, bezaubert als tief authentischer Film über das Dahinstraucheln der Generation Sorglos. Und das ganz ohne Drehbuch.

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          Schauspieler sind die Nutztiere der Unterhaltungsindustrie. Es hat gedauert, bis jemand auf die Idee kam, statt auf immer engere Käfige auf artgerechte Haltung zu setzen. Jan Georg Schütte führt seit einigen Jahren hierzulande quasi im Alleingang die neue Bio-Norm des Fernsehens ein, scheucht Schauspieler auf eine Wiese, auf der sie herumtollen dürfen. Und siehe da: Sie geben Milch und legen Eier in einer Fülle, wie das ein konventioneller Drehbuchbauer kaum zu wünschen wagen würde. Was die anhand von Rollenprofilen und eigenen Erfahrungen fröhlich improvisierenden Akteure auch tun, es hat eine so ergreifend echte Anmutung und einen so tief aus dem Inneren kommenden Witz, dass man süchtig danach werden kann.

          Nach „Altersglühen“ und „Wellness für Paare“ ist „Klassentreffen“, das ein fiktives Zusammentreffen siebzehn ehemaliger Mitschüler nach 25 Jahren darstellt, bereits die dritte große Produktion Schüttes für den WDR, die ohne Drehbuch und ohne Zentralprotagonisten auskommt. Dafür wurde gegenüber den früheren Filmen noch einmal der Aufwand erhöht: 32 Kameras, die von 24 Kameraleuten bedient wurden, haben das Geschehen, das nicht in Einzelszenen, sondern am Stück und in Echtzeit von knapp vier Stunden gedreht wurde, in all seinen unvorhersehbaren Wendungen eingefangen. Im Schnittraum entstand dann aus 130 Stunden Material ein multiperspektivisches Tableau über das Älterwerden einer Generation, die beneidenswert sorglos aufgewachsen und dann ein wenig ziellos vorwärtsgestolpert ist. Wie bei jedem Klassentreffen zeigt sich auch hier bald, dass sich niemand wirklich verändert hat, dass wenige Stunden reichen, um wieder komplett in die alten – und einigen verhassten – Muster zurückzufallen. Niemand geht wohl so schonungslos miteinander um wie ehemalige Mitschüler.

          Krischi, zum allgemeinen Schrecken, eine tumbe deutsche Eiche

          All diese Typen, die wir sehen, gibt es tatsächlich: den Aufsteiger Sven (Fabian Hinrichs), in Amerika reich gewordener Jurist, der sich bis heute ärgert, dass seine Mitschüler ihn für seine Überheblichkeit geschnitten haben; die gutmütige Klassenglucke Gesa (Annette Frier), die den leisetreterischen Klassenkameraden Thorsten (Oliver Wnuk) geheiratet und mit ihm nun das Treffen organisiert hat; die eher verkrachten Existenzen (Aurel Manthei; Marek Harloff), die immer noch ihren Schulsehnsüchten nachhängen; den schüchternen Langweiler Stefan (Björn Jung), der nicht einmal Spaß an übler Nachrede findet, wenn ihn die schlagfertigste Lästerbraut (Elena Uhlig) dazu einlädt; das fröhliche Luder (Anna Schudt), das vom Mythos seines Sex-Appeals lebt, oder die beste Freundin (Nina Kunzendorf), mit der sich bruchlos da weitermachen lässt, wo man sich vor Jahrzehnten aus den Augen verlor. Selbst die Käseigel-Atmosphäre in der abgerockten Hürther Kegelbahnkneipe, in der die Zurückgebeamten zu Snap und Sinéad O’Connor tanzen, ist so greifbar, dass man den Geschmack von Wodka-Energy oder Batida de irgendwas auf den Lippen zu spüren meint.

          Jan Georg Schütte selbst gibt den Wirt, Burghart Klaußner den kaum gealterten, immer noch unbeliebten Lehrer. Flotte Sprüche steuert neben Schudt und Uhlig vor allem Kida Khodr Ramadan bei, der wohl noch im „4 Blocks“- Modus seine Figur Ali als geldbündelzückenden Angeber mit gutem Herzen ausgestaltet hat. Seine liebevolle Böswilligkeit setzt den Ton. Am schwersten darzustellen war vielleicht die Rolle des einst pikanterweise auch von Männern wie Ali und Uli (Guido Renner) umschwärmten Krischi, der inzwischen zum allgemeinen Schrecken eine tumbe deutsche Eiche in Wollweste geworden ist, sich dann aber zumindest für seine unerfüllte Jugendliebe (Anja Kling) mehr als offen und äußerst verletzlich zeigt: Charly Hübner geht dabei in die Vollen.

          Gut, vielleicht ist es etwas viel Dramatik für ein Klassentreffen, weil jeder der von den Improvisateuren selbst ausgestalteten Stränge, die nicht alle gleich stark geworden sind, wohl einen eigenen emotionalen Höhepunkt besitzen sollte. Wir sehen Zusammenbrüche, Läuterungen, Geständnisse und überraschende Eröffnungen. Die dahinterliegenden Gefühle, Haltungen und Fragen – meidet, bekehrt oder akzeptiert man den nach rechts Abgedrifteten? Belächelt oder umarmt man die leicht verrückt gewordene Klassenkameradin (Jeanette Hain)? – wirken aber allesamt echt. Wenn Schütte seine Filme in diesem Tempo weiterentwickelt, muss die Konkurrenz aufpassen. Es zeigt sich vor allem, wie überragend unsere Top-Schauspieler tatsächlich sind, wenn man sie lässt: So dicht, komisch und tragisch wirken Begegnungen im Fernsehen nur selten. Wer sich nun wünscht, dass aus diesem Projekt eine Serie geworden wäre, für den hat der WDR noch eine Überraschung parat, denn tatsächlich wurde aus dem Material, das sicher noch viele Perlen beinhaltet, zusätzlich ein Sechsteiler geschnitten, der am Freitag ab 21 Uhr auf One ausgestrahlt wird: an einem Stück, wie es sich in diesem Fall geziemt.

          Klassentreffen läuft heute um 20.15 Uhr im Ersten.

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