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ARD-Film „In den besten Jahren“ : Seit seinem Tod steht ihre Welt still

Mit dem liebenswert kauzigen Elektrohändler Karl (Matthias Brandt) fährt Erika Welves (Senta Berger) auf der Suche nach dem Mörder ihres Mannes nach Holland Bild: WDR/Thomas Kost

Der Film „In den besten Jahren“ ist nicht unproblematisch, gleichwohl sehenswert: Senta Berger spielt eine Polizistenwitwe, deren Mann von der RAF erschossen wurde.

          Die Fernsehsender verschicken für all jene Produktionen, die ihnen einigermaßen wichtig sind, bereits Wochen vor der jeweiligen Ausstrahlung Pressehefte an Programmzeitschriften und Zeitungsredaktionen. Diese oft aufwendig gestalteten Hochglanzbroschüren, in denen sich Information mit Selbstreklame mischt, bekommen die Zuschauer nie zu Gesicht. In den meisten Fällen ist das kein Verlust - im Fall des Fernsehfilms „In den besten Jahren“, den das Erste heute ausstrahlt, allerdings schon. Denn im Programmheft gibt die Hauptdarstellerin Senta Berger ein ganz und gar außergewöhnliches Interview.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Senta Berger spielt Erika Welves, die Witwe eines Streifenpolizisten (Matthias Koeberlin), der, so will es das Drehbuch des Autors und Regisseurs Hartmut Schoen, zu Anfang der siebziger Jahre von einem RAF-Terroristen bei einer Personenkontrolle kaltblütig erschossen wird. Den Mord auf der Landstraße zeigt eine der ersten Szenen des Films in der Rückblende, die Haupthandlung ist hier und heute angesiedelt.

          Unsere Gegenwart aber ist auch gut vierzig Jahre nach der Tat für die Witwe Welves unerträglich und irreal, endete ihre ureigene Aktualität doch in jenem Augenblick, als sie die Todesnachricht erhielt. Seither steht die Zeit für sie still, obwohl sie noch eine Weile als Kindergärtnerin arbeitete und eine Tochter großzog. Auch ihre Wohnung harrt als düsteres Stillleben der siebziger Jahre.

          Frau Welves ist eine Altersgenossin der 1941 geborenen Senta Berger, zugleich jedoch eine Frau, deren Lebensstil und Lebenserfahrung, deren Alltag und soziale Herkunft Welten von der Welt ihrer Darstellerin trennen. Nun hat Senta Berger nicht zuletzt in dem preisgekrönten Fernsehspiel „Frau Böhm sagt Nein“ (2009) bewiesen, dass sie solche Entfernungen zwischen Rolle und Realität beflügeln. Im Fall der Vorstandssekretärin Böhm musste sie sich ein fremdes Milieu anverwandeln, bei Erika Welves kommt zur sozialen Differenz noch etwas Entscheidendes hinzu: die komplett entgegengesetzte Weltsicht.

          In Trauer erstarrt: Erika Welves (Senta Berger) vor dem Gedenkstein ihres Mannes

          Dieser Unterschied macht das Gespräch im Presseheft so aufschlussreich. Senta Berger nennt sich eine „68erin“, sie erzählt von den nächtelangen Diskussionen im Haus ihres Schwiegervaters Paul Verhoeven „über das Attentat auf Rudi Dutschke, die mögliche Teilschuld der aggressiven Springerpresse und die mörderischen Taten der RAF“, die in ihrer ersten Phase aber auch Ziele formuliert habe, die „zum großen Teil“ auch „diejenigen meiner Generation“ gewesen seien.

          Und sie bekennt, dass sie sich um „das Schicksal der sogenannten kleinen Leute“, die „der RAF zum Opfer“ fielen, „nur am Rande“ gekümmert habe: „Wir kannten keinen Lebensweg, keine Lebenssituation der Ermordeten.“ Auf dieses „Wir“ kommt hier alles an, denn in der Tat spricht Senta Berger - sehr zu Recht - nicht nur für sich. Die Aufrichtigkeit, mit der sie sich vier Jahrzehnte später zu ihrer damaligen Sicht der Dinge äußert, ist überaus bemerkenswert und eindrucksvoll.

          Ein Opfer des Zeugenschutzprogramms

          Nun stellt sie ein Opfer der einstigen Verhältnisse dar, eine wortkarge Frau, „die sich kaum erklären kann“. Die aber auch nie über eine Katastrophe hinwegkam, die sie unverschuldet ereilte, und die erleben muss, dass der Mörder ihres Mannes als Kronzeuge gegen seine ehemaligen Kumpane Haftverschonung und eine neue Identität erhält - ungefähres Vorbild für den Terroristen des Films ist jener aller Wahrscheinlichkeit nach bis heute unter anderem Namen lebende Gerhard Müller, der 1971 in Hamburg den ersten Polizistenmord der RAF beging, nach seiner Festnahme gegen Andreas Baader und Gudrun Ensslin aussagte und dafür ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen wurde, den juristischen Vorläufer der Kronzeugenregelung.

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