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„Die Freundin meiner Mutter“ : Hier ist alles in flagranti

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Mutterglück: Antje Traue (links) und Katja Flint in „Die Freundin meiner Mutter“. Bild: NDR/Mark Monheim

Bei der ARD läuft heute Abend Bildungsfernsehen mit Wohlfühlfaktor. Das macht den Film „Die Freundin meiner Mutter“ schwer erträglich.

          Bildungsfernsehen erkennt man an Sätzen wie diesen: „Proust war ein französischer Schriftsteller, ist allerdings schon seit 1922 tot. Hat jahrelang krank im Bett gelegen und dabei ein Buch geschrieben mit mehr als fünftausend Seiten, das heute als absolutes Meisterwerk gilt.“ Das Gegenteil von Bildungsfernsehen wartet mit solchen Neckereien auf: „Kennen Sie eigentlich den ältesten Witz zum Thema Samenspende? Sagt die Arzthelferin zum Spender: ‚Schön, dass Sie gekommen sind.‘“ Im Mittwochsfilm der ARD „Die Freundin meiner Mutter“ fällt beides zusammen, Häppchenwissen des Volkshochschulkurses zu moderner Literatur und Peinlichkeiten aus dem Unterleibsbereich.

          Schon die Eingangssequenz setzt den Ton. Da ist ein französisches Au-pair-Mädchen namens – Proust-Kenner aufgepasst – Madeleine. Es trägt Hotpants zu einem roten Bikinioberteil und lässt sich durch laut vorgelesene, offenbar aphrodisierende Passagen aus der „Suche nach der verlorenen Zeit“ (Band vier: „Sodom und Gomorrha“) in Ekstase bringen. Wer liest vor? Viktoria (Katja Flint). Wer erwischt die beiden Frauen in flagranti? Deren Sohn, der kleine Jan. Wem wird bei der Erinnerung an diese Szene auch Jahre später noch blümerant? Dem großen Jan (Max Riemelt). Sein Vater Dieter (Ernst Stötzner) übernimmt derweil die Rolle des abgeklärten Sidekicks, der mit dem Sohn Fußball guckt und vor der Ehe warnt, die „jede sexuelle Energie abtötet“.

          Jan ist Mitglied der Proust-Gesellschaft, Inhaber einer schlecht laufenden Buchhandlung namens Combray (die Anspielungen sind Legion) und, wie sein Lieblingsautor, auf der Suche – allerdings nach der perfekten Frau. Dass er sie in seiner Mitbewohnerin Hannah (Jasna Fritzi Bauer) längst gefunden hat, erkennt er erst am Ende dieser nach SchemaF gestrickten romantischen Komödie. Bis dahin gilt es, einige Zumutungen auszuhalten. Zum Beispiel bitten ihn seine Mutter und deren Partnerin Rosalie (Antje Traue), in die er übrigens genauso verliebt ist wie damals in Madeleine, um einen delikaten Gefallen. Er soll der Samenspender ihres gemeinsamen Kindes werden, was ihn zu Vater und Bruder in Personalunion machte.

          Aus dieser verquasten Prämisse könnte ein Regie-Virtuose wie etwa Rudolf Thome ein federleichtes Kunstwerk schaffen. Mark Monheim dagegen schickt seine Darsteller in die Hölle der Geschlechter-Klischees – und lässt sie dort wie im Regen stehen. Ihr Talent und Charisma behandelt er wie Geheimnisse, von denen der Zuschauer auf keinen Fall etwas erfahren darf.

          Das Drehbuch haben Martin Rehbock, Philip Voges und Kirsten Peters zusammengeschustert. In einem fort legen sie den Figuren Gesinnungspostulate und Anzüglichkeitsaphorismen in den Mund: „Wir verlieben uns doch nicht in Genitalien, wir verlieben uns in Menschen“, „Rasenmähen ist der Sex des alten Mannes“, „mein Samen gehört mir“. Derartigen Dialogunrat fangen auch nicht die vielen, wie Fremdkörper in den Film gestreuten Proust-Zitate auf. Kostprobe: „Ein jeder nennt die Gedanken klar, die den gleichen Grad der Konfusion haben wie seine eigenen.“

          Konfusion dürfte sich auch beim Zuschauer einstellen, befindet er sich doch laufend auf der Suche nach dem verlorenen Maß. Hier ist alles formelhaft, schrill oder liebreizend. Gespräche über Bienchen und Blumen wechseln sich ab mit vulgären Ausfällen und Smalltalk über die Möglichkeit einer Freundschaft zwischen Frau und Mann. Hinzu kommt der Umstand, dass sich die Bilder nicht der Handlung fügen, sondern losgelöst und eigenständig wirken (Kamera Jana Lämmerer): die Elbphilharmonie und der Hafen, fußballspielende Kinder am Strand und Jan auf der Vespa. Das davon ausgehende und für deutsche Liebesfilme symptomatische Kuschelfluidum packt auch die heiklen Aspekte des Plots in Watte. Obwohl fast das ganze Personal einsam, traurig oder verletzt ist, sagt die Ästhetik: Schau, was für eine behagliche und anheimelnde Welt! Symbolisch dafür steht Jans Kinderzimmer. CD-Ständer, Teddy, Skateboard und Kassetten. An der Wand ein Bild von Alf und Poster von Tocotronic, Blumfeld und den Sternen. Was hätte der Erzähler in Prousts Roman für ein so hübsches und jederzeit verfügbares Fenster in eine längst vergangene Zeit gegeben?

          Die Freundin meiner Mutter, heute, Mittwoch 13. März, um 20.15 in der ARD.

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