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„Die dunkle Seite des Mondes“ : Vom Wald besessen

  • -Aktualisiert am

Haufenweise von der Aufklärung verdrängter Unrat: Urs Blank (Moritz Bleibtreu) sucht im Wald Linderung für seine verletzte Seele. Bild: SWR/AlamodeFilm/Felix Cramer

Yuppies auf Drogen: Der ARD-Film „Die dunkle Seite des Mondes“ zeichnet nach, wie ein Mann zur Bestie wird – Schwarzweißmalerei und Buzzword-Bingo inklusive.

          2 Min.

          Wer den Wald betritt, sollte auf der Hut sein. So jedenfalls sahen das schon Caesar, Plinius und Tacitus, die ihre fortschrittlichen Städte als Gegenteil der düsteren Haine Mitteleuropas feierten. Die Brüder Grimm verschärften diese Vorstellung, indem sie weniger auf Waldeinsamkeit denn auf Waldgrausamkeit setzten. Stellvertretend dafür mag die Geschichte vom Rotkäppchen stehen, immerhin wartet sie mit der Überbestie schlechthin auf, dem bösen Wolf. Er lässt sich auch in Stephan Ricks Verfilmung von Martin Suters Roman „Die dunkle Seite des Mondes“ blicken, wird dort allerdings gleich zu Beginn von einem Jäger über den Haufen geschossen. Ist das schlimmste Monster, fragt diese Einleitung, doch der Mensch?

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Hier kommt Urs Blank ins Spiel. Der von Moritz Bleibtreu verkörperte Wirtschaftsanwalt verfügt über alle Laster und Tugenden, die man seinen Berufsgenossen gemeinhin unterstellt: Effizienz und Chuzpe, Kälte und Konsequenz. Das Revier, in dem er umherstreift und seinen Aufgaben nachgeht – „Fusionen und so’n Kram“ – ist die in Stahlblau gehaltene Frankfurter Geschäftswelt: aseptische Interieurs, maßgeschneiderte Anzüge, Typen zwischen Hochleistung und Zwielicht, deren Gespräche zum Buzzword-Bingo einladen: „Haben Sie Vertrauen, wir sind gut aufgestellt.“

          Egotrip, Drogentrip, Horrortrip

          Während Suters Vorlage (2000) die Sache differenziert angeht, wollen Drehbuch (Catharina Junk und Stephan Rick) und Kamera (Felix Cramer und Stefan Ciupek) ausschließlich zuspitzen, um zu entlarven. Doch schafft dies keine feinfühlige Annäherung an unterschiedliche Milieus, sondern Schwarzweißmalerei: Blank unterstützt zwei Pharmakonzerne beim Zusammenschluss; es wird gehobelt, es fallen Späne. Als sich der Verlierer der Verhandlungen erschießt, gerät Blank in eine Sinnkrise. Er, der verheiratete Schlipsträger, taumelt durch den Wald und trifft dort die hippiehaft sorglose Lucille (Nora Waldstätten). Die Gegensätze ziehen sich erst an, dann aus. Schließlich überredet sie ihn, halluzinogene Pilze zu essen, was gut losgeht, aber übel endet.

          Der bis zu diesem Punkt zurückgelegte Dreischritt: Egotrip, Drogentrip, Horrortrip. Von nun an haspelt der Film seine Kontraste unbekümmert herunter: Hier „City“, dort Wald; hier Technokraten, dort Blumenkinder; hier Blanks disziplinierte Ehefrau (Doris Schretzmayer), dort seine enthemmte Geliebte. Nach dem Pilzgelage verändert sich die Persönlichkeit des Protagonisten, und schiere Affekte übernehmen die Regie. Schließlich wird Pius Ott (Jürgen Prochnow) als sein Mandant und Gegenspieler eingeführt. Er ist ein kalter, berechnender Widerling, kann den inneren Schweinehund aber an der kurzen Leine halten.

          Wilde Tiere unter sich

          Als Mark Twain sagte, jeder sei ein Mond und habe eine dunkle Seite, die er niemandem zeige, hat er die Rechnung ohne Urs Blank gemacht. Der nämlich macht aus seinen stockdunklen Facetten keinen Hehl, er flucht in Tourette-Manier, schlägt zu und tötet – immer eine Spur zu nah am „Overacting“. Bleibtreu lässt die Kiefer mahlen, Lippen flattern, und Augen starren. Alles zu intensiv, um als kunstgerecht durchzugehen, jedoch genau richtig, um die nicht versiegende Kraftquelle der Handlung zu bilden. Neben diesem Psychogramm der Hauptfigur bleibt der Wirtschaftskrimi, der auch Teil der Geschichte ist, nur eine Fußnote.

          Insgesamt scheint sich der Plot an einem Satz aus Suters Vorlage zu orientieren: „Es existiert nur eine einzige Wirklichkeit: Urs Blank.“ Dessen Verwandlung zum Waldmenschen zeichnet der Roman minutiös, der Film allerdings nur grobkörnig nach. Dafür lässt Stephan Rick den Helden zwischen hessischen Eichen die Besinnung verlieren, nicht zwischen schweizerischen Fichten. Das ergibt Sinn, denn seit Romantiker wie Ludwig Tieck und E.T.A. Hoffmann den Wald für sich entdeckt haben, ist er der Raum, in dem sich allerlei archaischer, von der Aufklärung verdrängter Unrat sammelt. Am Ende des Films taucht ein weiterer Wolf auf, der mit Urs – vom lateinischen „ursus“, Bär – zu kommunizieren scheint. Zwei wilde Tiere unter sich. Doch dann erscheint wieder der Jäger, zu allem bereit, Finger am Abzug.

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