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ARD-Film „Am Himmel der Tag“ : Schweben, weil der Aufprall tötet

  • -Aktualisiert am

Weich gefallen: Lara (Aylin Tezel) und Elvar (Tómas Lemarquis) in „Am Himmel der Tag“ Bild: rbb/ALINFilmproduktion/Juan Sarm

Gutes Fernsehspiel ist möglich: Das Erste zeigt mit dem Spielfilmdebüt „Am Himmel der Tag“ das Porträt einer Generation und eine echte Alternative für alle, die keine Lust auf die Fußball-WM haben.

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          Gibt es eigentlich auch noch ein Fernsehleben neben dem Fußball? Ja, durchaus. Man wird in den kommenden Wochen ein wenig suchen müssen, bis man einen Sender findet, der sich mit anderem als der Weltmeisterschaft in Brasilien beschäftigt, aber die Suche lohnt sich. Denn wie schon in den vergangenen Jahren zeigt die ARD auch in diesem Sommer eine Reihe von Spielfilmdebüts, die zuvor nur auf Festivals oder in kleinen Kinos zu sehen waren. Nicht alle, aber die meisten dieser Filme stammen von Regisseuren, die in ihren Berufen als jung gelten, also von Menschen, die in den achtziger Jahren geboren wurden. Und das bleibt natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die Geschichten, die hier erzählt werden.

          Lena Bopp
          (lbo.), Feuilleton

          Die in Berlin aufgewachsene Pola Beck, Jahrgang 1982, beschäftigt sich in ihrem Film beispielsweise mit einer Frage, mit der sich so gut wie alle Menschen ihres Alters irgendwann auseinandersetzen - nämlich der nach den Charakteristika ihrer eigenen Generation: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wo können, sollen, dürfen, müssen wir hin? Dass Becks Altersgenossen darauf so viele Antworten geben können wie vermutlich keine andere Generation vor ihnen, macht die Sache nicht leichter. Andererseits stellen natürlich gerade diese Unsicherheiten einen Boden dar, auf dem wunderbare kleine Kunstwerke gedeihen können.

          Geburtstagsständchen direkt aus der Hölle

          „Am Himmel der Tag“ (Buch: Burkhardt Wunderlich) ist denn auch ein Film, der von dieser existentiellen Verunsicherung tief durchdrungen ist und sich nur tastend an sein Sujet heranwagt. Man sieht Bilder einer Großstadt, schwach flackernde Lichter in der Nacht, knutschende Frauen und ratlos über Papiere gebeugte Studentinnen, die den Anblick des Hinterns ihres Dozenten dankbar zum Anlass für einen hysterischen Lachanfall nehmen, wie man das aus Schulzeiten kennt. Lara (Aylin Tezel) und Nora (Henrike von Kuick) sind beste Freundinnen.

          Lara (Aylin Tezel, re.) und Nora (Henrike von Kuick), hier auf dem Heimweg von einer Clubnacht, teilen alles.
          Lara (Aylin Tezel, re.) und Nora (Henrike von Kuick), hier auf dem Heimweg von einer Clubnacht, teilen alles. : Bild: rbb/ALINFilmproduktion/Juan Sarm

          Sie teilen alles, vor allem diese schwere Zeit, in der sie sich oft so sehr als Mädchen geben, dass sie vor Mädchenhaftigkeit kaum auszuhalten sind - besonders die Schauspielerin Aylin Tezel, Jahrgang 1983, beherrscht den Augenaufschlag der Unschuld, der, gepaart mit einem unsicheren Lächeln, eine scharfe Waffe sein kann, perfekt. Aber die beiden teilen auch die Sehnsucht nach etwas, das mehr Substanz hat als ein Bier an der Bar. Da kommen, so paradox es klingt, der One-Night-Stand auf der Disko-Toilette und Laras anschließender Besuch bei der Frauenärztin gerade recht: schwanger in der fünften Woche. Und Lara entscheidet: Sie will das Kind.

          Warum, kann sie nicht sagen, aber es ist auch nicht so wichtig. Denn diese Wendung ist ein Segen für den Film, der sich innerhalb weniger Szenen von einer Mädchen-werden-erwachsen-Klamotte in ein Drama der nicht minder klassischen Art verwandelt. Denn nachdem sie vom Kindsvater erfahren hat, dass sein biologisches Erbmaterial durchaus brauchbar ist („Wie heißt du eigentlich? Und hast du eigentlich irgendwie so Erbkrankheiten in der Familie?“), dauert es nur ein paar Monate, bis das Schicksal wieder zuschlägt und das Kind in Laras Bauch stirbt. Fortan sehen wir ihr dabei zu, wie sie ihren mühsam erworbenen Halt verliert, und so anrührend aus allen Wolken gefallen wie Aylin Tezel ist in dieser Rolle schon lange keine mehr: Wie sie die Füße auf dem Sofa einzieht, als das Telefon klingelt; wie sie sich unter dem Packpapier des angelieferten Kinderbettes verbirgt; wie sie auf der Geburtstagsparty des Vaters das Ständchen der Verwandten anhört, die von allen Geburtstagsliedern, die es überflüssigerweise gibt, ausgerechnet jenes anstimmen, das direkt aus der Hölle kommt („Wie schön, dass du geboren bist“) - das sind Augenblicke, in denen Aylin Tezel das Fallen in ihrem Spiel in ein Schweben verwandelt, weil sie spürt, dass ihre Figur den Aufprall sonst nicht überleben würde. So werden ihre Schreie stumm, ihre Gesten sparsam und ihre Augen immer dunkler umrandet.

          Dieses Schweben vermag aber nicht nur die Hauptdarstellerin zu trösten (und sogar zu retten), es trägt den ganzen Film. Denn der macht sich Laras Reaktion zu eigen und entlässt seine Heldinnen in dieselbe Offenheit, in der er sie vorgefunden hat. Und das ist sehr gut so.

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