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ARD-Fernsehfilm : Auf eigene Rechnung

  • -Aktualisiert am

Die Zeit läuft: Beate (Steffi Kühnert) bekommt eine beunruhigende Diagnose. Bild: dpa

Einmal noch will sie durch den Ärmelkanal schwimmen. Sie will sich nicht mehr für andere aufopfern. Sie befreit sich selbst: Steffi Kühnert ist „Die Frau, die sich traut“.

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          Gibt es eigentlich ein Gewohnheitsrecht in Sachen Betüddelung? Man kennt sie, die Vollgasmütter, die irgendwann Großmütter werden, aber weiterhin alles im Griff haben: Waschen, kochen, organisieren, Enkel betreuen und nebenbei noch Geld verdienen. Da darf der Nachwuchs es sich bequem machen im Nest. Dermaßen unterfordert, hat er jedoch viel Zeit, stacheligen Undank zu kultivieren. Wenn dann noch die Rundumverwöhnung stockt, fliegen die Fetzen, hagelt es absurde Vorwürfe: „Ich verstehe, dass du was für dich tun willst, Mutti“, schnauzt die alleinerziehende Langzeitstudentin Rike Krüger (Christina Hecke) ihre Mutter an: „Aber warum denn ausgerechnet jetzt auf meine Kosten?“ Die Tochter spricht hier freilich über die Einnahmenseite.

          So bleibt die Angeraunzte, die der verdutzten Brut verkündet hat, durch den Ärmelkanal schwimmen zu wollen, denn auch eisern. Steffi Kühnert spielt die ehemalige, nicht mehr junge, aber auch nicht alte Profischwimmerin Beate Krüger höchst überzeugend, macht allein durch detailreiche Mimik deutlich, wie die tief eingefurchte Resignation allmählich der Entschlossenheit weicht. Für den schluffigen Sohn Alex (Steve Windolf), der samt schwangerer, zickiger Freundin noch im Elternhaus lebt, bedeutet der mütterliche Entschluss, mit knapp fünfzig Jahren den einst der Kinder wegen aufgegebenen Traum doch noch zu verwirklichen, dass er nicht mehr auf Beates Rücklagen zugreifen kann, um sie, typisch Sohn, in einen mehr protzenden als fahrenden Untersatz zu verwandeln: „Diese ganze Schwimmerei, dieser ganze Müll, ich kann’s nicht mehr hören.“

          Fernsehtrailer : „Die Frau, die sich traut“

          Was Beate zu ihrem Sinneswandel getrieben hat, ist – leider – eine lange vor den Angehörigen verheimlichte Krebsdiagnose. Damit rutscht das sensible Familienporträt in der Regie von Marc Rensing, das kluge Fragen nach dem Verhältnis von Lebensglück und Aufopferung, von Verantwortung und Selbstvernachlässigung stellt, in ein vielfach ausbuchstabiertes Genre hinein, was gar nicht nötig gewesen wäre. Mit „Krebsdrama“ oder „Todgeweihte Heldin will es noch einmal wissen“ ist dieser ungewöhnlich leise, hintergründige Film jedenfalls nur unzureichend erfasst. Was ihn auszeichnet, sind vielmehr aus der Enge kommende, sich in die Ferne öffnende Bilder – das weite Meer als Sehnsuchtsort, Flucht und Ziel zugleich – sowie authentische, nie überzeichnete Dialoge.

          Das hat mit nacktem Egoismus wenig zu tun

          Es wird auch nicht einfach eine Allegorie auf den Kampf gegen die Krankheit geboten, im Gegenteil: Die Heldin akzeptiert den Krebs, begreift ihn als ultimative Aufforderung, die restliche Lebenszeit für die Selbstverwirklichung zu nutzen. Mehr hat der Krebs hier nicht zu melden. Trotz aller Schwächen – in Einzelszenen oft zu symbolträchtig, in der Gesamtanlage wiederum zu konventionell – kann das Drehbuch von Rensing und Annette Friedmann glaubhaft zeigen, dass solche Sorge um sich selbst mit nacktem Egoismus wenig zu tun hat, sondern letztlich allen nutzt. Schließlich geht es nicht darum, mit der Diagnose im Rücken zum Drogenbaron aufzusteigen. „Breaking Even“ müsste man im Englischen wohl eher sagen, den Punkt erreichen, an dem sich Geben und Nehmen ausgleichen.

          Während Henni (Jenny Schily) sich mit jüngeren Männern vergnügt, hat Beate ein Ziel.
          Während Henni (Jenny Schily) sich mit jüngeren Männern vergnügt, hat Beate ein Ziel. : Bild: SWR/ZumGoldenenLamm

          Es ist in erster Linie das ausgezeichnete Spiel Steffi Kühnerts, für das sich das Einschalten lohnt. Wie sich die Heldin zu Beginn für die Familie aufreibt, wie sie unablässig wäscht und schrubbt – in der Großwäscherei ebenso wie zu Hause –, als gelte es, alle Eintrübungen des Glücks zu beseitigen, wie sie aber auch dem Sohn den längst überfälligen Auszug auszureden versucht, das zeigt einen Menschen, der etwas konservieren möchte, was nicht mehr da ist. Die Heldin geht damit der Frage aus dem Weg, ob sie nicht sich selbst untreu geworden ist. Dass sich ihre Freundin Henni (Jenny Schily) etwas überakzentuiert mit deutlich jüngeren Männern vergnügt, unterstreicht diese Dimension noch.

          Als unabweisbar wird, was die ins Gelbliche tendierenden Bilder schon angedeutet haben, dass der Herbst des Lebens für Beate längst begonnen hat, ist da nur kurz der Schrecken. Dann kehrt der Stolz zurück, die Ehrlichkeit und die Ausdauer. So ähnlich wie der Autor Wolfgang Herrndorf „Arbeit und Struktur“ als einzig wirksames Gegenmittel gegen die Verzweiflung angesichts einer endgültigen Diagnose entdeckt hat, stürzt sich Beate Krüger ins Training. Sie lenkt sich damit nicht einfach ab, sondern vollendet sich. Wir sehen einer Figur zu, die sich selbst befreit, indem sie sich wiederfindet: ein nicht unmögliches Märchen.

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