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Frank Elstner wird 75 : Mutmacher der Nation

  • -Aktualisiert am

Kaum zu glauben, dass Menschen früher in solchen Kostümen auch außerhalb der Karnevalszeit auftraten: Thomas Gottschalk, Barbara Schöneberger, Michelle Hunziker und Günther Jauch (von links) spielen Abba, Frank Elstner bleibt ganz er selbst. Bild: dpa

Für manche war er vor 20 Jahren schon ein „Mann von gestern“. Doch Frank Elstner ist geblieben – und hat unermüdlich Neues erfunden. Zum Geburtstag widmet ihm die ARD ein großes „Wetten, dass..?“-Revival.

          Die Kritik war vernichtend: Er sei „ein Mann von gestern“, agiere vor der Kamera „wie die Notlösung, die direkt aus der Buchhaltung ins Studio kommandiert wurde“, sei gar der „Scheintoteste aller Showmaster“ – so schrieb „Die Woche“ 1994 über Frank Elstner. Die Zeitschrift gibt es schon lange nicht mehr. Frank Elstner aber ist geblieben – bis heute, mit 74 Jahren. Elstner ist noch immer Fernsehmoderator. Vor mehr als fünfzig Jahren moderierte er bei Radio Luxemburg seine ersten Sendungen, heute zeigt er im Ersten Naturwunder oder geht für den SWR auf Reisen. Noch immer schätzen viele seine Gesprächsführung, die nicht auf Konfrontation setzt, sondern verbindlich und einfühlsam ist. Von harter, mitunter hämischer Kritik hat sich der Erfinder von „Wetten, dass..?“ nie unterkriegen lassen. Er hat einfach weitergemacht. Zu seinem 75. Geburtstag am 19. April ehrt ihn die ARD deshalb mit einer großen Geburtstagsshow zur besten Sendezeit.

          Mit „Top, die Wette gilt!“, das am Dienstagabend im Berliner Studio Adlershof aufgezeichnet worden ist, lässt das Erste dabei die Zeit aufleben, in der Elstner seine größten Erfolge feierte und die er mit seinen Show-Erfindungen maßgeblich mitprägte: die siebziger, achtziger und neunziger Jahre, als das Fernsehen noch ein Leitmedium war. Vor allem an „Wetten, dass..?“ will „Top, die Wette gilt!“ anknüpfen: mit dem Titel, besonderen Wetten, die noch einmal live zelebriert werden, und einem cremefarbenen, großen Sofa. In einer durchwachten Nacht von Elstner erdacht, wurde die Show 1981 zum ersten Mal ausgestrahlt. Fortan schalteten deutlich mehr als zehn, mitunter sogar mehr als zwanzig Millionen Zuschauer das ZDF ein, wenn Elstners Sendung lief. „Wetten, dass..?“ war sein größter Erfolg, aber auch Ausschnitte und wiederbelebte Elemente anderer Sendungen Elstners, etwa „Verstehen Sie Spaß?“ oder „Die Montagsmaler“, dürfen bei „Top, die Wette gilt!“ nicht fehlen. Gezeigt werden in kurzen Einspielern und Ranglisten etwa Norbert Blüm bei einer fingierten Grenzkontrolle, ein Technikausfall bei den „Montagsmalern“, den Elstner elegant umschiffte, und beleibte Damen, die bei „Verstehen Sie Spaß“ im Möbelhaus in ein Wasserbett fallen, das tatsächlich mit Wasser gefüllt ist.

          Nur Markus Lanz fehlt

          Zum Einstieg gibt zudem Birgit Schrowange noch einmal die Programmansagerin, die sie bis 1994 im ZDF war, und annonciert Elstners Sendung. Das Motto: Gib mir das Gefühl zurück. Um das Revival aufzulockern, versuchen sich die prominenten Wettpaten anders als früher aber auch selbst. Michelle Hunziker und Barbara Schöneberger zum Beispiel stecken ihre Nasen in verschiedene Wasserbehältnisse – zur Temperaturmessung.

          Moderatoren unter sich: Frank Elstner und Kai Pflaume.

          Elstners Gäste – vier von ihnen treten später als die Band Abba auf – sind Weggefährten und jene, die in seine Fußstapfen getreten sind: etwa die Komiker Dieter Hallervorden und Karl Dall, die Moderatoren Günther Jauch und Wolfgang Lippert, der eine Zeitlang „Wetten, dass..?“ verantwortete, die Sendung aber nicht derart prägte wie Thomas Gottschalk, Elstners Nachfolger. Der führt in seinem alten Habitat aber ausnahmsweise einmal nicht das große Wort. Im Zentrum steht Elstner, moderiert wird die Sendung von Kai Pflaume. Markus Lanz, der „Wetten, dass..?“ zu Grabe tragen musste, fehlt. Dafür sind Joko Winterscheid und Klaas Heufer-Umlauf da, quasi als Brückenbauer zur jüngeren Generation. Elstner preist sie an. Eine Idee, die so zündet wie „Wetten, dass..?“, traue er ihnen zu, sagt er. Um die ganze Familie noch einmal vor den Schirm zu locken, ist ihr Part an diesem Abend jedoch zu klein.

          Für die „Bravo“ aufs Fellbett

          Frank Elstner, Vater von fünf Kindern und in dritter Ehe verheiratet, war nie allein ein Mann der Vergangenheit. Er hat im Rentenalter Twitter für sich entdeckt und fördert junge Journalismus-Talente. So hielt er es schon früher: „Wetten, dass..?“ sagte er 1987 überraschend adieu. Er widmete sich anderen Projekten und entwickelte mit seiner eigenen Firma neue Formate. Er gab Angestaubtem wie „Verstehen Sie Spaß“ neuen Schwung, reüssierte aber auch mit einer Sendung wie „Die stillen Stars“, in der er Nobelpreisträger vorstellte. Nicht jeder Plan ging auf. Manches floppte, etwa „Nase vorn“ im Zweiten. Elstner aber machte immer weiter.

          Hübsch eingerahmt: Frank Elstner mit Barbara Schöneberger (links) und Michelle Hunziker (rechts)

          Noch heute unangenehm ist ihm, wie er offenbart, ein Fehltritt, der ihm bei den „Montagsmalern“ unterlief. Damals sagte er im Scherz zu Roberto Blanco, er müsse nun „ganz ruhig bleiben, sonst musst du wieder in den Busch“. Das, sagt Elstner, der Skandalfreie, war „der Tiefpunkt meiner Karriere“. Es waren andere, analoge Zeiten: Der Spruch hätte ihm heute sicherlich den geballten Hass eines selbstgerechten Internetmobs eingebracht – und ihn womöglich den Job gekostet. Damals aber reichte es, dass sich Elstner nach der Sendung sofort bei Blanco entschuldigte. Im Rückblick peinlich, aber harmlos war indes ein zeittypisches Engagement: Für die Jugendzeitschrift „Bravo“ hatte sich Elstner nur mit einem Bademantel bekleidet auf einem Fellbett geräkelt.

          Dabei galt er Kritikern, die sich auf Unterhaltung schwerlich einlassen können, jahrzehntelang als personifizierter Schwiegersohn: Zu affirmativ, zu nachsichtig sei sein Fragestil, zu angepasst, zu glatt sein Auftreten. Elstner war der Biedermann. Seinen Fans war das und ist das gleichgültig. Seine Herangehensweise hat Frank Elstner selbst auch nie grundsätzlich in Frage gestellt, sondern als Vorteil gesehen, gerade im Gespräch mit Amateuren: „Wenn mir ein Mensch gegenübersitzt, von dem ich weiß, der ist schwächer als ich, versuche ich ihm Mut zu machen“, sagte er einmal in einem Interview. „Top, die Wette gilt!“ zeigt, dass dies nicht der falsche Weg war. „Lass dich feiern, Frank“, singt für ihn zum Abschluss Audrey Landers. Für die Jüngeren: Sie hat bei „Dallas“ mitgespielt.

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