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Auswandererepos in der ARD : Kein schöner Land in ihrer Zeit

Musikalischer Wurstmacher: Jonas Nay als Fidelis Waldvogel mit Leonie Benesch als Ehefrau Eva (links von ihm) und Aylin Tezel als ihre Helferin Delphine. Bild: ARD Degeto/SWR/Moovie//Constanti

Die ARD wartet mit einem deutsch-amerikanischen Auswandererepos auf: „Der Club der singenden Metzger“ erzählt von Heimat und Heimatlosigkeit.

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          Fidelis Waldvogel reist mit kleinem Gepäck. Die Messer seines Vaters hat er dabei und die selbstgemachten Würste. Die Rezeptur hat er im Kopf. Die Wurst verkauft er aus seinem Koffer. Von dem Geld bezahlt er seine Reise, aus dem Schwäbischen nach New York und schließlich – so weit die Dollars reichen – bis nach Argus, North Dakota. Dort, in einem Prärie-Kaff in der Mitte des Nichts, will er sein Glück machen, das er daheim verloren glaubte. Seelisch verwundet aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt, hält ihn nichts mehr in der Heimat. „I’m a butcher“, stellt er sich auf seiner Reise Fremden vor, „German Master Butcher“. Auf einen solchen hat Amerika, wie sich herausstellt, tatsächlich gewartet. Denn so gut wie seine Wurst schmeckt keine zweite.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Zirkusartistin Delphine ist ebenfalls auf dem Sprung. Gemeinsam mit ihrem Vater Robert tritt sie in die Manege, sofern dessen Zustand es zulässt. Zumeist liegt der Alte aber in der Garderobe im Alkohol-Koma. Seine Tochter verschifft ihn und sich kurzerhand nach Übersee. Wir schreiben das Jahr 1919, wirtschaftliche Not und politische Verhältnisse lassen viele Deutsche das Weite suchen. „Die da drüben essen jeden Tag Fleisch“, sagt ein Marktschreier, der die Passage nach New York anpreist. Metzger werden gebraucht, so viel scheint sicher, aber auch Artistinnen? Wenn sie die richtigen Bauchmuskeln haben, schon, stellt Delphine fest. Auf diese jedenfalls hat es der Artist Cyprian abgesehen. Mit ihm geht sie gemeinsam auf Tour, ihre Haltestation aber ist ebenfalls Argus, North Dakota.

          Es sind noch ein paar mehr Auswanderer aus Deutschland und Europa, die dort eine neue Heimat finden. Fidelis holt seine Frau Eva und Sohn Johannes nach, mit von der Partie ist aber leider auch die kaltherzige Tante Lore. Clarisse, gebürtige Ungarin, führt das Bestattungshaus im Städtchen und muss sich der zunehmend brutalen Avancen des Sheriffs erwehren. Am Independence Day aber finden sich alle hinter dem Laden des „German Master Butcher“ ein und feiern, für die musikalische Untermalung sorgt ein Männerchor, den Fidelis ins Leben gerufen hat, der „Club der singenden Metzger“ – „The Master Butchers Singing Club“.

          Delphine (Aylin Tezel) und Eva (Leonie Benesch, rechts).

          Unter diesem Titel erschien 2003 der Roman von Louise Erdrich, der die Vorlage des dreistündigen Auswandererepos bildet, welches die ARD heute Abend opulent ausbreitet. In den Vereinigten Staaten hat sich die Autorin, die 1954 als Tochter einer Ojibwe und eines Deutsch-Amerikaners zur Welt kam, längst einen Namen gemacht. Sie erhielt den National Book Award, den Pen/Saul Bellow Award und den Preis der Library of Congress. Auf Deutsch liegt inzwischen eine ganze Reihe ihrer Romane vor („Der Gott am Ende der Straße“, „Liebeszauber“, „Die Rübenkönigin“, „Das Haus des Windes“), die Geschichte des singenden Metzgers erschien 2004 unter dem Titel „Der Gesang des Fidelis Waldvogel“ bei Eichborn, aktuell ist der Roman unter dem Titel „Der Club der singenden Metzger“ im Aufbau Verlag erhältlich.

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