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ARD-Dreiteiler über den NSU : Seht die Wahrheit dieser Menschen

Sie blickt auf die Welt voller Hass: Beate (Anna Maria Mühe) ist keine Mitläuferin, sie handelt aus böser Überzeugung. Bild: SWR/ WDR

Die Mordserie der NSU-Terrorgruppe war nur möglich, weil in Deutschland Dunkelheiten herrschten, wo der Hass leben konnte. Der Fernsehdreiteiler „Mitten in Deutschland: NSU“ bringt Licht in diese Finsternis.

          Enver Şimşek parkt seinen Lieferwagen an der Landstraße. Er baut seinen Blumenstand auf. Wie immer hat er früh am morgen mit seiner Familie die Sträuße gebunden. Er summt vor sich hin. Enver Şimşek ist ein hingebungsvoller Mann, er liebt seine Frau Adile und seine beiden Kinder. Seine Tochter Semiya ist vierzehn, mitten in der Pubertät und ein bisschen schwierig. Als der Vater sie ins Internat fährt, necken sich die beiden, aber ganz im Ernst verspricht Enver seiner Tochter, dass sie bald wieder nach Hause kann, wenn sie sich in der Schule am Riemen reißt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Enver arbeitet von morgens bis abends für seine Familie, mit der er irgendwann wieder zurückgehen will in die Türkei. Er denkt an nichts anderes. Er klettert in seinen Wagen und legt gerade den Teppich zum Gebet aus, als ihn neun Schüsse treffen, aus zwei Pistolen. Fünf Kugeln feuern ihm die Täter ins Gesicht. Enver Şimşek stirbt zwei Tage später im Krankenhaus, am 11. September 2000. Zu diesem Zeitpunkt haben Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos schon drei Raubüberfälle begangen. Der Anschlag auf Enver Şimşek ist ihr erster Mord, neun weitere werden folgen, ein Nagelbombenanschlag, Sprengstoffanschläge, zwölf Raubüberfälle. Ihr letztes Opfer, die Polizistin Michèle Kiesewetter, töten die Mitglieder der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) am 25. April 2007.

          Zwischen ihrem Abtauchen in den Untergrund und dem gemeinsamen Selbstmord von Böhnhardt und Mundlos am 4. November 2011 vergehen dreizehn Jahre. Vier Tage später stellt sich Beate Zschäpe der Polizei. In dem gegen sie laufenden Prozess, der bis zum Herbst dieses Jahres dauern soll, stellt sie sich als Opfer der beiden Uwes dar. Nicht nur die Anklage ist davon überzeugt, dass Beate Zschäpe maßgeblich an den Verbrechen der Terrorgruppe Teil hatte, womöglich war sie deren Kopf.

          Ein Opfer ist die junge Frau namens Beate (Anna Maria Mühe), von welcher der erste Teil der Spielfilmreihe „Mitten in Deutschland: NSU“ handelt, mitnichten. Sie ist zunächst nur halt- und orientierungslos. Sie schmeißt die Schule, treibt sich in der linken Szene herum, dann in der rechten. Uwe M. (Albrecht Schuch) hat es ihr angetan, ein ebenso stattlicher wie charmanter Kerl, den sie im Jugendclub kennenlernt, als er gerade Deutschland in den Grenzen von 1937 an die Wand pinselt. Ob sie malen könne, will er wissen und grinst. Klar kann sie. Uwe M., der bald zur Bundeswehr muss - zum „Heer“, wie er sagt -, hat da aber schon seine Mission gefunden.

          Er lebt für den „Tag X“, an dem Deutschland wieder den Deutschen gehört, den Tag des Umsturzes, an dem die „Bewegung“ kurzen Prozess machen wird - mit den Juden, den Ausländern, den Linken, mit allen „Verrätern“. Die „Turner Diaries“ sind sein Evangelium, der Roman des amerikanischen Neonazis William Luther Pierce, der von einem Weltkrieg handelt, in dem die weiße Rasse alle anderen massakriert. Der Roman wurde bei Timothy McVeigh gefunden, dem Rechtsextremisten, der im April 1995 bei einem Bombenanschlag in Oklahoma 168 Menschen tötete. Das ist Uwe M.s Vorbild: „Ich sage nur: Oklahoma.“ Die beiden, die da neben ihm vor dem Fernseher sitzen, sind mit von der Partie, Beate und Uwe B. (Sebastian Urzendowsky). Sie haben schon eine ganze Reihe von Gewalttaten verübt, sie sind Überzeugungstäter, sie sind der bewaffnete Arm des NSU, dessen Unterstützerszene auf zweihundert Personen geschätzt wird.

          Semiya Şimşek entfernt ein rechtsradikales Grafito

          Als Semiya Şimşek (Almila Bagriacik) in Nürnberg ins Krankenhaus eilt, um ihren Vater zu sehen, nehmen sie Kriminalbeamte in Empfang, die erst einmal wissen wollen, ob ihr Vater Waffen besitzt. Schusswaffen? Hat ihr Vater Feinde? Wie es Enver Şimşek (Orhan Kiliç) geht, sagen die Polizisten nicht. Sie gehen davon aus, dass es einen Grund für diesen Mord geben muss, der etwas mit ihm und seiner Familie zu tun hat. Den Grund gibt es, aber nach dem sucht die Polizei nicht und deswegen kann sie die Täter auch nicht finden: blanker Fremdenhass.

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