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ARD-Dreiteiler über den NSU : Seht die Wahrheit dieser Menschen

Die Ermittler denken in alle möglichen Richtungen - Schutzgelderpressung, Drogengeschäfte, „Ehrenmord“, Blutrache -, sie erfinden eine vermeintliche Freundin Enver Şimşeks, um die Reaktion seiner Familie zu testen. Sie verdächtigen die Şimşeks, durchsuchen ihre Wohnung, hören sie ab und kommen schließlich mit der Steuerfahndung. „Glaub mir, wir irren uns nicht“, sagt Hauptkommissar Hegemann (André M. Hennicke), als Semiya abermals wissen will, ob die Täter endlich gefunden sind. Da hat der NSU schon ein halbes Dutzend Menschen ermordet, ist aus der „Sonderkommission Halbmond“ die „Soko Bosporus“ geworden, die an eine ganz große kriminelle Organisation glaubt. Nebenbei erfährt Semiya, dass die vermeintliche Liebschaft ihres Vaters eine Erfindung war, ein Testballon: „Das war eine Ermittlungsmaßnahme.“ Diese Maßnahme hat ihre Mutter Adile (Uygar Tamer) beinahe um den Verstand gebracht.

Ihr Vertrauen in das Land, dem sich die Familie zugehörig fühlte, in den Staat, in die Polizei ist dahin. Wie sollte es auch anders sein? Wie kann es etwas anderes geben als Entsetzen und Entfremdung angesichts dessen, was der Familie Şimşek geschieht? Semiya Şimşek hat darüber ein Buch geschrieben, auf diesem beruht das Drehbuch von Laila Stieler zu dem zweiten, zu dem eindringlichsten Teil der NSU-Trilogie „Die Opfer - Vergesst mich nicht“, einem poetischen Film, dem der Regisseur Züli Aladag eine emotionale Wucht verleiht, der sich niemand entziehen kann.

Mit Messer und Salzletten: Das Terror-Trio vor dem Fernseher
Mit Messer und Salzletten: Das Terror-Trio vor dem Fernseher : Bild: SWR/Stephan Rabold

Almila Bagriacik spielt Semiya Şimşek zuerst als unbekümmertes Mädchen, dessen Jugend auf einen Schlag vorbei ist, und dann als eine junge Frau, auf deren Schultern die Trauer der ganzen Familie und die Verantwortung für das Weiterleben lastet. In ihrem Blick drückt sich tiefe Verstörung, Verbitterung, Hoffnung aus, und man meint, die Kamera von Yoshi Heimrath müsse nur immer weiter laufen. Als die Täter auch nach Jahren nicht gefasst sind und es längst die grausame Schlagzeile von den „Döner-Morden“ gibt, scheint Semiya Şimşek aufgegeben zu haben. „Ich suchte nicht mehr nach Antworten“, sagt sie. „Dachte ich zumindest.“ Sie hat noch Fragen.

Nach Antworten suchen alle drei NSU-Filme, der letzte mit dem Titel „Die Ermittler - nur für den Dienstgebrauch“ von Florian Cossen geht vornehmlich der bis heute Staunen machenden Frage nach, wie die Ermittler derart versagen konnten. Es wundert einen nicht mehr, wenn man sich das grauenvoll absurde Theater anschaut, in das der - fiktive - Zielfahnder Paul Winter (Florian Lukas) vom Landeskriminalamt Thüringen und sein Vorgesetzter Walter Ahler (Sylvester Groth) hineingezogen werden. Die Versicherung „wir haben Unterstützung durch das Amt“ klingt den Fahndern böse in den Ohren. Denn in diesem Fall unternimmt der Verfassungsschutz alles, was getan werden muss, um die Verbrechen nicht aufzuklären. „Wir verfolgen in der Tat übergeordnete Ziele“ lautet die Erklärung, mit der alle Fragen nach dem Terrortrio weggebügelt werden.

Dessen Radikalisierung gleicht der militanter Islamisten, die drei jungen Leute puschen sich gegenseitig hoch, werden gewalttätig gegen jedermann, springen prügelnd durch die Gegend wie die „Droogs“ in Stanley Kubricks „Uhrwerk Orange“ und töten jede menschliche Regung in sich ab. Der Regisseur Christian Schwochow inszeniert das im ersten Teil der Trilogie „Die Täter - Heute ist nicht alle Tage“ nach dem Drehbuch von Thomas Wendrich in einer überwältigenden Unmittelbarkeit und dank des Spiels von Anna Maria Mühe, Albrecht Schuch und Sebastian Urzendowsky so, dass jeder weitere Schritt der drei in den Terror nachvollziehbar erscheint. Sie sind bald für niemanden mehr zu erreichen.

Noch frappierender und selbstverständlicher als Schwochow gelingt Züli Aladag der Wechsel der Perspektive. Der macht diese auch auf umfangreichen Recherchen beruhende Geschichte in drei Akten, mit welcher die Produzenten Gabriela Sperl, Quirin Berg und Max Wiedemann dem Ersten Programm ein Glanzlicht aufsetzen, so außergewöhnlich und verleiht ihr eine nachhaltige Wirkung. Wir sehen drei Filme, die Fiktion, aber nicht fiktional sind. Wir sehen auf eine Serie von Hassverbrechen, und wir sehen unser Land durch die Augen der Täter, der Opfer und der Ermittler. Vielleicht erkennen wir das Land nicht mehr. Wahrscheinlich erkennen wir es aber besser als vorher.

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