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ARD-Drama „Die Ungewollten“ : Der nächste Hafen könnte die Rettung sein

Martha (Britta Hammelstein) schafft es mit ihrem Sohn in letzter Minute auf die St. Louis Bild: NDR/ARD Degeto/David Dollmann

Vor achtzig Jahren irrte die St. Louis durch internationale Gewässer: Das Drama um das Flüchtlingsschiff steht stellvertretend für den Unwillen anderer Nationen, deutsche Juden auf der Flucht aufzunehmen und vor der Vernichtung zu bewahren.

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          Die Erzählung von dieser Überfahrt beginnt nicht am Hafen, sondern in einem KZ. Ende 1938 darf im Hamburger Konzentrationslager Neuengamme Martha Stern (Britta Hammelstein) für wenige Minuten ihren Mann Walter besuchen. Sie gibt ihm eine Glasmurmel von ihrem gemeinsamem Sohn und eine Hoffnung mit auf den Weg zurück in die Zelle. Martha hat ein Ticket für eine Überfahrt nach Kuba ergattert – für Walter allein. Wenn er unterschreibe, dass er nie nach Deutschland zurückkehre, käme er frei. Sie und das Kind reisten nach, irgendwie. Hauptsache, die jüdische Familie entrinnt dem nationalsozialistischen Terror, bevor es zu spät ist.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Am 13. Mai 1939 stehen Martha und der kleine Leo mit mehr als neunhundert anderen Menschen, die vom NS-Regime als Juden verfolgt werden, in Hamburg am Quai und gehen an Bord der St. Louis. Das Transatlantikschiff steht unter dem Kommando des Kapitäns Gustav Schröder (Ulrich Noethen) und soll auf dieser Sonderfahrt Kuba ansteuern. Einmal quer über den Ozean nach Havanna, dann mit dem leeren Schiff weiter nach New York und von dort auf Karibik-Kreuzfahrt, so lautet der Plan. Der Mann auf der Brücke trägt ein NSDAP-Parteiabzeichen im Knopfloch und leistet seit zwanzig Jahren Dienst für seine Reederei, die Hapag. Das von Ben von Grafenstein inszenierte Doku-Drama „Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis“ zeichnet nach, wie die kommenden zwei Wochen diesen Mann verändern und über das Schicksal seiner Passagiere entscheiden werden.

          Wie ein schwimmendes Gefängnis

          Das historische Drama um die St. Louis, das sich vor achtzig Jahren auch diplomatisch in internationalen Gewässern abspielte, ist wohlbekannt und steht stellvertretend für den Unwillen anderer Nationen, deutsche Juden auf der Flucht aufzunehmen und vor der Vernichtung zu bewahren. Die St. Louis erreichte binnen weniger Tage Havanna. Die Visa der Menschen an Bord hatte der kubanische Tourismusminister auf windige Weise auf eigene Rechnung (und für die eigene Tasche) teuer verkauft, der kubanische Präsident erklärte die Einreiseerlaubnisse für ungültig.

          Das Schiff lag im Hafen wie ein schwimmendes Gefängnis, und Goebbels rieb sich die Hände ob dieses Triumphs. Keiner der Passagiere durfte von Bord, zwischen den Festgehaltenen an der Reling und Familienmitgliedern oder Freunden an Land spielten sich in Rufweite herzzerreißende Szenen ab. Die internationale Presse berichtete, jüdische Hilfsorganisationen bemühten sich um Vermittlung, die Welt schaute zu, blieb aber untätig. Das Schiff musste ablegen und machte sich wieder auf den Weg. Nur wohin? Die Vereinigten Staaten lehnten die Aufnahme der Flüchtlinge ab, Kanada ebenso (wofür, wie der Film zeigt, der kanadische Premier Justin Trudeau im vergangenen Jahr um Entschuldigung gebeten hat). Schröder konnte nur Richtung Deutschland steuern, wo auf die Passagiere wieder die Lager warteten.

          Auf Grundlage von Aufzeichnungen Gustav Schröders haben die Drehbuchautoren Susanne Beck und Thomas Eifler die Vorlage für ein Nervenspiel geschrieben, das über anderthalb Stunden dicht an den Figuren und der geschichtlich verbürgten Abfolge der Ereignisse bleibt. Wie Bildgewitter brechen Archivaufnahmen und Fotos aus dem nationalsozialistischen Deutschland in das Spielfilmgeschehen ein, das auf eindrückliche Weise von Kurzinterviews mit früheren Passagieren unterbrochen wird. Gisela Knepel, Herbert Karlinger, Phil Freund und Sol Messinger waren Kinder oder Jugendliche, als sie auf der St. Louis mit ihren Familien zwischen Rettung und Untergang trieben.

          Es hätte zur Meuterei kommen können, zu zahllosen Suiziden und Gewaltexzessen. Es hätte eine Massenauslieferung an die Gestapo stattfinden können. Dass nichts davon geschah, so zeigt es dieser Film, verdankte sich Gustav Schröder. Statt den Schauspielern die Last aufzubürden, eine komplexe Geschichte darstellerisch auszuerzählen, werden sie dadurch entlastet, dass sie aus dem Off die Gedanken der Figuren und Hintergrundinformationen in die Szenen sprechen können. Das schafft eine wohltuende Distanz in einem zurückhaltenden, ergreifenden Film.

          Die Aktualität des Stoffes drängt sich mit Blick auf das andauernde Flüchtlingsdrama im Mittelmeer auf, und doch verbietet sich „Die Ungewollten“ jede Parallelisierung zur Gegenwart. Ulrich Noethen kann in aller Ruhe zeigen, wie Schröder von Order zu Order und Telegramm zu Telegramm mit sich und seinem Ersten Offizier (Johannes Kienast) ausmacht, welche Anweisungen er ausführen will – und welche nicht. Er plant eine fingierte Havarie, eine Evakuierung, und muss doch immer wieder umdenken, bis endlich Belgien, die Niederlande, Frankreich und Großbritannien helfen. Das Bangen und Hoffen fängt die Kamera Raphael Beinders aus der Perspektive Marthas und der anderen Passagiere wie auf schwankendem Grund ein. Der Feind ist mit einem glühenden Anhänger des NS-Regimes in Gestalt des Stewards (Florian Panzner) die ganze Zeit über an Bord.

          „Die Ungewollten“ ist fast makelloses Dokudrama-Fernsehen, eine würdige Aufbereitung eines Dramas auf einem Schiff und in einem Menschen, der später von Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern gewürdigt wurde. Gefragt, warum er diese Risiken eingehe, sich zu widersetzen, obwohl er doch daheim einen durch die Rassegesetze gefährdeten behinderten Sohn habe, antwortet Kapitän Schröder schlicht: Ja, er wolle seinen Sohn schützen. Aber wolle auch nicht für den Tod von mehr als neunhundert Menschen verantwortlich sein. Dieser Film setzt diesem Mann ein Denkmal. Ein Drittel der Passagiere, die zunächst gerettet schienen, wurde im Holocaust ermordet.

          Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis läuft um 20.15 Uhr im Ersten.

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